Archiv
08. Februar 2016

Mein Fehler!

Grund für eine Entschuldigung
Bei «Mamma mia» gibt es diesmal Grund für eine Entschuldigung. (Bild: Fotolia)

Ich sitze im Wartezimmer. Eva ist auf den Nachbarstuhl geklettert und leistet mir Gesellschaft. Ihre Beine sind zu kurz und baumeln in der Luft. Sie wippt ein bisschen mit dem Stahlrohrstuhl, quietsch-quietsch-quietsch. Ich greife nach einer welligen Frauenzeitschrift und blättere sie mit spitzen Fingern durch. (Unglaublich! Es gibt tatsächlich Leute, die sogar die Heftli beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt anlecken, um zur nächsten Seite zu kommen …) Mein Kind tut es mir nach und greift das Disney-Magazin, ohne es gross zu berühren, an, obwohl Donald und Mickey noch ganz manierlich aussehen. Ich gähne, Eva gähnt.

Mit uns warten nur wenige Leute, die Hälfte der Stühle bleibt frei. Doch dann füllt sich der Raum. Der Patientenstrom reisst nicht ab. Alle finden einen Platz. Bis auf eine ungefähr 60-Jährige, die verloren im Raum steht, ganz so, als habe sie beim Spiel «Reise nach Jerusalem» verloren.

Ich kann meine Augen nicht abwenden. Und natürlich knallt meine eigene Erziehung rein: Kinder machen für Erwachsene Platz. Das war so, das ist so, das wird immer so sein. Punkt. Ich reagiere und reisse Eva aus ihrem Tagtraum, versuche sie auf meinen Schoss zu zerren. Doch das Kind bockt, versteht nicht, wie ihm geschieht. «Hör auf, Mami, ich will hier sitzen bleiben!» Die ersten Leute gucken in unsere Richtung, die Spielverliererin lächelt (was ich ihr hoch anrechne) und erklärt, dass Stehen auch ganz schön sei. Eva fühlt sich bestätigt. Und ich schäme mich in Grund und Boden. «Aber Mäuslein, du kannst doch prima auf dem Mami-Schoss sitzen …» Mein Kind schiebt die Unterlippe vor: «Aber ich war zuerst da, das ist mein Platz.»

Okay, dann eben mit Gewalt. Wir wollen uns schliesslich von unserer besten Seite zeigen, nicht wahr? Eva strampelt und kreischt, das Disney-Heft segelt zu Boden. Als der kleine Wutzwerg endlich auf mir sitzt, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie ein anderer Patient den Kopf schüttelt. Klar, er ist einer, der es schon immer gewusst hat, dass die modernen Mütter ihren Job nicht machen. Mein Kind versteht derweilen die Welt nicht mehr. Dicke Tränchen kullern. «Warum bist du so gemein?», will es wissen. Man dürfe doch nicht einfach etwas wegnehmen, sondern müsse erst fragen, ob der andere damit fertig sei. Kindergarten-Etiquette.

Ich überlege und komme sehr schnell zu einem eindeutigen Ergebnis: Der Fehler liegt bei mir. Deswegen mache ich etwas ganz Verwegenes: Ich entschuldige mich bei meiner Fünfjährigen. Vor allen Leuten. Dafür, dass ich ihr nicht in Ruhe erklärt habe, warum wir den Stuhl freigeben sollten, dafür, dass ich sie ohne Vorwarnung heruntergezerrt habe, dafür, dass ich nicht hingehört habe, als sie es mit Argumenten versucht hat. So. Und nun darf dieser andere Patient gern nochmals seinen Kopf schütteln.

Autor: Bettina Leinenbach