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28. Juli 2014

Mehr Zeit zum Leben

Sonja Hasler ist seit 20 Jahren beim Schweizer Radio und Fernsehen, zuletzt als Politiker-Dompteuse in der Sendung «Arena». Jetzt gräbt die Moderatorin Kartoffeln aus und will sich auf das Wesentliche im Leben besinnen. Seit Ende Mai nimmt sie eine Auszeit. Lesen Sie zudem rechts unsere zehn Tipps für ein Sabbatical.

Sonja Hasler
«Lieber Time-out als Burn-out»: Moderatorin Sonja Hasler macht 
ein Jahr Pause. Ob sie danach zum Fernsehen zurückkehren wird, 
hat sie noch nicht 
entschieden.

Zwei grosse und sechs kleine Hände wühlen in der frisch gepflügten Erde, greifen da und dort eine Knolle und befördern sie behände in den Plastikkorb. «Sönne, darf ich mal in deinem Bus übernachten?» – «Kommst du nächste Woche mit zum Fussballtraining?» – «Wirst du auch beim Kirschenpflücken dabei sein?» Eine Frage nach der andern stellen die drei Kinder.

Sonja Hasler (47), bekannt als resolute Gesprächsleiterin der Diskussionssendung «Arena», gibt geduldig Auskunft, lacht herzhaft und neckt Jonas (12), Tabea (13) und Rahel (10), indem sie ihnen die grössten Kartoffeln vor der Nase wegschnappt. Die Moderatorin hat sich Ende Mai vom Bildschirm verabschiedet und nimmt sich eine Auszeit – und hat so mitunter Zeit, auf dem Bauernhof der Familie Isler, mit der sie seit Jahren befreundet ist, mitzuhelfen.

Wandern, Töffprüfung, Akkordeon – die Wunschliste ist lang

Was hat die Karrierefrau zu diesem Schritt bewogen? «Sechs Jahre sollt ihr eure Felder bestellen, aber jedes siebte Jahr muss das Feld ruhen», zitiert die gebürtige Emmentalerin aus dem Buch der Bücher. So betrachtet sie ihr Sabbatical, von hebräisch šeba für sieben, als schon lange überfällig. Hasler kennt sich mit Bibeltexten aus. Schliesslich hatte sie neben Germanistik und Psychologie auch Theologie studiert, bevor sie vor rund 20 Jahren zum Schweizer Radio und Fernsehen kam.

So kennt man Sonja Hasler: Als Gesprächsleiterin der «Arena». (Bild: SRF)
So kennt man Sonja Hasler: Als Gesprächsleiterin der «Arena». (Bild: SRF)

Sie hat sich im Leutschenbach für ein Jahr beurlauben lassen und weiss noch nicht, ob sie überhaupt zum Fernsehen zurückkehren wird: «Ich lasse mich jetzt einfach mal treiben. Alles ist möglich. Und bevor ich mir konkret Gedanken mache, wie es weitergehen könnte, will ich mir Zeit nehmen für all die Dinge, die in letzter Zeit zu kurz gekommen sind.»

Die Wunschliste von Sonja Hasler ist lang: Sie will mehr Sport treiben, wandern, auf ein paar Viertausender kraxeln, das Matterhorn umrunden, Leute treffen, Kaffee trinken, Bücher lesen, Akkordeon spielen, die Töffprüfung machen, Zeit mit Freunden und den Patenkindern verbringen, wieder mal ein Schwingfest besuchen und die Möglichkeit haben, mit ihrem VW Camper spontan ans Meer zu fahren. Oder wie sie es selber auf den Punkt bringt: «Ich will mehr Leben und weniger News.»

«Ich will mehr Leben und weniger News»: Sonja Hasler packt auf dem Bauernhof von Freunden an und nimmt sich die Freiheit, mit ihrem Campingbus spontan ans Meer zu fahren.
«Ich will mehr Leben und weniger News»: Sonja Hasler packt auf dem Bauernhof von Freunden an und nimmt sich die Freiheit, mit ihrem Campingbus spontan ans Meer zu fahren.

Sonja Hasler war die erste Frau in der Gesprächsleitung der «Arena». Sie musste sich anhören, dass es in weiblichen Genen nicht angelegt sei, eine so wichtige Politsendung zu moderieren. Sie wurde von ihren Gegnern für alles Mögliche kritisiert. Für ihre Haartracht, ihren Lippenstift, ihren Diskussionsstil. Den einen war sie zu hart, den anderen zu zart. Ihre Vorgesetzte Marianne Gilgen indes bedauert ihren Abgang und findet: «Sonja Hasler liess sich nicht so leicht von Politgrössen beeindrucken und fand den richtigen Ton gegenüber ihren Gesprächspartnern – vom Bundesrat bis zum Bergbauern.»

Braucht Sonja Hasler die Auszeit, weil sie sich von dem aufreibenden Job vor der Kamera erholen muss? Sie fühle sich nicht ausgebrannt, aber es könne nicht schaden, die Batterien wieder mal tüchtig nachzuladen: «Lieber Time-out als Burn-out», antwortet sie und lacht. «Ich gehe davon aus, dass ich noch weitere 20 Jahre arbeite, und das will ich mit Lust und Leidenschaft machen.» Fernsehen sei sehr durchgetaktet. Wenn das rote Lämpchen an der Kamera leuchte, dann müsse man absolut präsent sein – darum geniesst sie es jetzt umso mehr, dass sie für nichts und niemanden bereit sein muss.

Angst vor einem Karriereknick oder gar vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit hat die Fernsehfrau nicht: «Ich definiere mich nicht darüber, ob mich ein Bundesrat grüsst, wenn ich über den Bundesplatz gehe.» Sie denke nicht in solchen Kategorien. So lange die Arbeit ihr Spass mache, interessant sei und sie inspiriere, könne sie sich jeden Job vorstellen.

Bald zwei Monate ist Sonja Hasler nun schon vom Bildschirm weg. In diesen acht Wochen hat sie weder den Adrenalinkick vor der Kamera noch die Diskussionen mit Politikern vermisst: «Ich bin in kein Loch gefallen.» Vielleicht auch, weil sie so viele Dinge auf ihre Auszeit verschoben habe und ihre Agenda nach wie vor mehr als gefüllt sei. Sie hoffe aber, dass das noch anders werde: «Ich sehne mich nach dem Moment, in dem ich auf dem Sofa sitze und mich langweile. Das wird ein spannender Moment.»

Die Fernsehfrau empfindet ihre Pause als Privileg

Sucht man im Internet die Stichworte «Auszeit» oder «Sabbatical», ergeben sich Millionen von Treffern. Man findet Listen mit Ratschlägen, unzählige Artikel und Bücher zum Thema. Sie heissen «Mut zur Auszeit», «Auszeit als Chance», «Zeit für dein Leben», «Die Kunst der Auszeit» oder «Sabbatical – so gewinnen alle».

Sonja Hasler hatte sich Ende 2013 zu einem Jahr Pause entschlossen und sich dann lange keine Gedanken gemacht, wie sie das Projekt genau angeht. Als sie sich dann konkret damit zu befassen begann und sah, wie viel Informationen es im Netz zum Thema gab, erschrak sie ein wenig: «Ich fragte mich, nehme ich das vielleicht etwas zu locker? Brauche ich vielleicht doch mehr Struktur?» Gängige Beschäftigungen in der Auszeit sind beispielsweise Sprachkurse, Sozialeinsätze oder Weiterbildungsseminare. Von all dem hat Sonja Hasler nichts geplant. Die einzigen Vorkehrungen, die sie getroffen hat, sind rechtlicher und versicherungstechnischer Natur: «Ich habe meine Pensionskassengelder immer noch beim Schweizer Fernsehen und zahle auch weiterhin ein.» Auch die Unfallversicherung und ihre E-Mail-Adresse laufen noch über das Fernsehen: «Ich nehme nach wie vor die eine oder andere Anfrage für Moderationen in der Privatwirtschaft an, und so ist es gut, dass ich via Geschäftsmail für die Leute erreichbar bin.»

Sonja Hasler packt auf dem Bauernhof von Freunden an.
Sonja Hasler packt auf dem Bauernhof von Freunden an.

Die unregelmässigen Einsätze als Eventmoderatorin sind für Sonja Hasler auch von finanziellem Interesse: «Wenn man mehr Zeit hat, braucht man auch mehr Geld.» Sie wohne momentan zwar günstig und habe sich kein Budget gemacht, müsse aber die Kosten trotzdem ein wenig im Auge behalten.

Ein Grund, warum sich Sonja Hasler diese Auszeit leisten kann, ist sicher die Tatsache, dass sie keine Verpflichtungen gegenüber Dritten hat. Sie lebt zwar in einer Beziehung, hat aber keine eigenen Kinder: «Ich hätte zwar gern welche gehabt, aber es hat sich leider nie ergeben.»

Heute geniesst sie die Vorzüge des kinderlosen Lebens. Sie empfindet ihre Unabhängigkeit als Privileg und meint: «Meine Auszeit ist eigentlich gar nicht so mutig. Wenn nicht ich, wer denn sonst kann sich diese Freiheit nehmen?»

Gleichzeitig betont Sonja Hasler, wie wichtig ihr Freunde und Familie sind. Beziehungen, für deren Pflege sie sich im kommenden Jahr mehr Zeit nehmen will: «Arbeit ist wichtig, aber nicht das Wichtigste: Ich will mir auf dem Sterbebett dereinst nicht vorwerfen, ich hätte falsche Prioritäten gesetzt.» Und darum wird sie Jonas, Tabea und Rahel wahrscheinlich nach der Kartoffelernte nicht nur zum Fussballtraining, sondern auch noch zum Kirschenpflücken begleiten.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Tanja Demarmels