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08. September 2014

Mehr Zeit und Geld

Mehr Geld, mehr Elternzeit, weniger Steuern: Eine wahre Flut von politischen Vorstössen möchte das Familienleben wieder attraktiver machen. Politexperten haben Zweifel – und Sie? Stimmen Sie in Umfragen zu vier wichtigen Vorlagen ab.

Familienpolitik
Verschiedene Parteien fordern mehr Kinderzeit für Väter.

Vaterschaftsurlaub, steuerfreie Kinderzulagen, keine Heiratsstrafe mehr: Wenn es nach den Plänen der Politiker geht, wird die Schweiz schon bald das reinste Paradies für Eltern sein – und für ihre Kinder natürlich. Zahlreiche parlamentarische und private Vorstösse sollen dafür sorgen (siehe rechts).

In der Herbstsession, die heute beginnt, berät der Ständerat über eine CVP-Initiative, die Familienzulagen von Steuern befreien will. Voraussichtlich nächstes Jahr kommt das Anliegen an die Urne. In den Räten sind weitere familienbezogene Anliegen traktandiert wie zum Beispiel ein Konzept für Wiedereinsteigerinnen nach der Babypause.

Experten stehen der Masse an familienunterstützenden Begehren skeptisch gegenüber. Die Berner Politologin Michelle Beyeler (40) erinnert an die Parlamentswahlen vom nächsten Jahr: «Die Parteien bringen sich mit Familienthemen in Position, weil da der grösste Handlungsbedarf spürbar ist.»

Denn, so sagt die Mutter von zwei Kindern, die Strukturen in Arbeitswelt und Familienleben hinken dem Wandel der letzten 40 Jahre, in dem neue Rollenbilder von Mann und Frau entstanden sind, hinterher. Beyeler bezweifelt aber, dass finanzielle Anreize wie Steuerermässigungen den Herausforderungen moderner Familien wirklich gerecht werden.

Ihrer Meinung nach könnten Politiker jetzt mit einem Vorstoss zur Arbeitszeitverkürzung oder -flexibilisierung etwas bewirken. Dann, so glaubt sie, würde man endlich darüber diskutieren, wie viel Zeit den Arbeitnehmern für ihre Kinder zur Verfügung steht. «Der geforderte Vaterschaftsurlaub ist deshalb am ehesten zukunftsweisend», sagt Beyeler, «dadurch wird erstmals ein expliziter Anspruch auf Kinderbetreuungszeit für Väter erhoben.»

Markus Theunert (41), Präsident des Dachverbandes männer.ch, sieht das ähnlich. Allerdings findet er: «Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub sind zu wenig.» Eine echte Veränderung könnte seiner Meinung nach nur der Vorstoss der FDP bringen, der die Einzelbesteuerung von Eltern ermöglichen soll, unabhängig davon, ob sie verheiratet oder ledig sind. «Die Individualbesteuerung wäre ein erster Schritt weg von der Versorgungsgemeinschaft», so der Vater einer kleinen Tochter, «und hin zu einer Solidargemeinschaft, in der jeder Elternteil für sich selber, aber beide für ihre gemeinsamen Kinder verantwortlich sind.» Für den Männer- und Geschlechterfachmann wäre das nicht nur ein Gebot der Fairness, sondern auch ein Weg aus der Ernährerfalle.

Letztere will Theunert auch an anderer Front bekämpfen: Laut dem neuen Unterhaltsrecht, das der Nationalrat im Sommer befürwortete, muss bei einer Trennung oder Scheidung jener Elternteil, der das Kind weniger betreut, dem anderen eine Art Erwerbsausfallentschädigung zahlen. «Das geht aber nur, wenn beide wählen können, ob sie die Hälfte der Betreuung übernehmen wollen», sagt Theunert. Die Männer- und Väterorganisationen fordern deshalb: «Im Falle einer Scheidung oder Trennung muss die Obhut neu verhandelt werden. Damit bekommen auch Väter eine Chance auf mehr Kinderzeit.»

Theunert weiss um die Radikalität dieser Forderung, doch genau wie Michelle Beyeler hält er nichts von halbherzigen Zahlungen hier und bescheidenem Elternurlaub da. Beide erachten nur Auszeiten ab 24 Wochen als «richtigen» Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub. Bis es in der Schweiz so weit ist, könne es allerdings noch lange dauern, nämlich gut 20 Jahre – auch hier sind sich die beiden Experten einig.

Stimmen Sie ab!

In den Artikeln in der rechten Spalte stellen wir Ihnen Vorschläge und Positionen zu verschiedenen Themen der Familienpolitik vor. Nehmen Sie an unserer Umfrage teil und sagen Sie uns, was Sie von den Vorschlägen halten.

Autor: Yvette Hettinger