Archiv
07. Mai 2012

Mehr Zeit für die Kinder – ein Wunschtraum?

Viele Väter wollen ihre Kinder nicht nur am Wochenende sehen, sondern mit ihnen den Alltag teilen. Auch wenn dies bedeutet, finanzielle Opfer zu bringen und auf eine karrierefördernde Vollzeitstelle zu verzichten. Pascal Sutter und Michael Gohlke machen, was für die meisten Väter Wunsch bleibt.

Jeden Montag 
ist Papatag: 
Pascal Sutter 
mit seiner Tochter Yara.

Von Unternehmen zu Unternehmen, von Kanton zu Kanton verschieden:
der Vaterschaftsurlaub in der Schweiz

Zufrieden sitzt die zweieinhalbjährige Yara auf Pascal Sutters Knien und zeichnet mit dem Kugelschreiber farbige Zettel voll. Dann schnappt sie sich das letzte Guetsli vom Teller und lächelt ihren Papa verschmitzt an. Dieser sagt: «Die Tage mit Yara möchte ich um nichts in der Welt missen — sie sind unersetzlich.» Jeden Montag ist Papatag. Sutter hat sein Arbeitspensum in einer Zürcher Webagentur auf 80 Prozent reduziert, damit er seine Tochter nicht nur am Wochenende beim Aufwachsen miterleben kann.

Die Zeit zu Hause hat sich der 36-Jährige ganz bewusst ausbedungen, ebenso den Monat Vaterschaftsurlaub nach der Geburt seiner Tochter. «Dies war nicht einfach, wir sind nur vier Leute im Team.Und prompt kam kurz vor Yaras Geburtstermin ein Riesenauftrag herein», erzählt er. Er war der Erste im Geschäft, der Kinder hatte. Sein Chef stand dem Urlaubswunsch zwar positiv gegenüber, aber die Umsetzung gestaltete sich dann doch etwas harzig. «Dafür hatte ich kein Problem, sofort nach der Geburt die Arbeitszeit zu reduzieren», freut sich Sutter. Inzwischen haben Chef und Kollegen gemerkt, dass er zwar einen Tag weniger im Büro anzutreffen ist, sich dafür wesentlich straffer organisiert und produktiver arbeitet als zuvor.

Gemeinsam in die Elternrolle hineinwachsen: Das war für Irene Brändle und Pascal Sutter sehr wichtig.
Gemeinsam in die Elternrolle hineinwachsen: Das war für Irene Brändle und Pascal Sutter sehr wichtig.

Pascal Sutter hat geschafft, was gemäss einer letztjährigen Studie der Pro Familia Schweiz 90 Prozent der Väter gerne täten: Teilzeit zu arbeiten und dem Familienleben mehr Wert zuzumessen als der Karriere und dem Geld. Genau das Geld ist aber ein wichtiger Faktor bei diesem Anliegen: Seinen Vaterschafts-urlaub hat Sutter selber finanziert, mit einem Betrag, den er glücklicherweise von einer langen Neuseelandreise übrig hatte. Bei einem zweiten Kind würde er das wieder genau gleich machen. Er ist bereit, im Alltag finanziell enger zu fahren, um etwas Geld auf die Seite legen zu können. Das geht nicht zuletzt, weil seine Frau zu 60 Prozent als Berufsberaterin arbeitet und die Familie eine günstige Wohnung gefunden hat. «Die paar Abstriche im Alltag sind es uns beiden längstens wert», sagt er.

Für Sutter war besonders der eine Monat Vaterschaftsurlaub enorm wichtig, denn in dieser Zeit wuchsen seine Frau Irene Brändle (38) und er gemeinsam in die neue Elternrolle hinein: «Wir lernten zusammen zu wickeln, das erste Zweitagefieber durchzustehen und den völlig veränderten Alltag mit einem kleinen Baby zu meistern.» Ein richtig gutes Team seien sie dadurch geworden, sagt er, «und das ist die Bedingung: Beide müssen voll mitziehen.» Dann sei es machbar, auch finanziell.

Väterzeit tut den Kindern gut, und sie stärkt die Beziehung

Damit sich das mehr Väter leisten, möchte Männer.ch, der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, ein neues Modell für einen selbst finanzierten, aber steuerbefreiten Vaterschaftsurlaub lancieren (siehe Box rechts). «Väterzeit ist ein zentrales Gleichstellungsanliegen der Männer und entspricht dem Wunsch moderner Väter», sagt Markus Theunert, Präsident von Männer.ch. «Zudem tut Väterzeit den Kindern gut und stärkt die Beziehung.» Das primäre Ziel der Väterzeit ist jedoch, dass mehr Männer mehr Familienzeit geniessen können. Denn heute arbeiten auch die fortschrittlichsten Väter, die sich in der Väterorganisation Avanti Papi vereint haben, oft noch mehr, als sie eigentlich möchten, und zwar durchschnittlich 70 bis 80 Prozent.

Halbzeitväter wie Michael Gohlke, Gründer von Avanti Papi, sind da eine Seltenheit: Der 42-jährige Techniker arbeitet seit der Geburt seines ältesten Sohns 50 Prozent und teilt sich Haushalt und Berufstätigkeit genau zur Hälfte mit seiner Frau Sandra (39). Im Moment schlägt er schwungvoll sechs Eier in eine Schüssel, gibt Mehl, Wasser und Salz dazu und rührt energisch: Heute ist er zu Hause und kocht für die hungrige Jungmannschaft selbst gemachte Spätzli mit Pilzrahmsauce. Die 2½-jährige Jule hilft eifrig mit und schneidet konzentriert einen Champignon in winzige Stücke. Kurz nach zwölf Uhr kommen ihre beiden grossen Brüder Yanick (11) und Sascha (8) aus der Schule und schmeissen ihre Schulrucksäcke in die Ecke. «Ich bin hungrig, Papi», ruft Sascha. Aber erst müssen die Jungs noch den Tisch decken, Mithelfen ist Ehrensache. «Ja, ich finde es cool, dass mein Papi so oft zu Hause ist», nickt Yanick. Er könnte sich gut vorstellen, das später auch mal so zu machen.

Teure Wohnung und Ferien auf den Malediven liegen nicht drin

Teilt Haushalt und Berufstätigkeit genau halbe-halbe mit seiner Frau: Michael Gohlke mit seiner hungrigen Jungmannschaft Sascha, Jule und Yannick.
Teilt Haushalt und Berufstätigkeit genau halbe-halbe mit seiner Frau: Michael Gohlke mit seiner hungrigen Jungmannschaft Sascha, Jule und Yannick.

Für Michael Gohlke jedenfalls ist es die einzig befriedigende Lösung. «Klar, wir haben Glück, weil meine Frau als Heilpädagogin und ich als IT-Betreuer in einer Schule günstige Voraussetzungen haben», räumt er ein. Aber der Zürcher ist überzeugt, dass es die meisten Väter einrichten könnten, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, wenn es ihnen wichtig genug wäre: «Das ist eine Frage der Prioritäten.» Eine steile Karriere, Ferien auf den Malediven und eine Designerwohnung liegen nicht gleichzeitig drin. Dafür ist Kreativität angesagt: «Möbel? Fast alle aus der Brockenstube. Kleider? Ebenfalls aus der Brockenstube. Kochen? Mit wenig Fleisch, aber frisch und gesund. Ferien? Per Autozug nach Ostdeutschland, in eine Jugendherberge voller Familien, mit Töggelikasten und Fussballplatz am Meer», zählt Gohlke locker auf. Was sollte er sich anderes wünschen? Karriere jedenfalls kann es seiner Meinung nach nicht sein. «Das Kostbarste habe ich — Zeit für meine Kinder.»

Pascal Sutter zieht derweil seine Tochter Yara gut an. Die beiden gehen heute Nachmittag trotz regnerischen Wetters spazieren, vielleicht machen sie auf einem Spielplatz halt. Oft sitzt Sutter dann neben 20 Müttern und nur zwei anderen Vätern da. «Das stört mich nicht», sagt er entspannt. Übrigens ist für ihn noch längst nicht entschieden, dass er wegen seiner Vaterzeit für immer auf Karriere verzichten muss: «Das kann ich noch lange anpacken, wenn Yara mich später weniger nötig hat.»

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Tina Steinauer