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21. Januar 2013

Mehr Verständnis zeigen

Validation setzt zuallererst gar nicht beim betreuten Demenzkranken an, sondern bei der Pflegeperson selbst. Eine kurze Einführung zur Methode für pflegende Angehörige.

Validation ist eine Methode, mit desorientierten Menschen zu kommunizieren, die an irgendeiner Form von Alzheimer-Demenz leiden. Sie wurde von Naomi Feil, einer amerikanischen Sozialarbeiterin, entwickelt und 1982 erstmals veröffentlicht.

Validation versucht nicht, die Situation desorientierter alter Menschen zu verbessern. Sie bringt Pflegende vielmehr dazu, sich besser in die innere Realität des Angehörigen einzufühlen. Denn nur durch eine liebevolle, empathische Beziehung kann der Kontakt oder eine neue Art von Verbindung (wieder-)hergestellt werden, was auf beiden Seiten zu mehr Leichtigkeit und Freude führt.

Sich selbst reflektieren
Angehörige, die für einen desorientierten, nahestehenden Menschen sorgen, sind nicht nur mit körperlichen Anstrengungen belastet, sondern auch mit einer enormen Bandbreite emotionaler Herausforderungen. Dabei gehören Frustration, Ärger, Trauer, Schmerz und Verlust zu den täglichen Erfahrungen. Doch hat man das alles auf sich genommen, kann es helfen, wenn man ...

• die eigenen Gefühle erkennt und respektiert

• die Gefühle und Bedürfnisse des desorientierten Angehörigen erkennt, die deutlich anders sind als die eigenen

• lernt, sich von den eigenen Gefühlen, Wertungen und Sorgen für die kurze Zeit der Validation freizumachen

• lernt, das erkrankte Familienmitglied genau zu beobachten, womit man die nötigen Hinweise zu findet, um dessen persönliche Welt zu verstehen

• ein Netzwerk zur eigenen Unterstützung aufbaut, in dem die eigenen Gefühle ausgedrückt, Erfahrungen geteilt und neue Anregungen geholt werden können

Den veränderten Menschen akzeptieren
Wer Validation anwendet, akzeptiert den Menschen so, wie er im Moment ist, und versucht nicht, ihn zu ändern. Das erkrankte Familienmitglied kann nicht mehr so sein wie früher, kann nicht wieder «normal» werden. Es ist die Norm, die sich verändert hat. Akzeptanz fällt schwer, weil das auch bedeutet, Abschied zu nehmen von dem geliebten Menschen.
Viele Angehörige glauben, es sei besser, die demente Person «in die Wirklichkeit zurückzubringen». Das trifft nicht immer zu. Man halte sich nur einmal vor Augen, wie die Realität aussieht, die man sich für den geliebten Menschen herbeiwünscht: eine Realität, in der dieser wenig wert ist, wenig tun und hervorbringen kann, über wenig Autorität oder Ehre verfügt. Es gibt keine starken Bande, die geeignet wären, die an Demenz erkrankte Person in der Gegenwart zu halten, wogegen die Vergangenheit einen starken Sog ausübt.

Demenzkranke in die Realität zurückzuholen ist oft der falsche Ansatz
Demenzkranke in die Realität zurückzuholen ist oft der falsche Ansatz.

Unterschiedliche BedürfnisseAlte Menschen haben andere Bedürfnisse als junge. Was dem gesunden Angehörigen wichtig ist, muss der erkrankten Person nicht unbedingt auch wichtig sein. Andere Zeiten und Themen seines Lebens sind ihm vielleicht wichtiger: Er ist mit den Gefühlen früherer Lebensphasen beschäftigt. Dinge, die er jahrelang fest unter Verschluss gehalten hat, kommen hoch und verlangen Beachtung. Er drückt seine Gefühle aus, weil es wehtut, sie weiter in seinem Innern zu verschliessen. Man hilft der erkrankten Person mehr, wenn man sie ausdrücken lässt, was nach Ausdruck verlangt.

Die vier PhasenMangelhafte Orientierung, Zeitverwirrtheit, sich wiederholende Bewegungen und Vegetieren sind die vier Phasen der Aufarbeitung nach Naomi Feil. Sie beschreiben einen Prozess des Rückzugs aus dem Hier und Jetzt, von den Mitmenschen, vom Alltagsgeschehen und von der Umgebung. Das ist der Überlebensmechanismus, das tiefe Bedürfnis, sich in die Vergangenheit zurückzuziehen, früher Erlebtes wieder zu erleben, zu lindern und aufzuarbeiten.
Zur Befriedigung dieser Bedürfnisse hat die eigene Realität letztlich nur wenig anzubieten. Wahr ist vielmehr, dass die eigene Realität alte Menschen veranlasst, sich noch stärker zurückzuziehen.
Aus dem Buch «Mit dementen Menschen richtig umgehen: Validation für Angehörige», Vicki de Klerk-Rubin, 2011.
Zusammengefasst von Validationstrainerin und Psychotherapeutin Susanne Schmid-Wild, www.susanne-schmid.ch

Autor: Stefan Müller

Fotograf: Tina Steinauer