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09. März 2015

Mehr Spass statt Stress

Der Alltag von Kindern ist schon ab dem frühen Schulalter durchstrukturiert, anforderungsreich, oft stressig – wie der ihrer Eltern. Verplante Kalender, Aufgaben, Förderung und selbst gewählte Hobbys. Ein paar Tipps zum Erkennen von Überlastung und zum Verhalten von Eltern. Verraten Sie uns Ihre Erfahrungen mit Kinderstress.

Schlaflos wegen Stress?
Schlaflos wegen Stress? Überbelastung kann Kinder schlecht schlafen lassen. (Bild Getty Images)

Kinder beklagen sich meist (lange) nicht über zunehmende Belastung und deren physische oder psychische Auswirkungen. Dies ist schon allein deshalb verständlich, weil sie ihren Zustand mangels Erfahrung kaum mit den Ursachen in Zusammenhang bringen können.

Es bleibt also Aufgabe von Mutter und Vater, überhand nehmende Stresssituationen zu erkennen. Bloss welche Folgen gelten als halbwegs vertrauenswürdige Hinweise? – Grundsätzlich wirkt sich anhaltende Überlastung bei Kindern biologisch gleich aus wie bei Erwachsenen: Der Körper stellt mehr von den Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin her, das führt zu beschleunigtem Herzschlag und erhöhter Aufmerksamkeit. Bei Kindern gibt es – neben daraus folgenden körperlichen Symptomen – zumeist im Verhalten leichter auffallende Merkmale.

ANZEICHEN FÜR ÜBERLASTUNG

(Ein-)Schlafprobleme: Einer der vergleichsweise einfach feststellbaren Hinweise auf belastenden Stress äussert sich in regelmässigen Problemen beim Ein- oder auch Durchschlafen. Der Tag spukt weiter wie nicht abgeschlossen im Kopf des Kindes herum und verhindert Entspannung und Regeneration. Besonders heimtückisch, dass zu wenig Schlaf mit der Zeit das Stressaufkommen weiter stützt. Konstante Übermüdung kann die Folge sein.

Zunehmende Konzentrationslücken: Das Kind zeigt zu Hause oder nach Schilderung der Lehrerschaft oft Schwierigkeiten, bei der Sache zu bleiben und diese voranzutreiben. Es pendelt fast schon hilflos zwischen mehreren Aktivitäten hin und her oder bricht sie abrupt ab.

Appetitlosigkeit: Zu vielen Essenszeiten verliert der Nachwuchs schnell den Appetit, beendet die Mahlzeit früh. Bezüglich Menge der aufgenommenen Nahrung ist ein klarer Rückgang feststellbar.

Körperliche Symptome: Noch leichter als der dauerhaft etwas erhöhte Puls können folgende weitergehenden biologischen Anzeichen registriert werden: Der Atem beschleunigt sich, vor allem jedoch sorgt der stressbedingt etwas geänderte Flüssigkeitshaushalt für die beiden folgenden Phänomene: trockener Mund und feuchte Hände (oder andere Extremitäten).

Allgemeine Lustlosigkeit: Im fortgeschrittenen Stadium der Stressentwicklung wirken Kinder generell schwerer zu motivieren als früher, ihnen scheint der Antrieb zu fehlen.

Gereiztheit: Tochter oder Sohn werden deutlich schneller nervös, regen sich häufig(er) oder anhaltender über Alltägliches auf. Mit der Zeit reagieren sie bei fast jeder kleinen Komplikation im Alltag ungehalten.

Ein oder zwei Anzeichen allein lassen kaum je verlässlich auf eine gefährliche Überlastung schliessen, da die einzelnen Phänomene auch zu anderen psychischen oder physischen Problemen passen können. Eine Mehrheit davon gilt es jedoch ernst zu nehmen – und sollte zu Gegenmassnahmen oder allenfalls Abklärungen führen.
WAS ELTERN TUN KÖNNEN

Jeder Fall eines Kindes unter Stresswirkung liegt anders. Die oft geschmähten Eltern sind vielfach nicht allein verantwortlich für den überfüllten Terminplan oder generell (zu) hohe Ansprüche. Manchmal stellt sich das Kind solche von sich aus, seine Umgebung mit ambitionierten Gschpänli oder die Schulstruktur trägt ihrerseits einen hübschen Teil dazu bei.
Klar ist, dass Eltern Kinder vor permanentem Stress schützen und Erstere diese Aufgabe ernst nehmen sollten. Unbequem: Die vier wichtigsten Ansätze beginnen … bei ihnen selbst:

1. Vorbildfunktion wahrnehmen
Zuallererst bekommen die Kinder das Stressverhalten der Eltern mit. Stehen Sie selbst dauernd unter Strom, haben für Familie oder eigene Unternehmungen mit oder ohne Kind kaum Zeit? Das überträgt sich als (übersteigertes) Pflichtbewusstsein, vielleicht Ausgeliefertsein an Aufgaben und Terminplan mit der Zeit auch auf das Kind.
Tipp: Nehmen Sie den eigenen Terminplan und jenen des Kindes genauer unter die Lupe!

2. Gegen zu hohe Ansprüche
Alle Eltern möchten ja nur das Beste für ihr Kind – besonders liegt ihnen dessen Entwicklung am Herzen. Leider vermischen einige das Aufnehmen von Talenten und eine altersgerechte, den Willen des Nachwuchses respektierende Förderung mit einem bestimmten Perfektionsanspruch, wie ihn bloss Erwachsene (und auch die häufig nicht) auszuhalten vermögen.
Tipp: Achten Sie darauf, was dem Kind am ehesten liegt, womit es sich wohlfühlt, und erwarten Sie ausser Aufgabenleistungen im obligatorischen Bereich nicht stets lückenloses Abschliessen einer Arbeit oder Unternehmung bis zum vorzeigbaren Resultat.

3. Dem Hobby Schranken setzen
Kinder neigen in gewissen Altersstufen dazu, beeinflusst von Kolleg(inn)en oder Öffentlichkeit etliche Hobbys in schnellem Wechsel nacheinander oder auch gleichzeitig zu verfolgen. In diesem Elan sollte man sie mitunter etwas bremsen. Nicht jede(r) taugt zum begabten Hansdampf in allen Gassen!
Tipp: Achten Sie darauf, dass das Kind speziell auf Primarstufe nicht mehr als ein bis zwei Hobbys mit regelmässig anfallendem Aufwand betreibt. Je nach Abmachungen (und Zeitbedarf oder Kosten!) muss ein bisheriges für ein neues geopfert werden. Also nicht immer auf Kontinuität pochen.

4. Freiräume verteidigen
Etwas vom Wichtigsten zuletzt: Führt man aus organisatorischer Notwendigkeit ohnehin Terminpläne – eigene fürs Kind oder kombinierte mit den Eltern –, müssen anders als bei Erwachsenen unbedingt zwei- bis dreimal unter der Woche mehrere Stunden freigehalten werden. Ebenfalls tabu ist ein in der Regel meistens nahezu voll verplantes Wochenende.
Tipp: Freihalten tönt ja schön und gut – aber wofür? Für NICHTS!
UND IHRE ERFAHRUNGEN?
Hatten Sie einmal den Eindruck, Ihr Kind leide unter Schul-, Hobby- und generell Terminstress? Was haben Sie dagegen unternommen?
Vielen Dank für den Tipp in einem Kommentar.

Autor: Reto Meisser