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19. September 2016

Mehr Organspender braucht das Land

Die Warteliste für passende Spenderorgane in der Schweiz ist lang. Mit einer neuen Kampagne will das Bundesamt für Gesundheit mehr Menschen dazu bewegen, ihre Organe zur Verfügung zu stellen – und offener über das Thema zu sprechen. Der Swisstransplant-Direktor im Gespräch.

Organtransport
Die Stiftung Swisstransplant schlägt Alarm: Auf eine Million Einwohner kommen hierzulande nur gerade 17 Organspender. (Bild: Swisstransplant)

Rund 1500 kranke Schweizerinnen und Schweizer warten derzeit auf ein Spenderorgan – und die Warteliste wird zusehends länger.
Eine Kampagne des Bundesamts für Gesundheit (BAG) in Zusammenarbeit mit der Organspendeorganisation Swisstransplant soll nun Abhilfe schaffen: «Rede über Organspende» lautet das Motto. Die Initiatoren erhoffen sich damit einen Anstieg der Organspenden in der Schweiz.

Derzeit kommen auf eine Million Einwohner nur rund 17 Spender und Spenderinnen: Das entspricht einer Quote von 0,002 Prozent. Bei einem Todesfall müssen oft Angehörige entscheiden, ob Organe gespendet werden sollen oder nicht. Eine mögliche Spende zu thematisieren, fällt vielen schwer, da es bedeutet, sich mit dem eigenen Lebensende auseinandersetzen zu müssen.

Die neue Kampagne setzt auf Humor: Die Spots zeigen etwa einen Schwinger, der seinem Gegner während des Kampfs eine Affäre mit dessen Schwester gesteht, oder ein Paar, das während des Liebesakts über Lohnerhöhungen diskutiert. Die Botschaft: «Es gibt keinen falschen Moment, um über Wichtiges zu sprechen.» Als Botschafter konnten Prominente wie etwa Schauspieler Stefan Gubser gewonnen werden.

In Frankreich, Österreich oder Italien gibt es rund doppelt so viele Spender. Dort gilt die sogenannte Widerspruchslösung: Wer sich nicht ausdrücklich dagegen ausgesprochen hat, wird nach seinem Tod Spender. Der Bundesrat hat diese Lösung 2013 abgelehnt. 

Mehr Infos: www.swisstransplant.ch

EXPERTENINTERVIEW

Franz Immer ist Direktor der Organisation Swisstransplant
Franz Immer (49) ist Herz- und Gefässchirurg FMH sowie Direktor der Organisation Swisstransplant

«Viele möchten sich nicht über das Thema Sterben unterhalten»

Franz Immer (49) ist Herz- und Gefässchirurg FMH sowie Direktor der Organisation Swisstransplant.

Franz Immer, tragen Sie einen Organspenderausweis bei sich?

Ich besitze tatsächlich einen Ausweis. Darin ist festgehalten, dass ich im Todesfall jegliche Organe, Gewebe und Zellen spenden möchte.

Wer oder was hat Sie zu diesem Entscheid bewogen?

Ich habe zehn Jahre lang bei der Herzchirurgie im Transplantationsteam gearbeitet. Am Beispiel der Patienten habe ich erfahren, wie viel Lebensqualität eine Transplantation ermöglicht. Seither steht die Spendenfrage für mich nicht mehr zur Debatte. Im Medizin- und Pflegebereich ist die Bereitschaft zur Spende allgemein hoch.

Reden Sie auch im privaten Umfeld darüber?

Ja. Ich hatte ein schönes Erlebnis mit meinem ältesten Sohn: Er hatte mitbekommen, dass wir für eine Website zum Thema Kinderorganspende Geld sammelten, und steuerte aus seinem Kässeli etwas bei. Er ist 15, und für ihn steht heute schon fest, dass er selbst auch spenden möchte.

Ab welchem Alter sind Organspenden sinnvoll? Ab wann nicht mehr?

In der Schweiz können Babys bereits ab der vierten Lebenswoche spenden. Eine Obergrenze gibt es nicht: Organe wie die Leber kann man bis ins hohe Alter weitergeben – der älteste mir bekannte Spender war 88.

Wie viele Schweizer haben einen Ausweis?

Wir wissen, dass über 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung die Organspende befürworten. Aber nur gerade 15 Prozent haben einen Ausweis oder die «Medical ID»-App. Davon würden 85 Prozent spenden; die anderen haben auf dem Ausweis vermerkt, dass sie nicht spenden wollen.

Die Angehörigen finden oft nur schwer einen Konsens.

Was hält die Leute davon ab?

Viele möchten sich nicht über das Thema Sterben unterhalten. Sie sagen, sie seien zu jung, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Das ist problematisch: In den Spitälern weiss man oft nicht, was der oder die Verstorbene gewünscht hätte. Zudem finden die Angehörigen oft nur schwer einen Konsens. Dabei wäre laut Gesetz der Entscheid des nächsten Angehörigen im Sinne des Verstorbenen massgebend.

Welche Rolle spielt dabei die Bequemlichkeit?

Ein gewisser Teil der Leute möchte tatsächlich nicht noch ein weiteres Kärtchen im Portemonnaie haben. Oder sie wissen nicht, wie sie zu einem Ausweis kommen. Dabei kann man ihn auf der Website von Swisstransplant ganz leicht elektronisch herunterladen oder ausdrucken.

Was wollen Sie mit der neuen Kampagne erreichen?

Wir möchten, dass man sich Gedanken über das Thema macht und seine Angehörigen informiert. Es geht also primär darum, den Diskurs anzuregen, den Entscheid mitzuteilen.

Was halten Sie von der sogenannten Widerspruchslösung?

Ich denke, dass sie viele Vorteile bringt. Wer nicht spenden will, kann sich in einem Register eintragen, sodass der Wille in jedem Fall respektiert wird. Dies bedeutet eine Entlastung für die Angehörigen im Gespräch, da der Verstorbene sich zu Lebzeiten verbindlich gegen eine Organspende hätte äussern können.

Ist dieses Register der einzige Grund, warum in Nachbarländern viel mehr gespendet wird?

Nicht nur. Das System in Frankreich beinhaltet auch die Schulung von Spitalpersonal: Es soll die Angehörigen transparent informieren und umfassend betreuen können. Ich denke, dass die Widerspruchslösung in der Schweiz bald wieder ein politisches Thema wird, wenn die Spenderquote weiterhin so tief bleibt. Auch weil das Nein des Ständerats so knapp ausgefallen ist. 

Autor: Anne-Sophie Keller