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12. Juni 2017

Mehr Natur im Garten

Wie bekommt man einen 2800 Quadratmeter grossen Garten in den Griff? Indem man die Natur machen lässt. Claudia Ebling aus Villnachern AG setzt auf einheimische, sprich pflegeleichte Pflanzen. Und auf tierische Helfer wie Igel und Ohrmüggler.

Claudia Ebling auf ihrem Lieblingsplatz unter dem Apfelbaum.
Claudia Ebling auf ihrem Lieblingsplatz unter dem Apfelbaum.

«Lueget, ein Admiral!» Mit einem Lächeln schaut Claudia Ebling (50) dem dunkelbraunen Schmetterling mit den markanten orangen Streifen nach, der von Brennnessel zu Brennnessel gaukelt. «Es ist schon seltsam: Alle lieben Schmetterlinge. Brennnesseln, Futter vieler Raupen, hingegen will niemand in seinem Garten haben!» Die Fachfrau für naturnahen Garten- und Landschaftsbau ZHAW schüttelt den Kopf. «Die Menschen haben das Gefühl für die Zusammenhänge verloren.»

Das Wort Zusammenhänge fällt immer wieder auf dem Spaziergang durch den rund 2800 Quadratmeter grossen Naturgarten oberhalb Villnachern AG. Auf dem leicht abfallenden Südhang buhlen in diversen Staudenbeeten Heide-Nelke, Wiesen-Margerite und Storchschnabel, Akelei und wilder Oregano um die Aufmerksamkeit der Bienen. Hecken mit Wildrosen, Holunder und Schwarzdorn bieten Vögeln Nistplätze und sorgen für Schatten.

Die alten Kirsch- und Apfelbäume – alles Hochstämmer – haben ordentlich angesetzt. Wo die Vorbesitzer noch ihre Pferde weiden liessen, blüht heute eine Naturwiese, die einmal im Jahr gemäht wird; das Gezirpe der Heuschrecken und Grillen übertönt die durchrauschenden Züge der benachbarten Bahnlinie Brugg–Basel.

In Claudia Eblings Reich wachsen und blühen rund 200 Arten, die Mehrzahl davon einheimisch. «Hiesige Pflanzen sind an unsere Boden- und Umweltgegebenheiten bestens angepasst, sie sind robust und brauchen entsprechend wenig Pflege», erklärt die Gärtnerin. Oft würden sie sich ihr Plätzchen im Garten selbst suchen. «Ein Naturgarten ändert sich nicht nur mit den Jahreszeiten, sondern täglich.»

Vieles regelt sich von selbst

Die Aargauerin greift nur dort ein, wo etwas überhandnimmt. Zum Beispiel bei der blaublühenden Jungfer in Grün, die sich diesen Frühling zwischen den Kartoffeln im Gemüsegarten ausgesamt hat. Oder beim rotblühenden Seifenkraut: Die mehrjährige Staude drohte selbst den unerschrockenen Frauenmantel zu verdrängen.

Bleiben hingegen darf, was nicht stört. Wie die Königskerze, die sich zwischen den Wegplatten beim Brunnen breitmacht. Oder der Schnittlauch, der sich aus dem Gemüsebeet davongestohlen hat und unterdessen überall blüht.

Selbst ein Kirschlorbeer, ein invasiver Neophyt und somit ein rotes Tuch für jeden Naturgärtner, hat Asyl erhalten. Claudia Ebling schmunzelt: «Nicht sehr konsequent, ich weiss, aber der Igel hat nun mal seit Jahren zwischen seinen Wurzeln sein Nest.» Ziel sei, wie dem Igel möglichst vielen weiteren Nützlingen ein Zuhause anzubieten.

So lassen sich denn auch überall selbst gebaute Nisthilfen entdecken: In einem mit Totholz gefüllten Kompostgitter brütet ein Zaunkönig, im unter einem Apfelbaum aufgeschichteten Ringkompost wohnt eine Ringelnatterfamilie, und am Holunder hängt ein Ohrmügglerhotel.

«Die Ohrenwürmer halten die Blattlauspopulation in Schach, der Zaunkönig vertilgt Mücken und die Ringelnattern Amphibien und Kleinsäuger», freut sich Claudia Ebling, «so regelt sich die Schädlingsbekämpfung sozusagen von selbst.» Was wiederum dem Zeitbudget der Gartenbesitzerin zugutekommt.

Apropos Zeitbudget: «Naturgärten sind weniger zeitintensiv als konventionelle Gärten mit englischem Rasen und Edelrosen», betont die Gärtnerin. Umso weniger könne sie sich den Trend zum Schottergarten, der vor allem in Neubaugebieten um sich greife, erklären: «Die Leute reden sich diese mit Folie versiegelten Steinwüsten mit dem Argument Zeitersparnis schön. Dabei gibt es nichts Pflegeleichteres als eine ortgerechte Bepflanzung mit mehrjährigen einheimischen Stauden wie Mädesüss, Blutstorchenschnabel oder Johanniskraut.» Und wenn auch noch ein paar Brennnesseln einen Platz finden, umso besser: Schmetterlinge lieben ja auch alle. Oder?

Autor: Almut Berger

Fotograf: Tina Steinauer