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04. April 2016

Mehr Männer braucht die Schule

Schülerinnen und Schüler hätten «am liebsten» einen Mann als Primarlehrer, zeigt eine Umfrage. Doch noch immer sind Männer in der Minderzahl – denn viele Lehrer reizt es mehr, an der Oberstufe zu unterrichten.

Männer, verzweifelt gesucht
Männer, verzweifelt gesucht: Nur knapp 20 Prozent der Lehrpersonen an der Primarschule sind männlich. (Bild: Westend61/Keystone)

Schuhe binden, Liedli singen, weinende Kinder trösten: Solche Bilder geistern noch immer in vielen Köpfen, wenn von Kindergärtnern und Primarschullehrern die Rede ist. Männern gefällt dieses Anforderungsprofil nicht besonders. Wenn schon Lehrer sein, dann wollen sie Stoff vermitteln und eine Klasse managen. Das überholte Bild ist mit schuld daran, dass Kindergärtler und Primarschüler immer seltener von Männern unterrichtet werden. Deren Anteil liegt heute bei 18,3 Prozent. 1964 waren es knapp 50 Prozent. Besonders krass sieht es im Kindergarten aus: Auf 96 Frauen kommen 4 Männer.

Viel Überzeugungsarbeit nötig


Das soll sich ändern. Der neu gegründete Verein Männer an die Primarschule (MaP) will eine Plattform bieten, die Informationen rund um den Beruf vermittelt und Werbung dafür macht (siehe unten). Angesichts der männlichen Zurückhaltung scheint tatsächlich Überzeugungsarbeit ­nötig zu sein. Aber nicht bei den Schülern, sie sind offen für männ­liche Lehrpersonen. Nach ihrer Meinung zu Lehrern gefragt, gaben sie Antworten wie «Ich möchte am liebsten einen ­Lehrer haben», «Er macht Ausflüge mit uns» und «Er ist nicht so streng». Das zeigten Gespräche, die im Rahmen des Projekts «Unterstufenlehrer» vom Netzwerk Schulische Bubenarbeit mit Kindern geführt wurden. Eine der Antworten lautete aber: «Manchmal hätten wir lieber eine Lehrerin. Wir wissen auch nicht, wieso. Vielleicht weil alle sonst eine Lehrerin haben, nur wir nicht.»

«Männliche Vorbilder sind wichtig für Mädchen und Jungen»

Beat Ramseier, Sozialarbeiter und Koordinationsstellenleiter des Vereins Männer an die Primarschule
Beat Ramseier (54) ist Sozialarbeiter und Koordinationsstellenleiter des Vereins Männer an die Primarschule

Beat Ramseier (54) ist Sozial­arbeiter und Koordinations­stellenleiter des Vereins Männer an der Primar­schule. Er hat ­einen zehnjährigen Sohn.

Beat Ramseier, warum wollen Männer nicht mehr Primarschullehrer oder Kindergärtner werden?

Seit etwa 50 Jahren ist der Beruf für Frauen sehr attraktiv, weil er sich für Teilzeit arbeitende Mütter und Wiedereinsteigerinnen eignet. So entstand das Klischee, dass Frauen lieber mit Kindern arbeiten als Männer. Dazu kommt das leider immer noch weitverbreitete, aber falsche Image der «Chegelischule», in der man nur singt, malt und spielt. Das schreckt Männer ab, sie flüchten in Berufe, die sie attraktiver finden.

Und in denen sie mehr verdienen.

Der Lohn ist für Männer das stärkere Kriterium als für Frauen. Die Kantone haben das erkannt. Zürich etwa hat die Löhne in den Primarschulen angehoben und zahlt jetzt als Schweizer Spitzenreiter einem Berufs­einsteiger 90'000 Franken pro Jahr.

Dennoch werden Primarschulen auch in Zürich nicht gerade von männlichen Bewerbern überrannt.

Es gibt noch mehr Hürden. Im Umgang mit kleinen Kindern stehen Männer immer noch ein wenig im ­Generalverdacht, zu Übergriffen zu neigen. In manchen Krippen dürfen sie ein Baby nicht alleine wickeln. Sie wissen nicht, ob sie ein kleines Kind zum Trösten in den Arm ­nehmen dürfen, wenn es weint. Mit solchen Unsicherheiten müssen sich nur Männer herumschlagen.

Warum gibt es in der Oberstufe keinen Männermangel?

Dort ist er nur weniger dramatisch: In der Sek I liegt der Männeranteil bei 45,8 Prozent und ist sinkend. ­Dennoch, Oberstufenlehrer zu sein, reizt Männer immer noch mehr. Sie glauben, erst dort seien die Schüler gross genug, dass man sie unterrichten und ihnen Stoff vermitteln kann.

Wer will jetzt mehr Männer auf der Primarstufe?

Wenn man mit Lehrern und Eltern spricht, hört man immer wieder, es sei schade, dass es an Primar­schulen und Kindergärten nicht mehr Männer gebe. Studien aus der Privatwirtschaft zeigen, dass ­gemischte Teams effizienter sind und besser zusammenarbeiten. Das könnte auch für Schulen gelten. Der Austausch der Geschlechter ist wichtig.

Was können Männer besser als Frauen?

Nichts. Das ist auch nicht der Punkt. Männliche Vorbilder sind einfach wichtig für Mädchen und Jungen. ­Buben im Speziellen brauchen das, um ein realistisches Männerbild zu entwickeln. Gerade bei der ­Berufswahl ist die Vorbildfunktion enorm. Buben, die die Schule als weiblich erleben, kommen kaum auf die Idee, Lehrer zu werden.

Wie will Ihr Verein dieses Interesse wieder wecken?

Einerseits organisieren wir für ­Gymischüler Schnupperangebote an Primarschulen. Dann machen wir Lehrern, die schon unterrichten, Weiterbildung schmackhaft, etwa in Genderkompetenz. Potenzielle ­Berufsumsteiger unterstützen wir mit Informationen. Und an den ­Pädagogischen Hochschulen ver­mitteln wir Mentoren für Studenten und machen Werbung für den Beruf.

Mit welchen Argumenten?

Dass ein Primarschullehrer dank ­eines Teilpensums Zeit für die ­Familie schaffen kann, dass man ­selbständig arbeitet und ein wenig ein Manager ist. Männer brauchen halt andere Argumente als Frauen. Immerhin ist die Arbeit mit ­Kleinkindern bei Männern nicht mehr verpönt.

War das mal so?

Ich habe vor zehn Jahren einen Vätertreff aufgebaut. Viele der Männer, die kamen, konnten sich nicht vorstellen, beruflich mit Klein­kindern zu tun zu haben. Man fand allgemein, das seien komische ­Männer, die das machten. 

Autor: Yvette Hettinger