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27. März 2017

Mehr Männer als Frauen essen vegan

60 Prozent der Veganer in der Schweiz sind männlich. Gleichzeitig essen Männer fast doppelt so viel Fleisch wie die Frauen. Die Ernährungssoziologin Christine Brombach erklärt, wie das zusammenpasst und was unser Essverhalten mit Erziehung, sozialer Schicht und Vorbildern zu tun hat.

Junge Männer rüsten Gemüse.
Teil des Lifestyles: Besonders junge Männer entscheiden sich für eine vegane Ernährung.

Fleischverzicht ist männlich: Drei Prozent der Schweizer Bevölkerung ernähren sich vegan, ganze 60 Prozent dieser Veganer sind Männer. Und unter den Vegetariern machen sie 30 Prozent aus. Das zeigt eine Umfrage, die das Marktforschungschungsinstitut Demoscope für den Verein Swissveg durchgeführt hat. Ein weiteres Resultat der Umfrage: Vor allem Menschen zwischen 15 und 34 verzichten ganz auf tierische Produkte.

Gleichzeitig sind Männer aber auch grosse Fleischesser: Gemäss der ersten nationalen Ernährungserhebung «menuCH» des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) essen sie fast doppelt so viel Fleisch und Wurst wie Frauen, nämlich im Schnitt 980 Gramm pro Woche. Bei den Frauen sind es 570 Gramm.

Wie passen die beiden Studienresultate zusammen? Die Ernährungssoziologin Christine Brombach (54) vermutet, dass Veganismus zum temporären Lifestyle vieler junger Männer passt (siehe Interview). Ernährung sei in unserer Gesellschaft Ausdruck eines bestimmten Lebensstils, der wiederum vom Alter abhängig ist.

Das zeigen auch andere Ergebnisse der BLV-Studie. So kochen junge Menschen abends häufigereine warme Mahlzeit als ältere. Über 70 Prozent der Menschen in der Schweiz verpflegen sich in der Mittagspause auswärts. Und über die ganze Bevölkerung hinweg werden zu wenig Milchprodukte, Nüsse und pflanzliche Öle konsumiert. Der Bund will diese Erkenntnisse in seine Ernährungsstrategie einfliessen lassen.

«Unsere Gesellschaft führt eine Luxusdebatte über Essen und Ernährung»

Christine Brombach (54) ist Lebensmittelsoziologin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil ZH.
Christine Brombach (54) ist Lebensmittelsoziologin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil ZH.

Christine Brombach (54) ist Lebensmittelsoziologin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

60 Prozent der Veganer sind männlich. Das ist das überraschende Ergebnis einer Demoscope-Umfrage.

Tatsächlich würde ich auch vermuten, dass eher Frauen als Männer vegan leben. Es gibt aber mögliche Erklärungen, warum junge Männer aufholen und vegan essen.

Welche sind das?

Die Jugendjahre sind eine identitätsstiftende Phase. In dieser Zeit geht es darum, für sich herauszufinden, was einem wichtig ist, welche Werte man vertritt und wie man sein Leben ausrichtet. Männer machen diese Fragen etwas stärker am Lebensstil und Essen fest, denn Essen und Kochen sind für sie noch etwas neuere Betätigungsfelder, als sie es für Frauen sind. Zudem dauert bei ihnen die Adoleszenz etwas länger, die Wissenschaft dehnt sie bereits bis Ende 20 aus.

Auf der anderen Seite essen Männer viel Fleisch, wie die Ernährungserhebung des Bundes zeigt.

Es gibt auch eine starke Bewegung in Richtung Fleischessen, das zeigt sich zum Beispiel an der Popularität des Magazins «Beef!». Wofür man sich entscheidet, ist auch eine Frage der Vorbilder. Stark sein ohne Fleisch propagiert etwa der ehemalige Berner NLA-Eishockeyspieler Andreas Hänni (38).

Was prägt unseren Ernährungsstil sonst noch?

Am meisten die Familie, bis in die Jugendjahre hinein. In der Adoleszenz beginnt man dann, alles zu hinterfragen. In dieser Phase der Identitätsfindung geht es auch um neue Themen wie Tierwohl, Umwelt, das eigene Aussehen und das, was die Peers konsumieren. Sobald man selber Kinder hat, kehrt man häufig zu der Ernährungsweise des Elternhauses zurück.

Und was bestimmt den familiären Ernährungsstil?

Neben der Erhältlichkeit der Produkte sind die verfügbaren Mittel entscheidend. Wer aufs Geld achten muss, konsumiert tendenziell preisgünstigere Produkte, meist auch weniger Bio. Und wir essen nachweislich schichtspezifisch.

Was heisst das konkret?

Unter anderem nehmen sich bildungsnähere Schichten mehr Zeit, um ihre Mahlzeiten selber zuzubereiten. Sie haben in der Regel andere Einkaufsmöglichkeiten und finanzielle Mittel für die Vorratshaltung. Sie sind empfänglicher für Informationen darüber, was gesund ist und was nicht. Sie konsumieren mehr Früchte, Gemüse und Fisch und weniger gesüsste Getränke.

Mit der Ernährung (...) signalisieren wir, was uns wichtig ist, und drücken einen sozialen Status aus.

Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass Ernährungsstile ein so grosses Thema sind?

Unsere Gesellschaft führt eine Luxusdebatte über Essen und Ernährung. Anders als in Zeiten von Lebensmittelknappheit und Ländern mit Nahrungsmangel können wir es uns leisten, über Ernährung zu sprechen. Übers Essen transportieren wir Werte, pflegen Beziehungen. Im Zusammenhang mit der Ernährung diskutieren wir auch Nachhaltigkeit, signalisieren, was uns wichtig ist, und drücken einen sozialen Status aus.

Man weiss mittlerweile auch sehr viel über Nahrungsmittel.

Tatsächlich gab es noch nie so viele Rezeptbücher für verschiedene Bedürfnisse und Stile wie heute. Es ist aber eine andere Frage, ob man sich auch danach richtet.

Auch das Lebensmittelangebot ist so gross wie noch nie. Was lenkt uns beim Einkaufen?

Im Allgemeinen lassen wir uns unter anderem von der Wiedererkenn barkeit der Produkte und von emotionalen Geschichten über die Lebensmittel leiten. Bei neuen Produkten muss man innerhalb von Sekunden entscheiden können: Kann und will ich das kaufen? Die Verpackung muss also rasch die nötigen Informationen liefern.

Autor: Yvette Hettinger