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10. November 2014

Mehr als Schüchternheit bei Erwachsenen

Bei vielen Kindern wächst sich Schüchternheit mit der Pubertät aus. In einigen Fällen verstärkt sich das Phänomen jedoch und wird im Arbeits- und im Privatleben zum Hindernis. Die wichtigsten Symptome und Therapieansätze zur «sozialen Phobie» im Überblick. Leiden oder litten auch Sie darunter – und was hilft Ihnen weiter? Dazu mehr zum Thema aus Elternsicht («Tipps bei schüchternen Kindern»).

Bei vielen Erwachsenen ist Lampenfieber bei grossen Auftritten vor (viel) Publikum normal, bisweilen auch Bammel vor dem Ansprechen von Einzelpersonen oder die Kommunikation in ungewohnten, möglicherweise heiklen Momenten. Löst aber fast jede Situation, in der man mit mehreren oder auch einzelnen Menschen spricht, die man nicht bestens kennt, grossen Stress, ja gar Angstzustände aus, leidet man vermutlich an einer sozialen Phobie (manchmal auch: soziale Angst).

Neben Verhaltensweisen wie:
- sich vom Ansprechpartner oder Zielpublikum leicht abwenden
- andere selten bis nie direkt ansehen
- meist unsicher bis stotternd sprechen oder gar die Stimme verlieren
- häufig den Faden verlieren
- stark auf Bewegung oder Veränderung der anderen reagieren

… melden sich bei Betroffenen sehr oft auch körperlich wahrnehmbare Begleiterscheinungen.

Physische Symptome1. Herzklopfen, klar erhöhter Pulsschlag
2. Ein Gefühl starker Beklemmung, im Extremfall drohende Ohnmacht, Schwindel
3. Schwitzen, Hitze- oder Kälteempfinden (auch abwechslungsweise)
4. Sich taub (oder gänzlich kalt) anfühlende Gliedmassen
5. (Zunehmendes) Zittern, gar nervöse Zuckungen
6. Unwohlsein bis zu Übelkeit und Bauchkrämpfen
7. Erröten
8. Trockener Mund

Neben den physischen Reaktionen und auffallenden Verhaltensweisen in der Kommunikationssituation zählen auch bestimmte wiederkehrende Gedankengänge und Gefühle zum Phänomen der sozialen Angst(störung). Klassisch sind Hauptängste wie:

A. Angst vor peinlichen Situationen, von anderen ausgelacht zu werden, vor einer Blamage
B. Das Gefühl, schlechter und/oder seltsamer als andere zu sein
C. Angst vor Zurückweisung oder Ablehnung
D. Der Eindruck, unter besonderer Beobachtung zu stehen
E. Die Furcht, nicht ernst genommen zu werden

Daneben kommen auch spezifisch aufs Sprechen oder Vortragen bezogene Ängste vor, etwa diejenige, man habe überhaupt eine hässliche oder komplett aus dem üblichen Rahmen fallende Stimme; oder bereits die auf den Effekt der Rede gerichtete Furcht, wirr zu sprechen oder gar nicht verstanden zu werden.

GÄNGIGE THERAPIEANSÄTZE
Deutsche Experten gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent der Gesellschaft unter einer leichten bis schwereren sozialen Phobie leiden. In drastischen Fällen können derartige Phobien im Erwachsenenalter (mit) hervorgerufen worden sein durch traumatische Erfahrungen oder einen besonderen Lebens- und Erziehungsstil der Eltern: Kaum gepflegte soziale Kontakte beziehungsweise die gewollte Abschottung des Kindes von einem Grossteil der Umwelt gehören dazu, auch Missbrauch oder prägende Gewalterfahrung.
Die meisten spezialisierten Therapeuten betonen aber, soziale Ängste respektive Angststörungen wenn nicht beheben, so doch weitgehend lindern zu können mit einer auf den individuellen Fall angepassten Therapie. Im Vordergrund stehen zwei stark voneinander abweichende Ansätze:

1. Die kognitive Verhaltenstherapie versucht primär dem Betroffenen einsichtig zu machen, woher die Phobie kommen könnte und wie man mit derart starken Ängsten umgehen kann, ohne sich von ihnen völlig blockieren zu lassen und letztlich allen heiklen Situationen aus dem Weg zu gehen. Denn diese Vermeidungsstrategie führt meist zu Stagnation oder Misserfolg im Beruf und oft anhaltenden privaten Kommunikationsproblemen.

2. Die Konfrontationstherapie setzt noch stärker darauf, die Betroffenen aus anderen Blickwinkeln ihre Angst und speziell die Situationen, in denen sie sich äussert, anzugehen. Die Angstzustände sollen eingedämmt werden, indem zum einen die eigene Position aus der Wahrnehmung von Aussenstehenden viel von der eingebildeten Gefahr verliert. Zum anderen wird demonstriert, dass scheinbar so locker mit Drucksituationen umgehende Menschen ebenfalls mit Unsicherheit zu kämpfen haben.

Unterstützend wirken mitunter auch verschiedene Entspannungsübungen oder Rollenspiel-Elemente zur Stärkung des Selbstvertrauens und zur schrittweisen Gewöhnung an problematische Momente. In Fällen einer sozialen Phobie im engeren Sinn helfen sie ohne Therapien, etwa mit den oben geschilderten Ansätzen, allein aber noch nicht entscheidend, die Angst zu überwinden.

KENNEN SIE EIN ERFOLGSREZEPT?
Leiden oder litten Sie als Erwachsene/r längere Zeit unter starker Schüchternheit, wurde eventuell soziale Phobie diagnostiziert?
Was half Ihnen weiter oder wovon erhoffen Sie sich Besserung? Verraten Sie Ihr Rezept (anonym) in einem Kommentar.

Autor: Reto Meisser