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21. Oktober 2013

Frühförderung: Meh Dräck für Kinder

Kinder wollen die Welt selber entdecken – und dürfen dabei auch mal schmutzig werden. Das können sie aber nur, wenn Eltern ihnen Zeit und Raum dazu lassen.

Mädchen, das mit einem Prinzessinnenkleid im Dreck spielt
Draussen spielen und eigene Erfahrungen machen: So lernen Kinder die Welt am besten kennen. (Bild: Getty Images)

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Kinder sind neugierig und wollen die Welt erkunden. Das machen sie aus eigenem Antrieb, und zwar mit schier unerschöpflicher Energie. Doch seit einiger Zeit hat sich unter dem Begriff Frühförderung in der Erziehung eine Haltung breitgemacht, welche die Kinder oft mehr als nur ausfüllt und ihnen die Zeit für eigenes Entdecken nimmt. Dies beklagt auch der bekannte Lernpädagoge Salman Ansari (71) in seinem Buch «Rettet die Neugier! Gegen die Akademisierung der Kindheit».

Viele Kinder würden heutzutage übermässig behütet und gefördert, ist Ansari überzeugt: «Wir belasten die Kinder viel zu früh mit den Konzepten unserer Erwachsenenwelt, statt ihnen Natur, Märchen und Musik zu bieten.» Das solle jedoch nicht heissen, dass Kinder sich zum Beispiel nicht für Naturwissenschaften interessierten. «Aber sie suchen gern selbst nach Antworten, statt sie fixfertig in Erwachsenenworten serviert zu bekommen.»

Ansari hält nicht viel von der Frühförderung, wie sie heute in den meisten Kitas und bei vielen Eltern zum Alltag gehört. «Vieles davon können Kinder noch nicht wirklich erfassen», sagt er. Kinder sollten lieber möglichst oft draussen unterwegs sein, durch Pfützen waten und Gelegenheiten bekommen, ungelenkte Erfahrungen zu machen. Doch genau das dürfen viele nicht mehr. Ansari erzählt ein prägendes Erlebnis aus einer Kita: «Ein Kind hatte draussen einen Käfer gefunden, den haben wir zusammen untersucht und über ihn gesprochen. Drei Kinder mussten drinnen bleiben, weil es draussen nass war. Sie sagten, ihre Mutter erlaube nicht, dass sie ihre Kleider schmutzig machten. So wurden sie ausgeschlossen von den Entdeckungen, welche die anderen Kinder machen durften. Das ist tragisch. Es gibt doch Waschmaschinen.»

Der Pädagoge wünscht sich, dass Eltern aufhören mögen, alles in richtig und falsch und in sauber und schmutzig zu unterteilen — Kinder haben ihre eigenen Regeln. Und sie brauchen einen Schonraum, in dem sie die Wirklichkeit mit ihren eigenen Gedanken und Interpretationen verstehen lernen. Doch wie soll das möglich sein, heute, da so viele Kinder sehr früh mit der Erwachsenenwelt konfrontiert werden? «Die Eltern sollten ihre Kinder so oft wie möglich in die Natur mitnehmen», sagt Salman Ansari. «Und mit ihnen darüber reden, was sie sehen und erleben. Denn die Sprache ist der Schlüssel zum Verstehen.» Je besser Kinder mit der Sprache umgehen können, desto besser finden sie sich im Leben zurecht.

«Es gibt keinen Beweis dafür, dass frühgeförderte Kinder später mehr Erfolg haben im Leben und besser zurechtkommen», meint Salman Ansari. «Frühförderung ist wichtig, bloss in einer viel natürlicheren Form.» Kinder sollen in den Alltag miteinbezogen werden. «Sie sollen beim Kochen helfen und früh selbständig essen, egal, wie langsam und auch unordentlich das ist. Denn genauso lernen sie.»

Autor: Andrea Fischer