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17. März 2014

Meh Dräck!

Dräckele macht Spass
Dräckele macht Spass (Bild: Getty Images).

Als das Baby lachte, löste sich das Vakuum. Es machte leise «supp», der Nuggi verlor seinen Halt und fiel zu Boden. Plumps. Meine Freundin riss die Augen auf und keuchte. Was dann passierte, kann ich nur ansatzweise beschreiben. Kennen Sie den Film «Outbreak»? Es war ganz ähnlich. Sie zog sich gelbe Schutzkleidung an und stürzte Richtung Küche. Den Schnuller hielt sie dabei weit von sich. Erst als das kontaminierte Ding im Sterilisator lag (wo es bei 300 Grad Celsius mit Gammastrahlen beschossen wurde), kam sie von ihrem Trip herunter.

Zwei Jahre später wiederholte sich die Szene. Nun hatte meine Freundin zwei Kinder. Während ihr Grosser im Garten spielte, lag das Neugeborene in ihrem Arm und saugte an einem winzigen Nuggi. Plötzlich machte es wieder «supp» – der gottverdammte Stöpsel fiel zu Boden. Die Supermutter unterhielt sich weiter mit mir, hob ihn ganz nebenbei auf, lutschte ihn geschwind ab – und rammte ihn wieder in den Babymund. Wow! Da hatte aber jemand was gelernt. Ob bei einem möglichen dritten Kind dann der Hund den Reinigungspart übernehmen dürfte? Könnte sein.

Tatsache ist, dass wir bei unseren Erstgeborenen einen unglaublichen Affentanz aufführen. Alles muss immer total sauber und ordentlich sein. Noch besser wäre: keimfrei. Was total okay ist. Sobald dann aber zwei und mehr Kinder zu versorgen sind, bleibt kaum noch Zeit für Extratouren. Und siehe da: Ein Baby ist viel widerstandsfähiger und robuster als gedacht. Der Grossteil der Viren und Bakterien, die sich im Schmutz tummeln, macht ihm nichts aus. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte nicht, dass wir alle Sterilisatoren dieser Welt abschalten. Wir Eltern sollten aber ein normales Verhältnis zu Dreck entwickeln. Manche von uns schaffen das ganz gut und leben von dem Moment an entspannter. Andere scheitern kläglich. So wie die Mutter, die neulich mit ihren beiden Söhnen auf dem Spielplatz war. Die Buben hätten so gerne in Ruhe gesändelet. Leider hatte Mama andere Pläne. Alle paar Minuten traktierte sie die beiden mit Feuchttüchern. Finger, Münder, Nasenlöcher. Alles war irgendwie bäh, igitt und gruusig. Doch damit nicht genug. Die «Reinigungsfachfrau» nahm sich auch fremde Kinder vor. So kam es, dass sie Eva mehrmals die Nase putzte. Ich fand das irre komisch. Eigentlich hätte ich die Dame gern in ein Gespräch verwickelt. Mich hätte schon interessiert, warum sie diesen sinnlosen Krieg führte. Das Risiko, selbst in ihr Fadenkreuz zu geraten, war mir aber zu hoch. Meine Nase lief auch ein wenig …

Autor: Bettina Leinenbach