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22. Februar 2016

Megakrank

Mutter leidet intensiv an Schnupfen
«Ja, echt schon 38,4 Grad!» Mutter leidet intensiv ... (Bild: iStockPhoto)

Kennen Sie den berüchtigten Männerschnupfen? Daran leiden in der kalten Jahreszeit zirka 50 Prozent der Weltbevölkerung. Die heimtückische Krankheit beginnt ganz harmlos mit einem Kratzen im Hals und leichtem Nasentropfen. Binnen weniger Stunden wird es dann aber so schlimm, dass selbst die kerligsten Kerle in die Knie gehen und sich tagelang ins Bett legen müssen. Wir Frauen pflegen die Ärmsten hingebungsvoll, kochen Tee und schütteln Kissen auf.

Ich verrate Ihnen nun ein Geheimnis (und bringe damit vermutlich die anderen 50 Prozent der Weltbevölkerung gegen mich auf …): Noch schlimmer als dieser Papipfnüsel ist der Mutterschnupfen. Echt jetzt. Wir Frauen basteln ja gern an dem Mythos der stahlharten Mutter, die sich selbst dann noch um die Brut und den Haushalt kümmert, wenn sie von Hustenanfällen geschüttelt und vom Fieber gezeichnet durch die Gegend wankt. Total übertrieben, um nicht zu sagen: glatt gelogen. Ich spreche natürlich nur aus eigener Erfahrung, aber ich leide auch gern und intensiv, wenn es mich erwischt hat.

Sobald es losgeht, rufe ich Herrn Leinenbach auf der Arbeit an, um ihm mitzuteilen, dass ich die fiesesten aller Viren aufgelesen habe und diese sich gerade explosionsartig in meiner Nasenschleimhaut vermehren. Parallel dazu poste ich Facebook-Fotos unseres Fieberthermometerdisplays. Ja, echt schon 38,4 Grad! Ich leide intensiv und für alle sichtbar. Schon trudeln die ersten Mitteilungen des Bedauerns ein. Wenn es nach dem ersten Krankheitsmorgen an der Haustür klingelt und die Kinder aus Chindsgi und Schule zurück sind, öffne ich selbstverständlich im Nachthemd die Tür und schlurfe betont malade Richtung Küche. Da das Mami heute total mega-krank ist, gibts nur Ravioli aus der Dose. Meine Töchter nicken und fragen, ob sie auch fernsehgucken dürfen. Bei uns gibts diese Regel für kranke Kinder. Gilt das auch, wenn das Mami krank ist? Selbstverständlich.

Dann rufe ich wieder bei Herrn Leinenbach an, um ihn auf den neuesten Fieberkurvenstand zu bringen. Ich jammere, bringe neue Symptome ins Spiel («Vor drei Minuten musste ich sogar husten, stell dir vor!»). Das ist dann in der Regel der Moment, in dem er sagt, dass er versucht, früher heimzukommen. Ich weiss, dass er denkt, dass es nicht so schlimm ist. Und natürlich hat er recht.

Aber es geht sowieso mehr um Wertschätzung als um Viren und Bakterien. Die Männerbobos und Mamiwehwehchen haben meiner Meinung nach einen Sinn: Sie schweissen Familien zusammen. Und sie ermöglichen es den Eltern, auch mal eine Auszeit zu nehmen, für kurze Zeit im Mittelpunkt zu stehen, sich umsorgt und verhätschelt zu fühlen. Erkältungen hat gewissermassen der Himmel geschickt. Versuchen Sie es auch mal von der Seite zu sehen! Und pflegen Sie Ihre Liebsten, wenn sie es brauchen.

Autor: Bettina Leinenbach