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02. Juli 2012

«Medikamente gegen Aids müssen alle erreichen»

Die britische Poplegende Elton John tritt nächste Woche am «Moon and Stars»-Festival in Locarno auf und bringt kurz darauf sein erstes Buch heraus. Sir Elton freut sich auf das Tessin, spricht über seine Rolle als Vorbild und plädiert für mehr Mitgefühl im Kampf gegen Aids.

Die Poplegende Elton John
Die jung gebliebene Poplegende Elton John. (Bild Wireimage)

Elton John, Sie sind 65 und seit 40 Jahren im Musikgeschäft. In dieser Zeit haben sich die Trends dramatisch verändert, aber Sie sind immer noch dabei und haben Ihre Hits. Wie bleiben Sie up to date?

Ich halte mich an die Neuveröffentlichungen. Jeden Montag gehe ich durch die Listen der neuen Alben und kaufe, was ich mag. Ausserdem höre ich täglich die britischen Charts und halte meine Augen und Ohren offen nach neuen Künstlern. Wenn ich jemanden interessant finde, versuche ich, ihn zu treffen. Im Management meiner Musikfirma arbeiten ausserdem viele junge Leute; mit denen setze ich mich zusammen und höre mir an, was sie so mögen.

Am 12. Juli treten Sie in Locarno am «Moon and Stars»-Festival auf. Wie gut kennen Sie die Schweiz?

Zum ersten Mal kam ich 1970 in die Schweiz und und spielte «Border Song» in einer TV-Sendung namens «Hits à gogo» — das ist eine der ältesten noch existierenden Aufnahmen meiner frühen Auftritte. Seither habe ich hier rund 30 Konzerte gegeben: Lausanne, Zürich, Genf, Basel, Vevey, Montreux. Aber im Tessin war ich noch nie und freue mich auch entsprechend darauf.

Unterscheidet sich das Schweizer Publikum von Zuschauern in anderen Ländern?

Das Publikum ist bei jedem Auftritt anders. Aber wir treten gerne in Europa auf, und das Schweizer Publikum ist immer sehr dankbar. Ausserdem mag ich es, an Orten aufzutreten, wo ich noch nie war. Ich staune immer, wenn ich an einem neuen Ort in einem weit entfernten Land auftrete und realisiere, dass das Publikum dort jedes Wort jedes Songs auswendig kennt.

Gibt es Länder, die Sie meiden, weil Sie mit Vorurteilen gegen Schwule konfrontiert sind? Lady Gaga, Patentante Ihres Sohnes, hat kürzlich ein Konzert in Indonesien abgesagt wegen Protesten, sie sei zu schwulenfreundlich. Auch Sie haben Jakarta im Programm.

Vorurteile lassen sich nicht vermeiden. Mein Ansatz ist, immer hinzugehen, wo ich eingeladen werde, Menschen zu treffen, meine Musik zu spielen und zu hoffen, dass dadurch eine Art Beziehung entsteht. Musik ist die einzige universelle Sprache.

Wie bewusst ist Ihnen, dass Sie als offen schwuler Star auch eine Vorbildfunktion haben? Fühlen Sie eine gewisse Verantwortung, sich entsprechend einzusetzen?

Ich scherze immer gerne, dass ich das «akzeptable» Gesicht der Homosexualität repräsentiere, die Art von Kerl, bei dem Ihre Mutter nichts dagegen hätte, wenn Sie ihn zum Abendessen mitbrächten … Aber ja, ich fühle mich verantwortlich und nutze meine Musik als Plattform, um Schwulen und Lesben rund um die Welt zu helfen, besser akzeptiert zu werden.

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Elton John mit seinem Partner David Furnish und Sohn Zachary.
Glückliche Familie: Elton John mit seinem Partner David Furnish und dem gemeinsamen Sohn Zachary. (Bild Dukas)

Insbesondere in Europa hat sich in dieser Hinsicht viel bewegt in den letzten zehn Jahren. In anderen Regionen ist die Lage noch immer schwierig. Was muss getan werden, damit es auch dort Fortschritte gibt?

Wir müssen uns für unsere homosexuellen Brüder und Schwestern einsetzen, insbesondere in jenen 76 Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Handlungen noch immer als Verbrechen behandelt werden. Und wir müssen sicherstellen, dass Medikamente gegen Aids alle erreichen, die mit dieser Krankheit leben müssen.

Sie setzen sich mit Ihrer «Elton John Aids Foundation» gegen HIV ein und haben nun ein Buch geschrieben, «Love is the Cure», über Ihr Leben und den Kampf gegen Aids. Es ist Ihr erstes Buch überhaupt, wieso gerade jetzt?

Anlass ist der 20. Geburtstag der Foundation. Gegründet habe ich sie damals als Reaktion darauf, dass so viele meiner Freunde starben. Allerdings hätte ich nie erwartet, dass es die Stiftung zwei Jahrzehnte später noch braucht oder dass die Epidemie zu einer der führenden Todesursachen der Welt werden würde.

Seit der Entdeckung des HI-Virus vor 30 Jahren hat die Medizin aber doch grosse Fortschritte gemacht.

Schon, aber wir müssen sicherstellen, dass wirklich alle Zugang zu diesen Behandlungs- und Präventionsmethoden haben: Arme, Drogensüchtige, Prostituierte, Schwule, Minderheiten aller Art. Es gibt heute Medikamente, mit denen HIV-Positive lange, gesunde Leben führen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in HIV-Behandlung den Virus an ihren Partner weitergeben, ist bis zu 96 Prozent geringer als ohne Medikamente, das wurde kürzlich entdeckt. Aber weltweit bekommt nicht mal die Hälfte der Infizierten die nötige Medizin. Ich habe das Buch geschrieben, um der Welt zu sagen, dass wir diese Epidemie jetzt sofort besiegen können. Liebe ist tatsächlich das Gegenmittel. Wir haben die Medikamente und die Strategie — was fehlt ist das Mitgefühl, damit wirklich alle die Behandlung bekommen, die sie brauchen.

Wann haben Sie damals realisiert, wie gefährlich diese Krankheit ist? Sind Sie selbst entsprechend vorsichtiger geworden, als Freunde wie Freddie Mercury der Epidemie erlagen?

Schön wärs, wenn ich sagen könnte, dass das so war. Die Wahrheit ist, dass ich in den 80er-Jahren in einem erbärmlichen Zustand war und riesiges Glück hatte, mich nicht selbst mit HIV anzustecken. Ich schäme mich noch heute dafür, dass ich in den frühen Jahren von Aids nicht mehr getan habe, um gegen die Epidemie zu kämpfen, so wie das etwa meine verstorbene Freundin Elizabeth Taylor tat.

Sie kämpften damals mit Ihrer Drogen- und Alkoholsucht. Das scheint unter Stars ein verbreitetes Problem zu sein. Was war der Grund für Ihre Sucht?

Ich glaube nicht, dass es etwas mit dem Starsein zu tun hat, es betrifft auch ganz viele ganz normale Leute und aus ganz unterschiedlichen Gründen: Stress, Unsicherheit, Sorgen, Gruppendruck oder auch Neugier. Bei mir war es persönliche Unsicherheit, denke ich. Ich wusste, wer ich war, wenn ich auf der Bühne stand, aber im Rest meines Lebens hatte ich das Gefühl, nirgends dazuzugehören. Und damals dachte ich, Drogen und Alkohol könnten mir helfen, aber das war reine Selbsttäuschung.

Wie ist das heute mit den jüngeren Stars, kämpfen die mit denselben Problemen?

Ich würde gerne glauben, dass sie vernünftiger sind, als wir es waren, und sie aus der Vergangenheit etwas lernen konnten. Aber wenn man jung ist, hält man sich für unverwundbar und glaubt, man werde mit allem fertig, diese Anfälligkeit besteht deshalb wohl weiterhin.

Was halten Sie von den zahllosen Casting- und Musikshows im Fernsehen, die jedes Jahr mehrere neue, junge «Stars» produzieren, die dann für kurze Zeit durch den Medienzirkus gejagt werden, bevor sie so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind?

Ich denke, dass wahres Talent sich durchsetzt — mit oder ohne diese Fernsehshows. Allerdings habe ich ein ungutes Gefühl gegenüber dem Konzept, Leute glauben zu machen, sie könnten über Nacht zum Star werden. Denn neben Talent braucht es eine ungeheure Menge harter Arbeit und Einsatz.

Ich hätte auch als Angestellter in einem Plattenladen glücklich werden können.

Elton John singt eine neue  Version von «Candle in the Wind» an der Abdankungsfeier von Prinzessin Diana
Trauriger Moment: Elton John singt 1997 eine neue Version von «Candle in the Wind» an der Abdankungsfeier der verstorbenen Prinzessin Diana. (Bild Reuters)

Die jungen Leute, die da mitmachen, wollen alle das, was Sie schon haben: Reichtum und Berühmtheit. Sind das erstrebenswerte Ziele?

Nicht wirklich. Mein Ziel war damals, ein Leben mit der Musik zu leben. Ich denke, ich hätte auch als Angestellter in einem Plattenladen glücklich werden können, solange ich dabei immer mit Musik zu tun gehabt hätte.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie und Ihr Partner einen Sohn haben?

Wie Ihnen vermutlich alle Eltern sagen können, verändert ein Kind das Leben vollkommen und in einer Weise, wie man das niemals erwartet hätte. Man findet neue Tiefen der Liebe und erlebt pure Freude gekoppelt mit einem ungeheuren Gefühl von Verantwortung. Nichts kann einen darauf vorbereiten, und nichts ist damit vergleichbar.

Haben Sie denn bei all Ihren Konzerten und anderen Verpflichtungen überhaupt genügend Zeit für Zachary?

Wir haben das Glück, dass wir ihn derzeit auf unserer Tournee dabei haben. Und natürlich bin ich nicht pausenlos unterwegs. Es bleibt genügend Zeit, gemeinsam als Familie zu Hause zu sein.

Sie sind berühmt für Ihre enge Freundschaft mit der verstorbenen Lady Diana. Haben Sie auch weiterhin eine enge persönliche Verbindung mit der königlichen Familie?

Ja, die gibt es. Prince William und Kate haben mich zu ihrer Hochzeit eingeladen, und ich habe gerade beim Konzert zum 60. Thronjubiläum der Queen mitgespielt, was eine Ehre und ein Vergnügen war. Die Wärme und Zuneigung zu spüren, die das Publikum der Königin schenkte, war ein einmaliges und unberschreibliches Erlebnis.

Für 2013 planen Sie ein neues Album, «The Diving Board». Was können Sie darüber schon sagen?

Die Songs stammen alle von meinem langjährigen Texter Bernie Taupin und mir. Wir versuchen, eine gewisse Schlichtheit der Musik beizubehalten, die schon die letzten Alben geprägt hat. Einige Leute beschreiben die Songs als Rückkehr zum Geist unserer frühen Alben, und mit diesem Vibe fühle ich mich sehr wohl. Es wird Anfang 2013 erscheinen.

Sie sind einer der erfolgreichsten Popstars aller Zeiten, haben eine glückliche Familie, können sich kaufen, was Sie wollen, haben berühmte und mächtige Freunde: Gibt es irgendetwas, das Sie noch erreichen wollen, einen Traum, den Sie für sich noch erfüllen möchten?

Ich hatte viel Glück im Leben, und ich war nie glücklicher, als ich es heute bin: Ich kann die Art von Musik machen, die ich mag, ich liebe die Tourneen, und ich habe ein glückliches und stabiles Privatleben. Ich glaube, alle meine Träume sind Wirklichkeit geworden.

Das Interview wurde schriftlich geführt.