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03. Juni 2013

Medi-Tapes: Die Schmerzen wegkleben

Kaum ein Sportler, der nicht ab und zu auf die poppigen Klebstreifen setzt. Diese dienen zur Behandlung von Sportverletzungen, Muskelschmerzen oder Gelenkproblemen. Nach einem Velounfall liess sich auch Gertrud Amman damit behandeln – mit Erfolg.

Speerwerfer Uladzimir Kazlou
Kunstvoll verklebt: Speerwerfer Uladzimir Kazlou aus Weissrussland an den Olympischen Spielen 2012. (Bild Keystone)

Ob Fussballer, Tenniscracks oder Leichtathletinnen — an Wettkämpfen gehören die Tapes dazu. Doch immer häufiger sieht man die bunten Klebebänder auch ausserhalb der Sportarena. Viele Physiotherapeuten, Osteopathinnen, Lymphdrainage-Therapeutinnen und Masseure bekleben ihre Patienten damit. Ziel: Schmerzen zu lindern, die Durchblutung zu verbessern und gezerrte oder lockere Bänder sowie Gelenke zu stabilisieren.

Auch Gertrud Ammann (44), Fitnessinstruktorin und Mutter dreier Kinder, kennt die Medi-Tapes von kleineren Sportverletzungen her. Vor einem halben Jahr trug sie die Bänder jedoch das erste Mal für knapp zwei Monate. Der Grund: ein Unfall mit dem Rennvelo.

HEILENDES KLEBEBAND FÜR DEN ENERGIEFLUSS
Lesen Sie ausserdem: Die traditionelle chinesische Medizin hat viel mit der Wirkung der Medi-Tapes zu tun – vor allem, wenn diese mehr erreichen sollen als die Gelenke etwas zu stabilisieren. Die Infos zu den Meridianen und in welchen Fällen Tapes nützen können. Zum Artikel

Es passierte an einem warmen Herbsttag Ende September. Zwei Stunden lang war Gertrud Ammann geradelt, jetzt ging es nur noch die kurvenreiche Bowaldstrasse hinunter nach Roggwil BE, in wenigen Minuten würde sie zu Hause sein. «Ich liess es ziehen und bremste wenig. Das Tempo, der Fahrtwind, die Kurven — ein tolles Gefühl!», erinnert sie sich. Doch plötzlich, in einer Rechtskurve, glitt das Vorderrad weg — Gertrud Ammann stürzte, prallte auf die Strasse und rutschte über den Asphalt.

Sofort rappelte sie sich wieder auf. Glücklicherweise war kein Auto hinter ihr hergefahren. Doch nun wurde ihr schwarz vor den Augen und übel. Gertrud Ammann setzte sich an den Strassenrand und inspizierte die Schürfungen an Wade, Hüfte und Schulter. Bald schon fühlte sie sich besser, richtete den Lenker und rollte vorsichtig nach Hause. «Meine Tochter musste mir das zerrissene Trikot aufschneiden, ich konnte den Arm bereits nicht mehr über den Kopf heben», erzählt sie. Weil sie befürchtete, dass das Schlüsselbein gebrochen sein könnte, liess sie sich von ihrem Nachbarn ins Spital Langenthal fahren.

Elisabeth Lanz tapt ihre Patientin Gertrud Ammann
Physiotherapeutin Elisabeth Lanz tapt ihre Patientin Gertrud Ammann.

Dort wurde geröntgt. Gertrud Ammann hatte Glück, nichts war gebrochen, bloss geprellt, gequetscht und geschürft. Der Hausarzt schrieb die Patientin für zwei Wochen krank und schickte sie in die Physiotherapie. «Nach der ersten Behandlung ging es mir schon wieder etwas besser», erzählt Gertrud Ammann. Physiotherapeutin Elisabeth Lanz untersuchte die verletzte Stelle und klebte mehrere blaue Medi-Tapes über Rücken, Schulter und Arm. «Die Bänder halfen die Schulter in die richtige Position zu bringen und die Muskulatur zu entlasten, damit sich diese nicht verkürzt», erklärt die Therapeutin.

Seit zehn Jahren arbeitet Elisabeth Lanz ergänzend zur konventionellen Physiotherapie mit Medi-Tapes. Kennengelernt hat sie die farbigen Pflasterstreifen in Deutschland. Beeindruckt von deren heilungsfördernder Wirkung setzte sie die Technik, zurück in der Schweiz, auch in ihrer Praxis ein — und bot bald schon Medi-Tape-Ausbildungen für Fachleute an.

Rote Tapes führen Energie zu, blaue helfen bei Entzündungen

Die Idee, Muskeln und Gelenke mit speziellen Tapes zu entlasten, stammt ursprünglich vom japanischen Chiropraktiker Kenso Kase. Dieser stellte vor rund 35 Jahren fest, dass eine entsprechende Tape-Anlegetechnik Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verbessert und den Blut- und Lymphfluss zwischen den Hautschichten anregt. Ebenso soll der Stoffwechsel im ganzen Körper beeinflusst und aktiviert werden.

In Deutschland wurde das Medi-Taping vom Arzt Dieter Sielmann und der Akupunkturtherapeutin Jutta Christiansen-Zimmermann weiterentwickelt und mit der Meridianlehre der traditionellen chinesischen Medizin und deren Wissen um den Energiefluss im Körper kombiniert. Auch die Farben spielen eine Rolle: Will man Energie abfliessen lassen, beispielsweise bei Entzündungen, kommen eher kühle Farben zum Einsatz; umgekehrt sollen rote, orange oder gelbe Tapes Energie zuführen.

Ob die Wirkung der Tapes über die mechanische Stabilisierung von Gelenken hinausgeht, konnte bisher nicht zweifelsfrei bewiesen werden. Eine im Februar 2012 erschienene Metastudie, in der alle bisherigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema untersucht worden waren, kam zum Schluss, dass die Tapes kaum messbare oder lediglich vorübergehende Wirkung zeigen und diese wohl eher dem Placeboeffekt zuzuordnen ist. Bekannt ist allerdings auch, dass westliche und östliche Medizin oft nicht mit gleichen Ellen messen.

Knapp zwei Monate war Gertrud Ammann bei Elisabeth Lanz in Behandlung. «Nach Anlegen der Tapes fühlte sich die Schulter sofort stabiler und geschützt an, auch die Blutzirkulation funktionierte besser», erzählt sie. Medikamente waren keine nötig. Aufs Rennvelo stieg die leidenschaftliche Sportlerin erst Mitte April wieder, also sechs Monate nach dem Unfall: «Ich fühlte mich absolut gut und genoss die Ausfahrt in vollen Zügen. Vor den Abfahrten hatte ich allerdings etwas Respekt und bremste doch einmal mehr als vor dem Unfall.»

Autor: Veronica Bonilla Gurzeler

Fotograf: Oliver Lang