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16. September 2013

«Das Wasser wird versiegen, Land für Land»

Der Welt wird das lebenswichtige Wasser ausgehen, wenn wir so weitermachen wie bisher, sagt Wasseraktivistin Maude Barlow. In ihrem neuen Buch präsentiert sie Lösungsvorschläge. Diese Woche besucht die Kanadierin die Schweiz.

Maude Barlow Porträtbild
Maude Barlow kämpft seit den 80er-Jahren für das Recht auf sauberes Wasser. (Bild: Wolfgang Schmidt)

FÜR EINE BESSERE WELT
Mehr zum Thema: Unermüdlicher Einsatz für Umwelt, Menschenrechte und Bildung wird seit über 30 Jahren mit dem Alternativen Nobelpreis «Right Livelihood Award» belohnt. Die Preisträger kommen aus aller Welt, bisher aber nicht aus der Schweiz. Zum Artikel

Maude Barlow, was kann jeder Einzelne tun, um etwas gegen die Wasserknappheit zu unternehmen? Kürzer duschen? Den Wasserhahn nur kurz aufdrehen?

All das hilft. Als Individuen können wir allerdings nur einen sehr kleinen Beitrag leisten. Die eigentlichen Wasserverschwender sind die globalen Landwirtschaftskonzerne. Das beste Gegenmittel ist die lokale Produktion von Lebensmitteln und die Unterstützung von regionalen Bauern. Auch unsere Energieproduktion benötigt sehr viel Wasser, wir sollten deshalb stärker auf Energieeffizienz und alternative Energien setzen. Und die Menschen sollten sich politisch engagieren und Fragen stellen. In der Schweiz zum Beispiel, ob Konzerne wie Nestlé nicht zu viel Einfluss auf die Wasserpolitik des Landes haben.

Grafik zur Wasserknappheit.
Die Gebiete, in denen Wasserknappheit droht: Die Grafik illustriert, wie stark sich die Wasserknappheit auf der Welt ausbreitet: 1995 waren deutlich weniger Länder betroffen, als es 2025 sein werden. Dei Farben zeigen, wie viel Prozent des im Land verfügbaren Süsswassers jährlich verbraucht wird. (Quelle: World Meteorological Organization)

Können wir überhaupt etwas verbessern, ohne gewisse Bequemlichkeiten aufzugeben?

Ich verlange von niemandem, wieder in einer Höhle zu wohnen. Wir selbst leben in einem schönen Haus, haben ein Auto, fliegen regelmässig. Aber wir sollten neue Wege gehen, Energie zu produzieren und Nahrungsmittel anzubauen, das würde sehr vieles verbessern. Vielleicht bekämen wir dann keine Erdbeeren mehr im Winter, sondern nur noch im Sommer. Und einige sehr reiche Menschen müssten sich wohl von gewissen Exzessen verabschieden.

Ich verlange von niemandem, wieder in einer Höhle zu wohnen.

In Ihrem neuen Buch zeichnen Sie ein ziemlich düsteres Bild der Lage. So schätzen Sie etwa, dass im Jahr 2030 fast die Hälfte der Weltbevölkerung in Regionen mit Wassermangel leben wird.

2010 entstand auf unseren Druck hin eine Uno-Deklaration für das Recht auf freien Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen. Das war ein grosser Schritt vorwärts, aber er allein ändert nichts am weltweit falschen Umgang mit Wasser. Mit der Inbetriebnahme des ersten Wasserhahns hat sich der moderne Mensch an die Vorstellung gewöhnt, dass das Wasser eine unerschöpfliche Ressource ist, die wir zum Vergnügen und mit wirtschaftlichem Gewinn bequem jederzeit nutzen können. Aber es ist nicht unerschöpflich, und es ist — anders als Öl — lebensnotwendig. Wir haben uns das Wasser wie die Natur untertan gemacht, um eine bestimmte Form von Leben zu ermöglichen, und solange wir an der Idee des unbegrenzten Wachstums festhalten und immer mehr Dinge haben wollen, können wir unsere Wasserprobleme nicht lösen.

Maude Barlow an einer Protestaktion gegen ein Pipelineprojekt in Alberta (Kanada) im Herbst 2012. Sie und ihre Mitstreiter wurden kurz darauf verhaftet. (Bild: zVg.)

Was schlagen Sie vor?

Die Entwicklung einer neuen Wasser-Ethik, die Priorität vor allem anderen hat. Bei jedem politischen oder wirtschaftlichen Strategieentscheid würde die Frage gestellt, wie sich das auf das Wasser auswirkt. Und wenn der Effekt negativ ist, muss der Entscheid angepasst oder rückgängig gemacht werden. Ein Beispiel: Viele Umweltschützer sehen Biotreibstoffe als Lösung gegen Luftverschmutzung und Klimawandel. Würde man aber einkalkulieren, was die Produktion dieser Biotreibstoffe an Wasser verschlingt, wäre sofort klar, dass sie letztlich sogar schädlicher für die Welt sind als fossile Brennstoffe.

Dieser Vorschlag klingt aber reichlich utopisch. Wie wollen Sie das durchsetzen?

Das ist tatsächlich eine enorme Aufgabe. Aber auch deshalb habe ich das neue Buch geschrieben. Damit bringe ich diese Idee unter die Leute, und sie kann diskutiert und weiterentwickelt werden. Ähnlich klein begann auch die Forderung nach dem Recht auf Wasser für alle — am Ende haben wir uns durchgesetzt. Dasselbe können Sie auch bei der Frauen- oder der Schwulenbewegung beobachten: Am Anfang klingen solche gesellschaftlichen Forderungen immer utopisch. Aber gute Ideen setzen sich durch.

Längst nicht alle Länder haben dieses Problem des versiegenden Wassers.

Es betrifft mehr, als man gemeinhin denkt. Nicht zuletzt die USA. Nehmen Sie das Ogallala-Grundwassersystem im Mittleren Westen des Landes. Einst war es das grösste der Welt, aber seit Jahrzehnten wird es von 200'000 landwirtschaftlichen Bewässerungspumpen angezapft. Vor zwei Jahren hat das Landwirtschaftsministerium Alarm geschlagen und erklärt, das Grundwasserreservoir werde versiegen, wenn es so weitergehe, und zwar zu unseren Lebzeiten. Wie kann es noch eine Präsidentschaftswahl geben, bei der das nicht debattiert wird? In Europa gibts solche Diskussionen bereits.

Ah ja?

Die Sparmassnahmen wegen der Eurokrise haben Debatten über die Privatisierung der Wasserversorgung ausgelöst. Der Widerstand von Bürgerinitiativen war jedoch so gross, dass die EU-Kommission diesen Vorschlag wieder zurückgezogen hat. Das ist ein grosser Erfolg. Wenn wir nicht global neue Prinzipien im Umgang mit Wasser anwenden, dann wird es versiegen, Land für Land.

Aber doch wohl kaum in der Schweiz.

Die Schweiz ist ein bisschen wie Kanada: Beide Länder haben sehr viel Wasser. Aber in der Schweiz schmelzen die Gletscher, ein sehr wichtiges Wasserreservoir. Kein Teil der Welt wird von der Wasserkrise verschont werden, und wenn sich nur der Druck erhöht, Wasserflüchtlinge aufzunehmen oder Wasser in ausgetrocknete Teile der Welt abzugeben. In den USA wird debattiert, ob man nicht Wasser aus Kanada in die trockenen Gebiete Kaliforniens und Arizonas transportieren sollte. Der Mittelmeerraum in Europa kämpft mit ähnlich massiver Trockenheit.

Sie schreiben, dass jährlich 3,6 Millionen Menschen sterben, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen haben. Aber auch, dass es nicht mehr kosten würde als die globalen Militärausgaben von fünf Tagen, um Minimumstandards einzurichten. Das müsste doch lösbar sein.

Fast alle reichen Länder haben wegen der Wirtschaftskrise ihre Hilfsgelder für die Entwicklungsländer reduziert. Einige, auch Kanada, haben die Hilfsgelder mit den Interessen ihrer Unternehmen vor Ort gekoppelt: Länder, die unserer Rohstoffindustrie keine Steine in den Weg legen, bekommen Hilfsgelder, die anderen nicht. Und das Geld wird dann eingesetzt, um junge Menschen dazu auszubilden, in Minen zu arbeiten. Wir treffen zu oft die falschen Entscheidungen, wenn es um Geld und Wasser geht. Daran sind auch die Regierungen der Entwicklungsländer schuld, welche die Priorität nach dem Vorbild neoliberaler westlicher Länder beim Wirtschaftswachstum setzen und Wasser deshalb kostenpflichtig machen.

Wasser sollte von einem öffentlichen Gemeinwesen kontrolliert werden.

Aber eigentlich wären sie doch an die UN-Resolution mit dem Recht auf freies Wasser gebunden.

Tja, aber wer setzt das durch? So wichtig eine solche Uno-Deklaration auch ist, letztlich gibt es keine Sanktionsmöglichkeiten.

Auch in reichen Ländern gibt es Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, als Folge von Armut.

In der Innenstadt von Detroit, das sich kürzlich für bankrott erklärt hat, wurden rund 40'000 Menschen abgekoppelt, weil sie sich die Wasserversorgung nicht leisten konnten. Das ist eine Folge der wachsenden Ungleichheit in der nördlichen Welt. Und es illustriert, dass das Wasserproblem nicht einfach etwas ist, das weit weg von uns in armen Ländern stattfindet.

Die Privatisierung von Wasser ist Ihnen ja generell ein Dorn im Auge. Welche Firmen finden Sie besonders problematisch?

Coca-Cola und Pepsi, aber auch Nestlé. Diese Unternehmen verkaufen Wasser in Plastikflaschen in Ländern, wo viele Menschen sonst kaum Zugang zu sauberem Wasser haben. Für sie ist es ein gutes Geschäft, wenn das lokale Wasser verschmutzt ist. Vollends absurd ist der Kauf von Wasserflaschen in Ländern, wo jederzeit sauberes Trinkwasser aus allen Hähnen fliesst. Schwer nachvollziehbar ist für mich auch, dass ausgerechnet Nestlés VR-Präsident Peter Brabeck den Status eines globalen Wasserbotschafters geniesst. Er will das Recht auf freies Wasser nur sehr eingeschränkt anwenden und ist ein einflussreicher Anhänger der Wasserprivatisierung.

Was ist das Argument der Privatisierer?

Sie sind der Meinung, dass Wasser wie Öl und andere Rohstoffe auf dem freien Markt gehandelt werden sollte. Dadurch pendelt sich ein Preis ein, und die Menschen werden sorgsamer mit Wasser umgehen, weil es viel Geld kostet. Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, dass Wasser etwas kostet. Aber es sollte von einem öffentlichen Gemeinwesen kontrolliert werden, nicht von Privatunternehmen, die auf Profit aus sind. Dadurch würden weitere Millionen den Zugang zu sauberem Wasser verlieren, weil sie ihn sich schlicht nicht leisten können. Deshalb kämpfen Bürgerinitiativen weltweit gegen diese Pläne. Bedauerlicherweise haben die Privatisierer grossen Einfluss bei den Vereinten Nationen und auf die Regierungen.

Wann hat Ihr Kampf für das Wasser eigentlich begonnen?

Als Kanada und die USA in den 80er-Jahren anfingen, das erste Freihandelsabkommen der Welt zu diskutieren. Dort war unter den Handelswaren auch Wasser aufgelistet, was mich sehr wunderte. Das war der Auslöser. Meines Wissens war ich 1998 auch die Erste, die eine Analyse über die internationale Wasserpolitik verfasste. Seither gab es einige Fortschritte. Der Höhepunkt für mich war die Uno-Deklaration 2010.

2005 bekamen Sie den Alternativen Nobelpreis für Ihre Arbeit. Hat das neue Türen geöffnet?

Es war natürlich eine grosse Ehre. Und es hat den Zugang zu anderen Preisträgern ermöglicht, mit denen ich nun im World Future Council an politischen und gesellschaftlichen Strategien für eine bessere Zukunft arbeite.

Sie bekommen ja vermutlich viele Einladungen für Vorträge. Weshalb haben Sie gerade in der Schweiz zugesagt?

Ich bekomme viel mehr, als ich wahrnehmen kann, aber diese kam von der Stiftung des Alternativen Nobelpreises, für die ich mich besonders gern einsetze.

Waren Sie schon in der Schweiz?

Erst ein Mal, letzten Herbst, für etwa eine Woche und einige Vorträge. Ich komme aber gerne wieder und wollte eigentlich auch ein paar Tage Ferien in Ihrem wunderschönen Land machen, aber da kam mir ein spannender Termin in New York dazwischen, den ich nicht verpassen will.

Sie wären ja eigentlich im Pensionsalter. Haben Sie Pläne, etwas weniger zu arbeiten?

Nein, ich liebe meine Arbeit und habe einen Ehemann, der mich vollumfänglich darin unterstützt. Wir reisen viel gemeinsam, und er hilft mir, so viel er kann. Das wird wohl nun zunehmen, denn er lässt sich gerade pensionieren.

Wie entspannen Sie sich?

Wir haben ein Ferienhäuschen auf dem Land in Québec, wo wir im Winter gerne Schneeschuh wandern und Langlaufen. Ich fahre Velo, jogge, lese viel. Wir haben vier Enkelkinder und Freunde, mit denen wir Zeit verbringen. Und eigentlich würde ich ganz gerne ein bisschen weniger arbeiten, um mehr Zeit für diese Menschen und Dinge zu haben, aber es gelingt mir einfach nicht.

Maude Barlow: «Die Wasser-Allmende. Eine gute Zukunft braucht gutes Wasser für alle», Drachen-Verlag 2013, Fr. 11.20 bei Ex Libris.