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09. November 2015

Mölleney: Wir müssen über unsere Einstellung zur Arbeit und Führung reden

Kann ein Burn-out jeden treffen und was passiert nach einer Diagnose? Der ehemalige Personalchef der Swissair, Matthias Mölleney, gibt Antworten und sagt, wer in der Pflicht steht. Die Politik ist es nicht, denn die hat wenig Ahnung. Lesen Sie auch das Porträt von zwei Menschen, die wieder den Weg in die Arbeitsfähigkeit fanden (rechts: «Dank Coaching zurück im Job»).

Matthias Mölleney ist ehemalier Swissair-Personalchef und Inhaber der Personalberatung peopleXpert.
Matthias Mölleney ist ehemalier Swissair-Personalchef und Inhaber der Personalberatung peopleXpert.

Matthias Mölleney, kann ein Burn-out jeden treffen?

Davon gehe ich aus. Zwar kenne ich keine Mönche oder toskanischen Weinbauern mit Burn-out, aber eine berufliche Überlastung kann theoretisch jeden treffen. Identische Stresssituationen werden jedoch nicht von allen Menschen gleich gut gemeistert. Während sie Fritz locker bewältigt, führen sie bei Franz zu einem Burn-out.

Leiden heute mehr Menschen am Burn-out-Syndrom als früher?

Die Diagnose selbst kommt häufiger vor. Die Frage ist aber, ob das tatsächlich eine Zunahme bedeutet oder ob heute Burn-outs diagnostiziert werden, die früher als Depression oder Erschöpfung bezeichnet worden sind.

Was sind häufige Gründe für eine Diagnose?

Erstens Tätigkeiten, die einem schwerfallen und nicht auf die persönlichen Stärken angepasst sind. Zweitens die quantitative Belastung und drittens die fehlende Möglichkeit, diese zu kontrollieren. Ist das zusätzlich mit fehlender Aufmerksamkeit oder Wertschätzung kombiniert, wird es zu einer sehr gefährlichen Mixtur.

Wie geht es nach einer Diagnose weiter?

In der Regel kommt es zu einer psychologischen oder psychiatrischen Behandlung. Dabei den Ansatz zu verfolgen, «in drei Wochen hab ich die nächsten Termine», wäre verkehrt. Betroffene müssen sich genügend Zeit nehmen. Wie viel lässt sich praktisch nicht voraussagen, weil bei einem Burn-out anders als bei einem Beinbruch Prognosen eigentlich unmöglich sind.

Ist eine berufliche Neuorientierung unvermeidbar?

Wenn ich im Wald überfallen werde, habe ich an dieser Stelle immer Angst. Anders gesagt: Hinterher wieder auf der gleichen Stelle einzusteigen, wo man zuvor aufgehört hat, ist eine schlechte Idee. Das Umfeld verändert sich selten dergestalt, dass Betroffene nicht wieder in dieselbe Situation geraten.

Was sind weitere Stolpersteine?

Das Schwierigste ist, die Erkrankung zu akzeptieren und gleichzeitig einen Neustart zu machen. Gerade weil in der Schweiz viele mit offenem Unverständnis reagieren, wenn jemand im gestandenen Alter noch etwas Neues anfängt. Und viele Unternehmen schätzen das Risiko häufig oft als zu hoch ein, ehemalige Burn-out-Patienten einzustellen ...

Ausserdem ist hierzulande die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr schlecht.

Viele Firmen haben damit tatsächlich ein Problem. In der Schweiz muss die Einstellung zur Arbeit grundsätzlich überdacht werden. Wir müssen uns fragen, ob die Wirtschaft für den Menschen da ist oder der Mensch für die Wirtschaft. Und wir müssen unbedingt über Führung nachdenken.

Was meinen Sie damit?

Die Wurzel vielen Übels ist, dass traditionell die besten Fachleute zu Führungspersonen gemacht werden. Bei jedem Job wird nach der Begabung gefragt – nur dann nicht, wenn es um Führung geht. Die Beförderung zur Führungskraft als Belohnung für gute Leistungen als Fachkraft ist völliger Unsinn, weil eine Firma oft gleichzeitig einen tollen Spezialisten verliert und eine lausige Führungskraft gewinnt.

Viele Firmen haben ein Problem mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Nach dem Motto «führen kann jeder»!

Ganz genau, aber das stimmt nicht. Und ganz abgesehen davon senden Firmen mit dieser Haltung fatale Zeichen aus. Sie vermittelt langsameren Mitarbeitern, zu den Schwächeren zu zählen. Diese entwickeln so das Bedürfnis, immer mehr leisten zu müssen. Zudem definieren sie sich nicht mehr über das Menschsein und die Qualität der Arbeit, sondern über ihren Mangel an Output.

Wie können Firmen dieses Problem angehen?

Sie müssen ihren Mitarbeitern Freiräume geben. Die immer noch vorherrschende, altcalvinistische Arbeitsethik «durch Mühsal sollst du dein Brot verdienen» oder «wo steht geschrieben, dass Arbeit Spass machen muss?» ist überholt. Arbeit heisst nicht nur Output. Viel wichtiger ist heute, auf welche Art dieser erzielt wird und wie Firmen ihre Ziele erreichen.

Wen sehen Sie in der Pflicht, diese Veränderungen herbeizuführen? Die Politik?

Die Politik auf jeden Fall nicht, die versteht zu wenig davon. Wenn man jetzt anfängt, ein Gesetz zu machen, dass man seine Mitarbeiter wertschätzen muss ...

... nein, aber vielleicht ein Gesetz, dass Job und Familie besser vereinbar sein sollen.

Ich sehe das anders. Die Firmenkultur wird von der Konzernleitung und letztlich vom Verwaltungsrat bestimmt. Bei grossen Firmen hätten also die Aktionäre direkten Einfluss darauf, welche Kultur gelebt werden soll. Sie verlangen aber keine entsprechenden Veränderungen, weil sie an ihrer Rendite interessiert sind.

Die Wurzel vielen Übels ist, dass die besten Fachleute zu Führungspersonen gemacht werden.

Worauf möchten Sie hinaus?

Der grösste Typus Aktionär sind die Pensionskassen. Da diese paritätisch von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern geführt werden, könnten Letztere durchaus Einfluss nehmen. Anders als bei allfälligen Gesetzen, bei denen Firmen sowieso gleich wieder Schlupflöcher suchen. Das tun sie nicht, wenn der Druck vom eigenen Eigentümern kommt.

Das ist jetzt aber eine arg konstruierte Kette.

Ich bin kein Marxist, aber Karl Marx sagte «Kapital verpflichtet», und damit hat er recht. Wenn Pensionskassen bloss an die Rendite ihrer verwalteten bzw. angelegten Vermögen denken, greift das zu kurz. Arbeitnehmer können die Entwicklung der Firmenkultur stärker beeinflussen, als sie denken.

Viele Arbeitnehmer sind derzeit aber damit beschäftigt, mit dem Tempo der Arbeitswelt schrittzuhalten.

Daran sind wir selbst schuld. Wir haben die Fähigkeit, auf etwas zu warten, wegrationalisiert. Viele haben die Erwartung, dass Onlinebestellungen am nächsten Tag im Briefkasten sein müssen. Dass auf der anderen Seite Firmen ihre Prozesse anpassen müssen, um die Erwartungshaltung der Kunden zu erfüllen, geht hingegen oft vergessen.

Ist ein Ende dieser Spirale in Sicht?

Ja vielleicht - paradoxerweise durch den technischen Fortschritt. Wenn mein Auto mit meiner Garage einen Termin ausmacht und zum richtigen Zeitpunkt selbständig dahin fährt – das ist in ein paar Jahren Realität – habe ich mehr Freizeit zur Verfügung. Ich fürchte, wir werden dann nur nicht schlau genug sein, um die Freizeit zu unserer Entlastung zu nutzen ...

Ob ein Mensch in Zürich oder Shanghai arbeitet, spielt global gesehen keine Rolle.

Und dann gibt es noch Unternehmen, die trotz Millionengewinnen Sparrunden fahren und die auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter austragen.

Was ich jetzt sage, ist zwar etwas unpatriotisch, aber wenn Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden, sind es immer noch Arbeitsplätze. Global gesehen, spielt es keine Rolle, ob ein Mensch in Zürich oder ein Mensch in Schanghai seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Wer ein Problem damit hat, darf eigentlich nur einheimische Produkte kaufen.

Aber wenn das Arbeitsvolumen nicht abnimmt, jedoch die Anzahl Mitarbeiter, muss jeder Einzelne mehr leisten. Wie sagt man seinem Chef, dass man nicht mehr kann?

In guten Gesprächen müssen Ziele festgelegt und überprüft werden – und zwar öfter als nur ein Mal im Jahr. Dort gilt es, die Priorisierung der eigenen Aufgaben festzulegen und allenfalls anzupassen. Wenn neue Arbeit hinzukommt, darf andere darunter leiden. Sich vorgängig Gedanken zu machen und dem Vorgesetzten begründen: «Da mein Tag nur 24 Stunden ...

Sie meinen acht Stunden.

Natürlich, was eben vereinbart ist. Manchmal sind es ja auch nur vier Stunden – auch ein häufiges Problem: Vorgesetzte ignorieren Teilzeitmodelle und geben den Mitarbeitern dieselbe Workload wie Vollzeitangestellten. Sobald jemand feststellt, dass er mehr arbeiten soll, als vereinbart ist, muss er mit konstruktiven Lösungsvorschlägen zum Vorgesetzten.

Vielleicht merken wir heute gar nicht mehr, dass wir arbeiten – zum Beispiel wenn wir am Wochenende die E-Mails checken. Gibt es eigentlich Jobprofile, die das rechtfertigen?

Das hat weniger mit Jobprofilen zu tun, sondern mehr mit der Persönlichkeit jedes Menschen. Wer seine E-Mails in Ruhe bearbeiten will, diese im Büro aber nicht hat, soll er früher nach Hause fahren, um das am Abend zu erledigen. Braucht hingegen jemand eine klare Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben, muss auch das respektiert werden. Firmen müssen ihren Mitarbeitern helfen – individuell. Dafür braucht es achtsame Führungskräfte.

Firmen müssen sich auf dem Arbeitsmarkt ein klares Profil geben und nicht der Sugardaddy für alle sein.

Was halten Sie vom Google-Modell, dem Mitarbeiter so viel Komfort zu bieten, dass dieser gar nicht mehr nach Hause fährt?

Das ist eine Möglichkeit von vielen. Immerhin hat sich Google Gedanken gemacht, wie sich die Firma als Arbeitgeber von Mitbewerbern unterscheiden kann. Sich zu differenzieren wird hoffentlich zum Trend der nächsten fünf bis zehn Jahre – in der Schweiz macht das heute nämlich fast niemand. Firmen müssen sich auf dem Arbeitsmarkt künftig ein klares Profil geben und nicht der Sugardaddy für alle sein.

Können so die meisten Burn-outs längerfristig reduziert werden?

Wenn sich Menschen ihrer Stärken bewusst sind und sich bei einer darauf ausgerichteten Firma bewerben, dann ja. Bewerben Sie sich hingegen nur bei Google, weil das alle toll finden, dann nützt alles nichts.

Wie wird man sich seiner Stärken bewusst?

Das Eigenbild aufschreiben, das was einem leichtfällt, und mit dem Fremdbild vergleichen. Sie müssen Feedback von Menschen einholen, die ehrlich zu Ihnen sind: aus der Firma, vom Sportverein oder ehemalige Schulkollegen ...

... ich dachte jetzt an einen Onlinetest. Vier Fragen – bäm!

Bei Onlinetests antworten Sie ja nicht darauf, was andere von Ihnen denken. Deshalb ist das Ergebnis im Grunde genommen nichts anderes als ein strukturiertes Selbstbild, mit dem Sie zu fünf guten Kollegen gehen müssen, um das Fremdbild abzuholen. Aber ein weisses Blatt Papier und ein Stift genügen dafür auch.

Autor: Reto Vogt