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05. September 2016

Matthias heiratet eine Familie

Wer sich auf einen Partner einlässt, der schon Kinder hat, begibt sich auf eine emotional höchst anspruchsvolle Reise. Entschliesst man sich zu heiraten, gewinnen neben Herz und Verstand zusätzlich rechtliche Aspekte an Bedeutung. Matthias Güdel war mutig und hat das Abenteuer gewagt – und bis heute nicht bereut.

Familie Güdel-Bärtschi aus Thierachern
Familie Güdel-Bärtschi aus Thierachern bei Thun: Matthias Güdel mit seiner Frau Aniko Bärtschi und seinen drei Stiefkindern Ramon, Emilia und Nicola (von links).

Am Donnerstag, 2. August 2007, geht Matthias Güdel (36) in sein Lieblingslokal. Der Thuner ist Single, und alles stimmt in seinem Leben und macht ihm Freude: sein Loft, sein Masterstudium, sein Beruf (in dem er mächtig Gas gibt), seine Reisen in ferne Länder. Wenn er jetzt etwas ganz sicher nicht will, dann eine Beziehung. An diesem Abend sitzt er mit Freunden in geselliger Runde, als eine Frau in Begleitung eines Kollegen dazustösst. Matthias Güdel beobachtet fasziniert, wie die Unbekannte spricht, wie sie lacht und gestikuliert. Ihr Temperament und ihre Ausstrahlung ziehen ihn von Minute zu Minute stärker in den Bann.

Sie heisst Aniko und hat sich vor knapp einem Jahr von ihrem Mann getrennt. Mehr erfährt Matthias Güdel zunächst nicht über sie. Es wird spät und später, die beiden tauschen Telefonnummern. Und der Mann, der sich nicht verlieben wollte, registriert erstaunt, dass der erste Schmetterling in seinem Bauch zum Flattern ansetzt. Wie auf Wolken schwebt er durchs nächtliche Städtchen nach Hause. Und als er in seinem Loft ankommt, ist aus dem einen Schmetterling ein ganzer Schwarm geworden.

Die Vernunft meldet sich im Flüsterton
Zwei Tage lang dreht und wendet er das Kärtchen mit Anikos Telefonnummer in den Händen. Wird sie anrufen? Oder wartet sie darauf, dass er es tut? Am Abend gibt er sich einen Ruck. «Ja, komm doch vorbei», sagt sie spontan, «ich sitze mit einer Kollegin auf der Terrasse.» Als er kurz darauf ihr Haus betritt, stellt er fest: Da stehen kleine Schuhe in der Garderobe. Da hängen Kinderjacken. Da gibt es Spielzeug. Sie bemerkt seinen Blick und sagt: «Meine drei Kinder schlafen schon.» Drei Kinder! Er schluckt leer. Denkt, das ist eine andere Welt. Zwar hat er immer Kinder gewollt, aber doch nicht jetzt! Später vielleicht, nach dem Studium.

«Du willst dich doch sowieso nicht binden», flüstert die Vernunft ihm zu. Doch die Schmetterlinge übertönen sie mit ihren heftigen Flügelschlägen. Seine Freunde fragen ihn: «Hast du dir das gut überlegt? Eine Frau mit drei Kindern?» Und sie warnen: «Das wird schwierig und kompliziert!» Doch für Matthias Güdel gibt es nichts zu überlegen. Zu stark ist sein Gefühl, zu gross seine Gewissheit: Er will Aniko, und Aniko gibt es nur als Gesamtpaket mit Emilia, Ramon und Nicola, damals eins, sieben und zehn Jahre alt.

Sie treffen sich, wenn die Kinder schlafen oder bei ihrem Vater sind. Beide sind sich einig: Sie wollen ihre junge Liebe langsam angehen, die Kinder nicht überfordern. Es dauert, bis der Zeitpunkt für ein erstes gemeinsames Abendessen ideal ist. Das Essen verläuft entspannt, aber ungewohnt lebhaft für Matthias Güdel. Nur Nicola, der Älteste, sagt kaum ein Wort, vermeidet Blickkontakt. Der Zehnjährige beäugt den neuen Mann am Familientisch argwöhnisch: Was ist das für einer? Was will der hier? Ramon und Emilia sind unbeschwerter. Matthias Güdel erlebt Aniko erstmals als Mutter und ist beeindruckt, wie warmherzig sie mit den Kindern umgeht, wie sie ihre Söhne und ihre Tochter ins Zentrum stellt und wie gut sie das Leben mit ihnen meistert. Seine Bewunderung wächst, als er realisiert, dass die Beziehung zum Vater harmonisch ist, dass es einen respektvollen Umgang und Vereinbarungen ohne Reibereien gibt.

Es sind die Kinder, die den Takt in der jungen Beziehung vorgeben. Erst wenn sie bereit sind, folgt jeweils der nächste Schritt in Richtung Familienleben. Ein vorsichtiges Herantasten ist es, bei dem Matthias Güdel eines von Anfang an wichtig ist: «Die Kinder haben schon einen Papi, das ist nicht meine Rolle.» Eher sieht er sich als väterlichen Freund. Ein Punkt ist sakrosankt: Er mischt sich nicht in grundlegende erzieherische Diskussionen der Eltern ein, hält sich zurück, obwohl Zurückhaltung so gar nicht zu seinen Stärken zählt. Der Vater der Kinder soll spüren, dass da «keiner kommt, der ihm die Vaterrolle streitig macht».

Güdel lässt Nicola, Ramon und Emilia Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen, versucht, sich in sie hineinzuversetzen, indem er sich an seine eigene Kindheit erinnert, respektiert ihre Gefühle und die Eigenheiten des Familiensystems. Schon bald verfliegen die Unsicherheiten, und auch der vorerst skeptische Nicola kann offen auf den Freund seiner Mutter zugehen.

Dennoch dauert es zwei Jahre, bis der überzeugte Stadtmensch seine eigene Wohnung mit einem mulmigen Gefühl aufgibt und mit Aniko und den Kindern in ein Haus in der ländlichen Idylle, Thierachern bei Thun, zieht. Dort haben die Kinder ihren Lebensmittelpunkt, ihren Vater, ihre Schulen. Matthias Güdel taucht mutig ein in das Abenteuer Familienleben auf dem Land – ohne fixe Vorstellung, wie dieses aussehen soll, aber mit einer grossen Portion Optimismus und Offenheit.

Rasenmähen und Einkaufen statt Ausgang
Güdels Leben dreht sich um 180 Grad. Statt nach Feierabend zu entspannen, fährt er nun die Jungs ins Eishockey- und Judotraining. Statt Freunde zu treffen, mäht er den Rasen, statt in den Ausgang geht es zum Einkaufen. Die erholsame Stille seines Lofts ist dem Lärmpegel dreier Geschwister gewichen. In seltenen, hektischen Momenten sehnt er sich zurück nach seiner Ruhe, seinem Freiraum. Aber er merkt auch, wie gut er in der Familie von seinem anspruchsvollen Job im Management abschalten kann.

Zu Hause sind ganz andere Dinge gefragt als im Beruf: Matthias Güdel verarztet ein aufgeschürftes Knie, bringt Emilia das Schwimmen und Skifahren bei, hilft bei den Hausaufgaben, bewundert den herausgefallenen Milchzahn, steht den Kindern mit Rat und Tat zur Seite. Er gibt viel, und er bekommt viel zurück, spürt, wie die gegenseitige Zuneigung wächst. Der Alltag zu fünft spielt sich ein, die Familie zieht in der gleichen Gemeinde in ihr Eigenheim, nur 200 Meter vom Vater der Kinder entfernt, und 2013 heiraten Aniko Bärtschi und Matthias Güdel.

31. Mai 2016, später Nachmittag. Der Vorplatz des weissen Hauses in einer Wohnsiedlung ist bunt bemalt, ein paar Kreiden liegen auf dem Boden, ein Skateboard steht da. Neben der Haustür hängt ein Schild aus Ton: «Willkommen bei Familie Güdel-Bärtschi». Am langen Holztisch im offenen Wohnbereich sitzt Matthias Güdel, heute 45, und fährt sich mit den Fingern über das neckische Kinnbärtchen. «Durch die Heirat bin ich erst richtig angekommen», sagt er. «Ich hätte nicht geglaubt, dass dieses äussere Bekenntnis sich so positiv auf das innere Befinden auswirkt.»

Aniko Güdel-Bärtschi stellt den Wäschekorb auf den Tisch. Sie nickt: «Schon das Zusammenziehen hat Ruhe in unsere Beziehung und die Familie gebracht. Aber durch die Hochzeit wurde das noch verstärkt.»

Die Zeit der Eifersucht ist vorbei
Zu Beginn ihrer Beziehung habe die Eifersucht oft an ihr genagt, gesteht die 41-Jährige: «Wenn ‹Mättel› allein in die Tauchferien reiste, dachte ich: Jetzt passiert es. Jetzt lernt er eine Frau ohne Kinder kennen. Eine, die mit ihm durch die Welt reist. Eine, die am Freitagabend nicht ‹grännet›, weil sie in ein Loch fällt, wenn die Kinder für das Wochenende zum Vater gehen. Eine, die nicht ständig müde ist.» Heute kann die Tagesschulebetreuerin darüber lachen: «Ich fragte mich immer wieder: Wieso tut er sich das an? Irgendwann dämmerte es mir: Er liebt mich und die Kinder wirklich.»

Die Haustür fliegt auf, die zehnjährige Emilia stürmt herein, zieht den Velohelm aus, setzt sich neben «Mättel», schmiegt sich an ihn. «Für mich ist er einfach mein zweiter Vater», sagt sie und fügt treuherzig an, dass sie ihn manchmal um etwas bitte, was ihr eigener Papi nicht erlaube. Matthias Güdel schmunzelt. «O ja, das kannst du gut.» Ihr Bruder Nicola kann sich kaum mehr vorstellen, wie skeptisch er «Mättel» einst gegenüberstand.

«Heute haben wir es extrem gut zusammen», sagt der 19-jährige Lehrling und knufft seinen Stiefvater in die Seite. «Er hat mich nie bedrängt, das hat geholfen.» Als das Thema Hochzeit auf den Tisch kam, war es Nicola, der seiner Mutter riet: «Heirate ihn, so einen Mann findest du nie mehr!» Auch Ramon, inzwischen 16, unterstützte die Heiratspläne: «Ich war stolz, dass sie heirateten. Es war ein logischer Schritt», meint der Gymnasiast. Sein Stiefvater sei für ihn «ein guter Kollege».

Doch den Geschwistern fehlt gerade die Zeit für Gespräche über Vergangenes. Heute hat ihr leiblicher Vater Geburtstag, und da gibt es für sie einiges zu organisieren. Ehrensache, geht «Mättel» mit ihnen in den Weinkeller und hilft bei der Auswahl eines guten Tropfens. Er ist sich sicher: «Dass ihr Vater die tiefe Beziehung zu ihnen stets gepflegt und seine Rolle wahrgenommen hat, ist ein entscheidender Faktor für unser harmonisches Zusammenleben.» Als die drei im Laufschritt das Haus verlassen, schaut Matthias Güdel ihnen nach. «Ich liebe sie, als wären es meine eigenen Kinder.» Nach der Arbeit in eine leere Loftwohnung zurückkehren – nein, das kann sich der Spitalleiter wirklich nicht mehr vorstellen. «Um Himmels willen!», ruft er. «Die Stille würde mich erdrücken.»

Zurück in die leere Loftwohnung? «Um Himmels willen, nein!»
Zurück in die leere Loftwohnung? «Um Himmels willen, nein!», sagt Matthias Güdel.


PATCHWORKFAMILIE

Tipps für das Zusammenleben

Ein Stiefelternteil ist kein Ersatz für leibliche Eltern. Kinder haben nur einen Vater und eine Mutter. Das Kind will in seinem Bedürfnis nach Loyalität zu beiden Eltern nicht gestört oder behindert werden.

Respektvoller Umgang zwischen den leiblichen Eltern. Wenn über den abwesenden Elternteil abwertende Äusserungen gemacht werden, fühlt sich das Kind persönlich verunsichert. Es weiss nicht, zu welchem Elternteil es mit seinen Gefühlen stehen soll, und gerät in einen Loyalitätskonflikt.

Die Erziehungsverantwortung liegt bei der Mutter respektive beim Vater. Stiefeltern können in Abwesenheit der leiblichen Eltern erzieherisch handeln. Die Mutter oder der Vater teilt dem Kind mit, dass der Stiefelternteil das Sagen hat. Das setzt voraus, dass sich die Erwachsenen in grundsätzlichen Fragen der Erziehung einig sind.

Stiefeltern sollen sich möglichst wenig einmischen. Eltern und Kinder sind durch die gemeinsame Vergangenheit geprägt, sie haben die gleichen Verhaltensmuster im Alltag. Es ist hilfreich, Kritik an kindlichen Verhaltensweisen zuerst unter den Erwachsenen zu besprechen. Die Notwendigkeit, sich in Erziehungsfragen zu einigen, ist grösser als in Ursprungsfamilien.

Scala, Beratungsstelle für Paare und Familien, Weissensteinstrasse 5, 4500 Solothurn, Tel. 032 624 11 99, www.beratungsstelle-scala.ch

Autor: Franziska Hidber

Fotograf: Michael Sieber