Archiv
05. März 2012

Matthias’ Gespür für Bäume

Matthias Brunner kommt dann zum Einsatz, wenn Bäume für Menschen eine Gefahr werden könnten. Mit modernster Technik und einem feinen Gespür für Holz entscheidet er, ob die grünen Riesen gerettet werden können.

Ein Mann, ein Baum: Forstingenieur Matthias Brunner empfindet für Bäume grossen Respekt: Mit seinen Untersuchungen verhindert er, dass manch grüner Riese vor seiner Zeit gefällt wird.

Breite, ein zu Nürensdorf ZH gehörender Ortsteil, 740 Einwohner, ein Restaurant, eine Kapelle. Davor eine alte Winterlinde. In der Luft liegt der Geruch von Jauche — die Bauern nutzen den schneefreien Tag, um ihre Güllelöcher zu leeren.

Matthias Brunner (45) atmet tief durch. Langsam schreitet er um den mächtigen Baum, der seine knorrigen Äste direkt neben dem Kapelleingang gen Himmel streckt. Der gross gewachsene Mann stochert da mit einem langen Stahlstift in einem Spalt im Stamm, zupft dort an einem Stück Rinde, das sich abgelöst hat. Dann wirft er einen Blick hinauf in die Baumkrone. Er nickt zufrieden. «Kein Laub mehr, so kann ich das Baumskelett besser beurteilen.»

Bäume können sprechen, wenn auch nicht direkt.

Die Besitzer von Kapelle und Winterlinde haben den Baumexperten aufgeboten, um ein Stabilitätsgutachten für die Winterlinde zu erstellen. Ihre Angst: der Baum oder einzelne Äste könnten um- beziehungsweise abknicken und auf die nur zwei Meter entfernt verlaufende Strasse fallen. «Sichere Bäume sind im Siedlungsgebiet lebenswichtig, gerade an so exponierten Lagen wie hier», sagt Matthias Brunner, während er sorgfältig ein paar Pilze einsammelt, die am Fuss des Baums spriessen. «Es gibt Pilze, welche die Baumwurzeln von unten her befallen und die Standsicherheit trotz guter Vitalität der Krone stark beeinträchtigen können», erklärt er sein Tun. Er wird sie später in seinem Büro in Zürich unter die Lupe nehmen, wo er seine unabhängige Fachstelle für Baum- und Pflanzenberatung betreibt.

Brunner entdeckte seine Liebe zu Bäumen schon als Kind

Den gebürtigen Berner, der nach seinem Forstingenieurstudium an der ETH in Zürich hängengeblieben ist, verbindet eine lebenslange Liebe zu Bäumen. Schon als Kind habe er ganze Sommer damit verbracht, Baumhütten zu bauen, sei hoch hinauf geklettert, erzählt er. Oft sei er auch mit dem Grossvater «ins Holz» gegangen, habe mit der schweren Motorsäge hantiert, Brennholz gemacht.

Wenn der 45-Jährige heute ins Holz geht, dreht sich fast alles um das Thema Sicherheit. Der Baumexperte wird dann aufgeboten, wenn ein Baum in seinem Innern möglicherweise schon so faul ist, dass er zu einer Gefahr für seine Umgebung werden könnte. 500 Franken aufwärts kostet eine solche Untersuchung, je nach Aufwand. An Tausenden von Bäumen hat Brunner trainiert, die Stabilität anhand ihrer Gestalt zu deuten. Matthias, der Baumflüsterer? Er schmunzelt. «Bäume können sprechen, wenn auch nicht direkt», sagt er. Pilzbefall, Wucherungen, Ameisen, all das seien Spuren, Aussagen über deren Gesundheit.

Ultraschall macht das Innenleben des Baumpatienten sichtbar

Trotz seiner jahrelangen Erfahrung kann der Experte nicht immer allein durch den Augenschein einwandfrei feststellen, wie standsicher ein Baum ist. Dann greift er zu seinen messtechnischen Geräten. Zum Resistografen beispielsweise, einer Art Bohrmaschine mit dünner Nadel, mit dem der Bohrwiderstand des Holzes einer Fieberkurve gleich auf einem Papierstreifen aufgezeichnet wird. Oder zum Fractometer, mit dem fünf Millimeter dicke Bohrkerne untersucht werden. An Messuhren können anschliessend die Bruchkräfte und -winkel abgelesen und mit statisch erforderlichen Werten verglichen werden.

Matthias Brunner setzt bei seinen Untersuchungen auf eine Mischung aus Handwerk und Hightech: Mit dem Stahlstift ergründet der Baumfachmann allfällige Schwachstellen von aussen.
Matthias Brunner setzt bei seinen Untersuchungen auf eine Mischung aus Handwerk und Hightech: Mit dem Stahlstift ergründet der Baumfachmann allfällige Schwachstellen von aussen.
Zwecks Ultraschall befestigt der Baumexperte dünne Stahlstifte im äussersten Jahrring unter der Rinde.
Zwecks Ultraschall befestigt der Baumexperte dünne Stahlstifte im äussersten Jahrring unter der Rinde.

Oder aber der Baumflüsterer packt den Ultraschall aus. «Damit kann ich vergleichbar mit einer Schwangerschaftsuntersuchung bei einer Frau das Innenleben der Bäume sichtbar machen.» Zur Schallübertragung befestigt Matthias Brunner dünne Stahlstifte im äussersten Jahrring unter der Rinde. «Was auf den ersten Blick martialisch aussieht, schadet dem Baum nicht. Die Stifte durchdringen nur den sogenannten Bast, die äusserste Schicht des Baums bis in den äussersten Jahrring.» Dann legt er dem Baum eine Art Gürtel mit daran befestigten Böxli um — Sensoren. «Ich bin schon gefragt worden, ob ich den Baum sprengen wolle», erzählt er mit einem breiten Lachen.

Tatsächlich, die Sensoren ähneln frappant Sprengstoffkapseln. Mit einem elektronischen Hammer erzeugt er ein Netz von Schallwellen. Dieses wird mit Hilfe einer Software ausgewertet und farblich auf Brunners Tabloid-PC dargestellt. Gesundes Holz leitet den Schall mit über 1000 Metern pro Sekunde. «Dunkelbraun heisst gesund.» Brunner deutet auf seinen Bildschirm. «Der Stamm sieht zumindest aussen herum relativ stabil aus.» Der rötlich-violette Spickel zwischen dem sechsten und siebten Stahlstift hingegen lasse auf Fäulnis schliessen. «Aber gefährlich hohl ist der Stamm der Linde nicht.»

Ultraschallbild des Baum-Innenlebens.
Ultraschallbild des Baum-Innenlebens.

Matthias Brunner vergleicht Bäume gern mit einem Segelschiff: die Wurzeln der Bootsrumpf, der Stamm der Schiffsmast, die Baumkrone das Segel. «Aber anders als beim Segelschiff, das sich ja bewegt, liegt beim Baum der Schwachpunkt zwischen Wurzeln und Stamm.» Weshalb er den ersten Ultraschall möglichst nahe bei dieser Schwachstelle durchführe.

Bäume haben nicht nur eine ökologische, sondern auch eine ästhetische Bedeutung. «Gerade grosse Bäume prägen oft ein ganzes Dorfbild», weiss Matthias Brunner. 4000 Bäume pro Jahr überprüfen er und seine drei Angestellten. Viele haben eine Geschichte, haben die Menschen, denen sie gehören, möglicherweise ein Leben lang begleitet. Da könne die Nachricht, dass ein Baum gefällt werden müsse, oft sehr emotional sein. «Und es ist einfacher, wenn ich mit reinen Fakten argumentieren kann», sagt Matthias Brunner. «Ziel ist es, Probleme objektiv zu analysieren und kreative Lösungen zu finden.»

Manchmal reiche es beispielsweise, nur einzelne Äste abzunehmen oder dem Baum einen bestimmten Dünger zuzuführen. Rund zehn Prozent der untersuchten Bäume müssen schliesslich gefällt werden. Eine Arbeit, die der Forstingenieur delegiert, um einen allfälligen Interessenkonflikt zu vermeiden.

Grosse Bäume prägen oft ein ganzes Dorfbild.

Welches ist Matthias Brunners Lieblingsbaum? Er schmunzelt. «Die Linde: wegen ihres Habitus, ihrer Gestalt, ihrer Krone», sagt er dann. Zudem sei sie eine wichtige Nahrungsquelle für Bienen. «Und gerade Linden sind sehr geschichtsträchtige Bäume. Sie wurden auf vielen Dorfplätzen als sogenannte Gerechtigkeitsbäume gepflanzt.» Daher würde es ihm schon ein bisschen wehtun, wenn gerade dieser Baum gefällt werden müsste. Auch wenn er wisse, dass das der Lauf des Lebens sei: wachsen, sterben und zu Erde zu werden, auf dass etwas Neues wachse. Sagts und macht sich daran, die Ultraschallsensoren vorsichtig vom Baumstamm zu lösen.

Drei Tage später dann die gute Nachricht. Die Winterlinde in Breite hat am Stammfuss zwar eine begrenzte, kegelförmig in Richtung Krone aufsteigende Fäule. Diese beeinträchtigt die Standfestigkeit des Baums jedoch nicht. Matthias Brunner verspricht: «Wenn das Dürrholz im Baumwipfel entfernt wird, ist der Baum definitiv wieder in einem sicheren Zustand.» Mindestens für die nächsten fünf Jahre. So lange nämlich dauert die Garantie des Baumflüsterers.

www.mbrunnerag.ch

Autor: Almut Berger

Fotograf: Paolo Dutto