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26. Januar 2015

Let's talk about sex

Sex ist überall, Hemmungen haben wir trotzdem. Esther Elisabeth Schütz will das ändern. Mit Erfolg: In Uster ZH kann man bei ihr neu einen Master of Arts in Sexologie machen. Rechts finden Sie Zahlen und Fakten zur Sexualität in der Schweiz («Lust und Frust in Schweizer Betten») und ein Kurzabriss der Sexualgeschichte mit dem Video zu den Meilensteinen («Geschichte der Sexualität»).

Esther Elisabeth Schütz
Esther Elisabeth Schütz will die Hemmschwelle der Schweizer senken, über Sex zu reden.

Nacktselfies und Pornos auf dem Smartphone, Brüste in der Werbung: Sex ist in unserer Gesellschaft omnipräsent. Über unsere Blinddarmoperation sprechen wir. Doch über Sex wird vornehm geschwiegen. Trotz der sexuellen Revolution in den 60er-Jahren haftet der Sexualität immer noch ein unseriöser Ruf an. Zudem herrscht in Sachen Sex oft grosse Unsicherheit.

«Die Schweiz braucht dringend qualifizierte Fachleute in Sexologie», findet Esther Elisabeth Schütz (65). Die klinische Sexologin, Supervisorin und Erwachsenenbildnerin arbeitet seit über 30 Jahren in der Sexologie und kämpft für deren Anerkennung als Hochschuldisziplin. Einen Teilerfolg hat sie bereits errungen: Seit Oktober bietet das von ihr geleitete private Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie ISP in Uster ZH den ersten Schweizer Weiterbildungsmaster in Sexologie an. Er wird in Kooperation mit der deutschen Hochschule Merseburg angeboten. In drei Jahren schliessen die ersten Studierenden mit dem akademischen Titel «Master of Arts in Sexologie» ab.

Esther Elisabeth Schütz’ Vision: In den Schweizer Arztpraxen soll zusätzlich ein Sexologe oder eine Sexologin praktizieren und die Menschen rund um ihre sexuellen Anliegen beraten. Denn: Ärzte behandeln das Thema Sexualität in ihrem Studium nur am Rande bis gar nicht. Zudem haben sie wenig Zeit. «Die Sexualität kann man nicht in einer Sitzung von zehn Minuten abhandeln», sagt Schütz. Einen Nachholbedarf in der Ärzteausbildung sieht auch Brigitte Leeners, Oberärztin für Reproduktionsmedizin, Gynäkopsychosomatik und Sexualmedizin am Universitätsspital Zürich: «Eine klassische frauenärztliche Ausbildung umfasst zunächst keine sexualmedizinischen Inhalte. Und das, obwohl das weibliche Genital im Leben einer Frau wesentlich häufiger für Sexualität als beispielsweise für Entbindungen eingesetzt wird», sagt sie. Leeners ist Präsidentin der Schweizer Gesellschaft für Sexologie und findet: «Es ist erfreulich, dass dank des neuen Masters für Sexologie die verschiedensten Berufsgruppen die Möglichkeit zu einer fundierten Ausbildung haben.»

Swingerclubs, Darkrooms, Sex-Toys – für jede Vorliebe etwas

«Wir leben in einer Gesellschaft der Überangebote. Von allem gibt es immer mehr. Auch die Sexualität ist zu einem Konsumgut geworden», sagt Sexologin Schütz. Sexspielzeuge, Swingerclubs, Darkrooms – für jede Vorliebe gebe es etwas. Das kann auch Unsicherheit auslösen. «Deshalb sollten Fachkräfte die Menschen in ihrer Entscheidungsfähigkeit unterstützen.»

«Blick»-Sexberaterin Caroline Fux hält den Master in Sexologie ebenfalls für eine tolle Sache: «Gute Ausbildungen im Bereich Sexualität waren lange Mangelware, besonders in der Schweiz. Dass sich das jetzt ändert, ist sehr begrüssenswert.» Fux bekommt täglich Mails zu Beziehungsfragen, aber auch zu Sexpraktiken. «Sexualität ist eine tolle Sache – wenn es rund läuft. Und sie befriedigt und erfüllt. Leider gilt das nicht für alle Menschen und nicht ständig. Sich bei Schwierigkeiten von einer Fachperson helfen lassen zu können, ist ein Segen und sollte kein Tabu sein», sagt Caroline Fux.

Ein Besuch im Master-Unterricht, Themenblock Physiologie. Im hellen Raum einer Backsteinvilla der alten Brauerei Uster sitzen 18 Studentinnen und ein Student im Kreis auf Stühlen und machen sich eifrig Notizen. Esther Elisabeth Schütz zeichnet einen Penis auf das Flipchart. Daneben einen Pfeil zu einer Strichfigur mit Brüsten und Schamhaaren. Keine roten Köpfe, kein Tuscheln. Stattdessen konzentriertes Nicken.

«Oft höre ich in meiner Praxis von Männern: ‹Sie, Frau Schütz, ich bin nicht so einer, der den Frauen auf die Brüste schaut.› Sie hoffen, ich sei als Sexologin beruhigt. Doch das bin ich nicht. Ich bin eher etwas beunruhigt, denn der visuelle Reiz ist für Männer wichtig.» Dieses und andere körperliche Phänomene beginnen schon früh. Schütz erklärt, dass Mädchen und Jungen bereits ab drei Monaten beginnen, über Muskelspannung und Be­wegung den Erregungsreflex auszulösen. Kleinkinder machen dies unbewusst im Spiel. Die Studienleiterin erinnert ihre Klasse an Spiele wie Gummitwist oder Himmel und Hölle. «Lasst uns das spielen, damit wir verstehen, was abläuft!» Sie beginnt zu hüpfen, die Studierenden machen mit.

Im Studium setzt man sich auch mit der eigenen Sexualität auseinander

In der Masterausbildung lehren über 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie bilden unter anderem Fachleute aus der Psychologie, der sozialen Arbeit oder der Pflege zu Sexualberatern aus. In sieben Modulen büffeln die Studierenden sexuelle Gesundheit, sexuelles Lernen und angewandte Sexualberatung. Sie müssen sich während der Ausbildung auch mit ihrer eigenen Sexualität und ihrem Körper auseinandersetzen: Zwischen den Unterrichtsblöcken im 14-Tage-Turnus führen sie Tagebuch und besuchen selbst eine Sexualberatung. «Im Studium lernt man neben der Beratung viel über sich selbst», sagt Studentin Liliana Koller (26) aus St. Gallen. Zum Beispiel, warum viele Frauen Schwierigkeiten haben, zum Orgasmus zu kommen. «Im Sexologieunterricht habe ich gelernt, wie ich meine eigene sexuelle Erregung steuern kann.»

Drei Tage später empfängt uns die Studienleiterin Schütz im Büro des Instituts, das sie 1998 mitgegründet hat. Ihr Gang ist leicht schwebend, den Schal hat sie kunstvoll um die Schultern gewickelt, sie trägt eine weisse Bluse und rote Schuhe. Heute widmet sie sich dem Tagesgeschäft. Esther Elisabeth Schütz streicht sich das grau melierte Haar hinter die Ohren. Sie wirkt etwas erschöpft, nippt an einer Tasse Tee. Die Sexologie zu professionalisieren sei ein Kraftakt, sagt sie. Neben der Überzeugungsarbeit muss sie viel Administratives erledigen. Berge von Papier hat sie für die Akkreditierung des Studiengangs eingereicht. Auch jetzt muss sie ständig Material nachliefern: Modulinhalte, Lernziele, Praxisnachweise, Studienordnung.

Nach jeder Interviewfrage macht sie lange Pausen, denkt nach, notiert sich Stichworte. Ganz in Therapeutenmanier sind nie Wertungen aus ihren Sätzen herauszuhören. Sie spricht im Bündner Dialekt, ursprünglich stammt sie aus Chur. Wieso Sex und nicht Computertechnik, Frau Schütz? «Früher wollte ich mal Architektin oder Floristin werden», erzählt sie. Die Liebe zum Menschen und zur Pädagogik habe sie dazu bewegt, sich für die Sexologie zu engagieren. Als 1968 die freie Liebe ausgerufen wurde, war Schütz 19 Jahre alt. «Make Love, Not War» war das Motto. Prägend war für sie als ehemalige Oberstufen­lehrerin auch eine junge Schülerin, die mit 14 bereits den ersten Geschlechtsverkehr hatte. Durch das junge Mädchen wurde Schütz klar, wie wichtig es ist, mit Jugendlichen früh die Sexualität anzusprechen.

In ihrer Beziehung ist sie Frau, nicht Sexologin

Sie selbst lebt in einer Partnerschaft und hat keine Kinder. Ihre Arbeit inspiriere sie immer wieder aufs Neue, auch für ihre eigene Beziehung. «Manche denken, dass eine Sexologin auch in der eigenen Sexualität Konzepte im Kopf hat. So ist es nicht. In meiner Beziehung bin ich Frau und kann völlig abschalten.»

In ihre Beratung kommen Menschen mit verschiedenen Anliegen. Da ist zum Beispiel die Mutter eines kleinen Mädchens, das sich ständig am Stuhlbein oder an der Bettkante reibt. Die Sexualberaterin rät Eltern, ihre Kinder schon früh beim Entdecken ihres Geschlechts zu begleiten. Ihnen ihr Geschlecht zu erklären und aufzuzeigen, was das Anfassen auslösen kann. Vielen Kindern und Jugendlichen fehle auch heute der positive Zugang zum eigenen Körper. «Manche Probleme im Erwachsenenalter könnten besser bewältigt werden, wenn in der Kindheit ein offener Umgang mit Sexualität gelernt würde.»

Momentan kommt auch ein junger Mann zu ihr, der die Lust beim Sex verloren hat. «Die jungen Männer von heute machen mir etwas Sorgen», sagt die Fachfrau. Immer mehr klagten über Unlust und Erektionsstörungen. Ein neues Phänomen, wie Schütz weiss. Die 20- bis 30-jährigen Männer seien stark weiblich sozialisiert worden. Dazu übernähmen sie heute mehr Aufgaben als früher: Sie wollen Karriere machen, die Kinder betreuen, Hausmänner und gute Liebhaber sein. Da kämen manche an ihre Grenzen. «So hat eben jede Generation ihre Themen in der Sexualität. Das macht meine Arbeit spannend», sagt die Expertin.

«Die Aufklärung der Jugendlichen ist viel besser als früher.»

Ist unsere Gesellschaft wirklich so übersexualisiert, wie oft behauptet wird? Nein, findet Schütz. «Eher sexualfreundlich. Früher war Sexualität mit Hemmungen und Scham belegt.» Heute dagegen, so erklärte der koreanische Philosoph Byung-Chul Han kürzlich in einem Interview, leben wir «in einer Pornogesellschaft». Esther Elisabeth Schütz findet diese Aussage gewagt. Einschränkend gibt sie ihm jedoch recht: «In Internetforen und sozialen Medien wie Facebook geben die Leute fast alles von sich preis. Früher hatten wir eine andere Grenze der Intimität. Darum braucht es mehr Experten.»

Den offenen Diskurs über die sexuelle Gesundheit hält die Sexologin für eine grosse Errungenschaft: «Die Aufklärung der Jugendlichen ist wesentlich besser als früher.» Doch was die Probleme in der Sexualität angeht, wünscht sich Schütz noch mehr Offenheit. «Fragen zur Sexualität sind Persönlichkeitsfragen wie alle anderen auch. Da kann man sich doch mal beraten lassen.» Ihre Vision ist es, dass die Hemmschwelle der Schweizer sinkt. Irgendwann soll es normal werden, dass Paare ihren Freunden anvertrauen, dass sie eine Sexualberatung machen.

Obwohl Esther Elisabeth Schütz langsam ins Pensionsalter kommt, denkt sie zurzeit noch nicht ans Aufhören. Zwar sei die Anerkennung der Sexologie als Disziplin schon ein wenig gestiegen. «Da liegt aber noch ein langer Weg vor uns.» Für die Studienleitung sucht sie allmählich nach einer Nachfolge. Therapeutisch will sie aber bis ins hohe Alter in Teilzeit tätig sein. «Ich freue mich zu erleben, wie sich die Sexologie verändert.»

Eines Tages will sie wieder mehr Zeit fürs Lesen haben, für den Ausdruckstanz und das Laufen in der Natur. Als Nächstes will Esther Elisabeth Schütz eine Ausbildung für Körpertherapie machen. Immer wieder Neues dazulernen. Denn Wissen hilft. Darüber reden sowieso.

Die Sexologie-Studenten im Porträt
Die Sexologie-Studenten im Porträt

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Nathalie Bissig, Mara Truog