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22. September 2014

«Massenschläge sind nicht mehr verkäuflich»

Fredi Gmür (55), der frühere Tourismusdirektor von Savognin, ist seit 1996 CEO der Schweizer Jugendherbergen und damit Chef von insgesamt 550 Mitarbeitenden. Frischer Wind in den Schweizer «Jugis»: Zum Interview das Kurzporträt von drei modernen Gasthäusern (rechts).

Fredi Gmür, CEO Schweizer Jugendherbergen
Fredi Gmür, seit 18 Jahren CEO der Schweizer Jugendherbergen. (Bild zVg)

Fredi Gmür, am 5. September 2014 eröffnet die weltweit erste Wellness-Jugendherberge in Saas-Fee. Was wollen Sie damit erreichen?

Wir haben nicht nach einer Wellness-Jugendherberge gesucht. Es hat sich quasi so ergeben. Tatsächlich haben wir uns im Walliser Feriendorf über Jahre nach einem geeigneten Standort umgesehen. Alle Möglichkeiten waren nicht finanzierbar. Nun sind wir eine Partnerschaft mit der Gemeinde Saas-Fee eingegangen: Nach dem Abbruch einer alten Tennishalle hat uns die Gemeinde den Platz im Baurecht verkauft. Gleichzeitig wurde das Bad renoviert und um einen Wellnessbereich aufgewertet, den wir 20 Jahre lang pachten und auch öffentlich betreiben werden.

Das Angebot in Saas-Fee richtet sich an Familien, Paare, Einzelreisende sowie an Sportgruppen. Singles scheinen immer wichtiger zu werden.

Ja. Wir haben einen grossen Teil an Einzelreisenden, wobei es zwei Kategorien gibt: Jene, die Intimität wünschen und bewusst kleinere Zimmereinheiten buchen. Und andere, meist jüngere Singles, die gern andere Leute kennenlernen und durch die Übernachtung im Mehrbettzimmer von einem tiefen Preis profitieren.

Jugendherbergen befinden sich heute auch in Schlössern und Villen und erinnern an Designhotels. Was heisst das für den Preis?

Wir haben unsere Preise nicht erhöht. Im Vier- bis Sechsbettzimmer bezahlt man durchschnittlich 37 Franken pro Person. Ein Doppelzimmer inklusive Dusche/WC kostet um 60 Franken pro Person. Unsere Übernachtungen schliessen das Frühstücksbuffet, Bettwäsche und Taxen ein.

Wie haben sich die Jugendherbergekunden verändert?

In Städten und ländlichen Regionen übernachten bei uns viel mehr Familien, weil das Angebot in diesem Bereich in der Schweiz relativ beschränkt ist. Familienfreundliche Hotels sind meist teurer. Und wir haben einen relativ hohen Anteil an Gästen, die älter als 45 Jahre sind. Dabei handelt es sich oft um Kunden, die nicht wegen der Finanzen zu uns kommen. Sie mögen viel mehr die Begegnungen in den Jugendherbergen, die langen Tische, an denen man abends zusammen isst. Zudem sind Massenschläge nicht mehr verkäuflich. Etwa 25 Prozent der Bettenkapazität sind klassische Doppelzimmer, 50 Prozent 4er-Zimmer und 25 Prozent 6er-Zimmer.

Wer übernachtet in einer Schweizer Jugendherberge?

20 Prozent sind Schulklassen und Gruppen – vom Jodlerclub über Sportvereine bis zum Bikerclub. Der Rest sind Einzelreisende und Familien, wobei die Kategorie 45 plus rund 40 Prozent dazu beiträgt.

Und von wo reisen die Kunden an?

Über 50 Prozent sind Schweizer Gäste, 10 Prozent aus Deutschland, weitere 15 Prozent aus dem übrigen Europa, gut 10 Prozent aus Übersee im Westen, 10 Prozent aus Asien. Letztes Jahr verzeichneten wir allein aus China ein 30-prozentiges Wachstum gegenüber 2012.

Wie gross ist die Auslastung? Schreiben die Häuser Gewinn?

Die Bettenauslastung beträgt über alle Betriebe gesehen knapp 55 Prozent. Da historische Gebäude, also Schlösser und Burgen, über ein beschränktes Bettenangebot verfügen, schreiben wir an diesen Orten ein Defizit. Doch es gehört zu unseren wichtigsten Aufgaben, historische Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und diese zu quersubventionieren. Den Cashflow haben wir in den letzten 20 Jahren von unter zwei Millionen Franken auf über acht Millionen Franken gesteigert und konnten so auch alle Neubauten und Renovationen realisieren.

Noch in den 90er-Jahren ging es den Schweizer Jugendherbergen schlecht.

Ja. Historisch profitierten wir während Jahrzehnten vom Geschäft mit den Schulen und von Unterstützungsgeldern. Die öffentlichen Gelder flossen nicht mehr, und die Schulkassen kamen nicht mehr im selben Ausmass. Wir haben dann auf diesen Wandel reagiert und unser Angebot den Gästebedürfnissen angepasst. Deshalb mussten wir 20 Betriebe schliessen.

Wer sind Ihre grössten Konkurrenten?

Wir haben eine relativ stabile Preispolitik. Nur machen Drei- und Vier-Sterne-Hotels bekannter Tourismusdestinationen wie Davos enorme Konzessionen. Ich weiss von Häusern, die an Weihnachten Zimmer zu 800 Franken verkaufen und im Sommer an Gruppen für 42 Franken. Dieses extreme Dumping ist unsere grösste Konkurrenz.

Andererseits sind die Jugendherbergen selbst Konkurrenten, wenn sie wie in Saas-Fee, Interlaken oder Gstaad mit einem neuen, modernen Angebot in den Markt eintreten. Wie viel Freude haben die Hoteliers an Ihren Aktivitäten?

Das erfuhren wir deutlich, als wir in Scuol einen Betrieb eröffneten. Die Hotellerie hatte Angst, wir würden ihr Gäste wegnehmen. Nur konnten wir den Beweis erbringen, dass wir eine neue Kundschaft anzogen. Wir sind mit 90 Ländern zusammengeschlossen und funktionieren als Organisation mit weltweit 3,5 Millionen Mitgliedern. So sorgten wir für neue Gäste. Uns half auch, dass wir während der Zeit, als der Franken stark war, Vertriebspartner in China und Brasilien suchten. Zudem hatte die Zahl der Internetbuchungen innert dreier Jahre von 3, 4 Prozent auf 25 Prozent zugenommen. Dabei ist erstaunlich, wie wenig Schweizer Gäste über das Internet buchen. Offenbar braucht es eine räumliche Distanz, um nicht anzurufen.

Vergangenen Oktober waren Sie in Berlin auf Spurensuche und haben sich mit der Hostel-, Beherbergungs- und Gastronomieszene auseinandergesetzt. Was bringt die Zukunft?

Im Low-Budget-Bereich setzt Berlin Trends. Das sieht man bei den verschiedenen Beherbergungsbetrieben. Sie kombinieren modernste Technik mit Geborgenheit und Begegnung. Gefragt sind grosszügige Allgemeinplätze zum Austauschen, und eine absolute Selbstverständlichkeit sind kostenloses Wi-Fi. In Saas-Fee und Gstaad richteten wir deswegen im ganzen Haus Internet ein, was wir in der Vergangenheit bewusst auf öffentliche Räume beschränkten, weil wir uns sagten, die öffentlichen Zonen seien für den Austausch, die Zimmer zum Schlafen.

Wo befindet sich Ihre Lieblingsjugendherberge?

In Solothurn. Sie ist in einem historischen, altehrwürdigen Gebäude untergebracht und trotzdem modern. Sie genügt höchsten Ansprüchen punkto Gastlichkeit, Architektur und Denkmalpflege.

Autor: Reto Wild