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07. Oktober 2013

Expertin für Haut, Haar und Herz

Für einmal sind nicht Solisten die Stars ‒ sondern Menschen wie Maskenbildnerin Friederike Ehmann, die dafür sorgen, dass die Opernaufführung reibungslos abläuft.

Maskenbildnerin Friederike Ehmann in der Maske zwischen Make-Up und Perücken
In der Maske: Den grössten Teil ihrer Arbeitszeit verbringt Maskenbildnerin Friederike Ehmann nicht mit Stars, sondern mit falschen Nasen, Schminkstiften oder handgefertigten Perücken.

Hat die Sopranistin Anna Netrebko Cellulite? Theoretisch könnte Friederike Ehmann (46) diese Frage beantworten, praktisch schweigt sie sich darüber aus. Diskretion ist oberstes Gebot in ihrem Beruf. Als Maskenbildnerin am Opernhaus Zürich kommt sie den grossen Sängerinnen so nahe wie kaum jemand. Das verpflichtet.

Ehmann ist zuständig für alles, was Haut und Haar betrifft. Also auch für Wunden, Narben und Tattoos. Für Bodypainting, falsche Nasen oder Penisattrappen. Während der Aufführung steht sie hinter dem Vorhang, zeichnet der ihr anvertrauten Sängerin zwischen den Szenen die Spuren des Lebens ins Gesicht — und bereitet sie auf den unvermeidlichen Bühnentod vor.

Warum in der Maske auch die Seele wichtig ist

Dass sie mal an der Oper arbeiten möchte, war für Friederike Ehmann bereits als Kind klar. Sie wurde als Primarschülerin mit der Kinderoper «Hänsel und Gretel» angefixt, spielte Klavier, Geige und Saxofon. Eigentlich die besten Voraussetzungen für eine Karriere im Orchester: «Aber ich war zu faul zum Üben. Meine ältere Schwester studierte Musik. Ich sah, was auf mich zukommen würde — also suchte ich mir etwas anders.»

Mit 16 entschied sie sich für eine Lehre als Coiffeuse und hängte zweieinhalb Jahre später nahtlos eine Ausbildung als Maskenbildnerin an. Kaum hatte sie das Diplom in der Tasche, heuerte sie in Zürich an, wo sie mit inzwischen 25 Dienstjahren schon fast zum Inventar gehört.Das Berufsbild hat sich in dieser Zeit kaum verändert. Allerdings trägt Ehmann die Schminke etwas weniger dick auf als früher, da die Gesichter heute auch kameratauglich sein müssen.

Am Zürcher Opernhaus arbeiten insgesamt 17 Personen in der Maske, die meisten zu 100 Prozent. Die grossen Namen werden im Team gerecht verteilt, wobei es Sängerinnen und Sänger gibt, die immer von derselben Person betreut werden möchten. «Dabei geht es nicht um die Qualität: Die Stars jetten von einem Haus zum anderen und freuen sich einfach, wenn sie ein vertrautes Gesicht sehen», erklärt Friederike Ehmann, die sich auf Frauen spezialisiert hat und darum nur Sängerinnen betreut. Sie selber ist auf Cecilia Bartoli abonniert, die sie seit 20 Jahren kennt und beim Vornamen nennt.

Die Maske ist die letzte Station vor der Bühne. Da muss die Beziehung stimmen. Zuweilen werkelt Ehmann nicht bloss an der äusseren Erscheinung ihrer Schützlinge, sondern pflegt auch ihre Seele: «Manche sind vor dem Auftritt nervös und brauchen ganz viele Streicheleinheiten. Andere plaudern, gewisse schweigen.» Es läge an ihr herauszufinden, was die Sängerinnen brauchen, um sich psychisch optimal vorzubereiten. Da ist Einfühlungsvermögen gefragt.

Man kann sich gut vorstellen, wie sich selbst exaltierte Diven bei Friederike Ehmann entspannt zurücklehnen. In den Augen der gross gewachsenen Blondine blitzt Schalk, und man kann sich gut vorstellen, dass es beim Schminken lustig zugeht. Stellt man ihr jedoch eine ernste Frage, kann sie blitzschnell auf seriös schalten.

So etwa, wenn man sie auf schwierige Sängerinnen anspricht. Ehmann glaubt, dass die Zeit der Diven eigentlich vorbei sei: «Die meisten sind sehr umgänglich. Probleme gibt es nur, wenn die Stars unter grossem Druck stehen und nervös sind.» Wenn man das einmal wisse, könne man besser damit umgeben.

Warum die Perücken in der Oper meist aus Echthaar sind

Ehmann wird oft auf die Stars und ihre Allüren angesprochen. Dabei macht die Begegnung mit ihnen nur einen kleinen Teil ihrer Arbeit aus: «Zu 70 Prozent beschäftige ich mich mit Perücken.» Um einen künstlichen Haarschopf mit echtem Menschenhaar herzustellen, benötigt sie rund 40 Stunden. Dabei verpflanzt sie zwischen 150 und 200 Gramm Haar. Es stammt aus dem asiatischen Raum und wird dort unter anderem bei Opferfesten gesammelt. Wie oft Ehmann bei ihrer Arbeit mit der Knüpfnadel durch den Tüll aus Kunstfaser sticht, hat sie noch nie nachgezählt. Dem Resultat jedenfalls sieht man nicht an, dass nicht jedes Haar aus einer eigenen Wurzel spriesst.

So viel Aufwand erstaunt, ist aber in der Oper der Normalfall: «Perücken aus Kunsthaar kommen nur zum Einsatz, wenn das Haar künstlich aussehen soll.» Naturhaar könne sich im Verlauf einer Vorstellung verändern. Trägt die tragische Heldin am Anfang eines Stücks gepflegte Locken, sind es kurz vor dem Showdown vielleicht nur noch zerzauste Strähnen. Und das alles, ohne die Perücke zu wechseln — «wie im echten Leben eben.»

Nächste Folge: Inspizient Felix Bierich

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Gian-Marco Castelberg