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27. Dezember 2016

Der Gerichtsmediziner aus dem «Bestatter»

Martin Ostermeier spielt seit der ersten Folge des «Bestatters» den Wiener Gerichtsmediziner Dr. Alois Semmelweis. Das Migros-Magazin hat den Schauspieler vor dem Start der fünften Staffel getroffen und über den Tod, Service Public und Professor Dr. Karl-Friedrich Börne gesprochen. Im unten stehenden Video erklärt er den Habsburger Bezug zum Aargau.

Martin Ostermeier spielt den Gerichtsmediziner Dr. Alois Semmelweis
Martin Ostermeier spielt den Gerichtsmediziner Dr. Alois Semmelweis. (Bild: SRF/Sava Hlavacek)

Wie gut kennen Sie Professor Dr. Karl-Friedrich Börne oder Dr. Temperance Brennan?
Persönlich kenne ich sie nicht. Aber auf gewisse Art sind sich Dr. Alois Semmelweis und Professor Börne ähnlich: beide sind Klugscheisser.

Also holen Sie sich durchaus Inspiration von anderen Gerichtsmedizinern oder Pathologen im Fernsehen?
Zunächst: Das ist nicht dasselbe, auch wenn das gerne in einen Topf geschmissen wird! Gerichtsmediziner sind …

… Sie sind ganz in Ihrer Rolle …
Anders als Gerichtsmediziner untersuchen Pathologen keine Kriminalfälle und müssen nie die Identität des Verstorbenen feststellen, vielmehr erforschen sie Krankheiten.

Wir waren bei Ihren Vorbildern.
Der wunderbare österreichische Schauspieler Josef Hader spielte im Zweiteiler «Der Aufschneider» einen Pathologen. Diese Filme waren für mich mehr Inspiration als der Herr Börne. Der ist mir ein bisschen zu zackig.

Wie viel der Figur des Dr. Semmelweis ist vom Drehbuch vorgegeben und wie viel können Sie selbst einbringen?
Dass er Wiener ist, einen trockenen Humor hat, und dass er Besserwisser ist, kommt vom Drehbuch. Im Fernsehen wissen Gerichtsmediziner immer viel mehr als in Wirklichkeit. Das betrifft besonders die Sache mit dem Todeszeitpunkt! Im Fernsehen schauen sie einmal drauf und sagen <naja, so gegen fünf vor halb Zwölf ist er gestorben>. In Wirklichkeit ist das anders.

Haben echte Gerichtsmediziner auch diesen trockenen, beinahe schwarzen Humor?
Ich kenne zwei Gerichtsmediziner in Zürich. Der eine hat diesen schwarzen Humor, der andere weniger. Aber wahrscheinlich bringt es der Job schon mit sich: Man ist mit grauslichen, banalen, traurigen Sachen konfrontiert. Und erfährt Sachen, die niemand weiss. Nicht-gesellschaftskonforme Neigungen zum Beispiel. Man lernt das Leben kennen, wenn man sich mit dem Tod der Menschen beschäftigt.

Das tönt nach einer intensiven Vorbereitung auf die Rolle. Waren Sie bei einer richtigen Obduktion dabei?
Das stimmt, aber dabei sein durfte ich aus rechtlichen Gründen nicht.

Durch meine Recherchen weiss ich, wie eine Obduktion abläuft.

Hätten Sie es gemacht, wenn es erlaubt wäre?
Wahrscheinlich schon. Gefühlt wäre ich nicht zu empfindlich, den Job nach einem entsprechenden Studium zu Machen. Durch meine Recherchen weiss ich zumindest, wie eine Obduktion abläuft: Wo, wie und warum geschnitten wird, was herausgenommen wird – alles übrigens, also wirklich alles – was mit den Organen passiert und wer da so alles drumrum steht.

Wie stellen Sie das im Fernsehen dar?
Mit Schauspielerinnen und Schauspielern. Einmal nahmen wir eine Schweineschwarte. Das war das einzige Mal, wo man im TV gesehen hat, wie ich tatsächlich schneide.

Diese intensive Recherche machten Sie kurz bis vor Drehbeginn der ersten Staffel oder ist das ein fortwährender Prozess?
Es lässt nach … Aber es kommen ja auch wieder neue Themen hinzu: In der dritten Staffel wird ein Anschlag auf Dr. Semmelweis verübt… Und da habe ich zur Vorbereitung mit einer Person gesprochen, die das tatsächlich erlebt hat.

Betreiben Sie diese Recherche auf eigene Faust oder haben Sie da Unterstützung vom Fernsehen?
Das mache ich selbst, weil mich das ja auch persönlich interessiert. Wie viel davon dann später tatsächlich in die Rolle einfliesst, könnte ich jetzt gar nicht sagen. Aber statt eben von Börne oder anderen Berufskollegen abzugucken, rede ich lieber mit echten Gerichtsmedizinern. Ich ärgere mich in Vorabendkrimis über Schauspielkollegen, die dortstehen und sagen, sie seien Pathologen.

Das scheint ein echtes Trauma zu sein.
Da fühle ich mich ganz altmodisch der Wahrheit verpflichtet.

Also gehts Ihnen schon auch darum, mit Ihrer Rolle im Bestatter Wissen zu vermitteln.
Wenn ich ich jemanden verkörpen soll, dann will ich, dass es soweit stimmt, wie ichs in der Hand habe. Und wenn jemand sagt, er sei Pathologe statt Gerichtsmediziner, dann stimmt das einfach nicht.

Sie haben schon eine starke Faszination für diesen Beruf entwickelt, oder?
Unbedingt. Mich interessiert das Wissenschaftliche, die Suche nach Antworte, und das Endgültige. Schliesslich gehts um Leben und Tod.

Haben Sie sich auch schon überlegt, wie es wäre, selbst auf dem Obduktionstisch zu liegen?
Ui, nein. Das hatte ich mir tatsächlich noch nie überlegt. Ich würde das grundsätzlich nicht wollen, dass man mich aufschneidet.

Organspende? Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass ich das nicht will.

Sie sind nicht Organspender?
Ich hatte mal einen Ausweis, jetzt aber nicht mehr. Ich glaube je älter man wird, desto mehr denkt man ans Sterben. Und je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass ich das nicht will. Wohl auch weil ich weiss, was bei einer Obduktion wirklich vor sich geht.

Also stört eine Obduktion gewissermassen die Totenruhe?
Auf alle Fälle. Zumindest in unserer Kultur, wo ich mich damit beschäftigt habe.

Im ersten Fall der neuen Staffel des Bestatters wird eine Babyleiche- bzw. skelett gefunden. Sobald Kinder sterben wirds besonders hart, auch für die Fernsehzuschauer. Wie beurteilen Sie das als Beteiligter?
Ich finde die Szene liegt im Rahmen des Möglichen, weil einem Skelett das Menschliche fehlt.

Schalten Sie ab dem 3. Januar 2017 jeweils Dienstags den Fernseher ein?
Ich schalte ein, weil ich die Folgen bisher noch gar nicht gesehen habe. Aber beim ersten Mal kann ich es sowieso nicht geniessen, zumindest sobald ich selbst dran bin. Meist finde ich mich furchtbar und sehe nur die Fehler, die ich gemacht habe. Erst beim zweiten und dritten Mal wirds dann etwas besser. Früher machte sogar ich noch Popcornpartys mit Freunden, aber mittlerweile ist mir das unangenehm.

Auf welchen Fall freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an die Dreharbeiten zurückdenken?
Es gibt einen Fall mit einem Boxer. Beim Drehen war das sehr lustig, und es interessiert mich, ob das beim Zuschauen auch so ist.

Was passiert denn mit diesem Boxer?
Der fällt aus dem Fenster. Und dann komm' ich dazu und und muss herausfinden, ob er Rechts- oder Linkshänder war.

Jede Folge kostet 719'000 Franken. Ist das ein gerechtfertiger Preis für einen einstündigen Krimi?
Ja, natürlich. Wir produzieren sehr schnell und sehr günstig: doppelt so viele Sendeminuten pro Drehtag wie beim Tatort.

Aber …
… nur die wenigsten, die diese Zahl hören, können sie richtig einschätzen. Film ist ein menschenintensives Business und deshalb kostet es Geld. Die Alternative wäre im Studio zu drehen, Filme und Serien einzukaufen, oder gar nichts mehr zu machen. Angriffe auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen nerven mich gelinde gesagt.

Speziell im Nachrichtenbereich ist es sehr wichtig, dass es die Öffentlich-Rechtlichen gibt.

Sie sind befangen.
Natürlich habe ich ein persönliches Interesse, weil das SRF mein Arbeitgeber ist. Aber speziell im Nachrichtenbereich ist es sehr wichtig, dass es die Öffentlich-Rechtlichen gibt. Auch die Revision einer Ampel kostet schnell ein paar hunderttausend Franken und der Bünzlibürger kann sagen: (wechselt auf Mundart, d. Red.) <Aaah, Hunderttusig! Mini Stüüre> oder im Falle des Fernsehens <mini Billag-Gebühre>. Das macht mich wütend.

Also hat es Sie geärgert, dass diese Zahlen veröffentlicht worden sind?
Nein, die Zahlen dürfen an die Öffentlichkeit. Aber es ist auch klar, dass sie von gewissen politischen Kreisen instrumentalisiert werden. Dabei haben diese eine andere politische Agenda, als nur zu sparen. Sie wollen bestimmte Inhalte abschaffen! Rechnen wir hingegen die Kosten des Besatters pro Gebührenzahler aus, sind es vielleicht 20 Rappen pro Folge. Und da soll zu viel sein? Ich bitte Sie.

Ich wollte Sie jetzt nicht auf die Palme bringen ...
(lacht) Das ist jetzt das Letzte was ich dazu sage: Mit dem Kostenargument lässt sich schlussendlich alles Totschlagen. Aber wenns keine Billag mehr gibt, gibts auch keine Schweizer Serien mehr. Und ausgerechnet denjenigen, die das SRF abschaffen wollen, gehts nach eigenen Aussagen doch um die Schweizer Identität Das passt nicht zusammen.

Ihr Groll ist echt.
Ja. (Wechselt in Mundart): <Tüür! Was möched die! Stönd vord Kamera ane und tüend degliiche!>
Ich lade alle ein, aufs Set zu kommen und selbst festzustellen, was für eine Arbeit dahintersteckt.

Apropos intensive Drehtage. Was kommt zu kurz?
Sport. Aber ich treibe nicht Sport, damit ich mich bewegt habe. Es muss mir schon auch Spass machen. Jazztanz zum Beispiel ist so etwas. Oder Schwimmen und Velofahren. In Zürich, wo ich wohne, bin ich eigentlich das ganze Jahr mit dem Velo unterwegs.

Ein bayerischer Wiener im Aargau

Rechtsmediziner Semmelweis hat ein Auge für Details
Rechtsmediziner Semmelweis hat ein Auge für Details.

Rechtsmediziner Semmelweis hat ein Auge für Details. Bild: SRF/Sava Hlavacek)

«Der Besatter» läuft ab dem 3. Januar 2017 auf SRF1.

Autor: Reto Vogt