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10. September 2012

Marseille ‒ Stadt der 1000 Träume

Die älteste Stadt Frankreichs hatte bisher alles andere als einen guten Ruf. Das war einmal, die Metropole ist im Aufbruch. In Marseille bilden orientalische Traditionen, lebendige Bohème-Quartiere und moderne Architektur ein mitreissendes Gemisch. Und plötzlich scheint alles möglich.

Aussicht von der Kathedrale Notre Dame de la Garde
Die Aussicht belohnt für den Aufstieg zur Kathedrale Notre Dame de la Garde. Sie liegt 162 Meter über Meer.

Von der südfranzösischen Metropole ins Inselparadies: Die Reisetipps der Reporterin zu Marseille und der Insel Porquerolles.

Marseille macht es dem Besucher nicht einfach. Denn sie lässt sich nicht so rasch fassen, diese älteste Stadt Frankreichs, die lange das Image einer verruchten Hafenmetropole trug und jetzt langsam, aber sicher im Begriff ist, es endgültig abzustreifen. Es braucht mehr Geduld als in so manch anderer Stadt: ein paar Stunden, wenn nicht Tage, mehr durch die Strassen schlendern, einige Momente länger verweilen, den Blick schweifen lassen, die Augen schliessen, die Düfte einatmen, den Klängen und Stimmen lauschen.

Aussichtsplattform der Kirche Notre Dame de la Garde
Touristen auf der Aussichtsplattform der Kirche Notre Dame de la Garde.

Und dann, plötzlich, offenbaren sich Marseilles Schönheit und Reize — trotz der vielen schmutzigen Strassen, der teilweise stark heruntergekommenen Häuserfassaden, trotz der Bettlerin mit dem Kleinkind auf dem Arm, die neben der blankpolierten Schiebetür des Einkaufscenters sitzt und den Passanten einen zerknautschten Kaffeepappbecher entgegenstreckt.

Aus Marseille kommen Zidane und der beste Hip-Hop Frankreichs

Umgeben von Hügelketten, liegt die Stadt direkt an der Küste des Golfe du Lion. Rund 850'000 Einwohner wurden 2009 gezählt. Das macht Marseille zur zweitgrössten Stadt Frankreichs. Sie ist die Heimatstadt von Fussballlegende Zinédine Zidane. Von hier kommen die Fischsuppe Bouillabaisse, der Pastis oder die Savon de Marseille, die Marseiller Seife. Von hier komme, so heisst es, auch der beste Hip-Hop Frankreichs.

Nächtliches Konzert in einer Bar
Nächtliches Konzert in einer Bar

Sie gilt als die Stadt Frankreichs mit dem höchsten Anteil an Muslimen, die hier Seite an Seite mit Juden, Christen und Buddhisten leben — nicht umsonst wird Marseille der Schmelztiegel der Kulturen genannt. In Marseille sei jeder fremd, sagt Bernadette Rochat. «Ich mag das, es erinnert mich ein wenig an New York. Aber vielleicht ist das auch das Schwierige an dieser Stadt.» Die 42-jährige Lausannerin kam der Liebe wegen vor knapp vier Jahren hierher. Heute führt die gelernte Innenarchitektin und leidenschaftliche Möbelhändlerin ein Bed and Breakfast bei sich zu Hause, einer zweistöckigen Altbauwohnung, die sie mit Vintage-Möbeln aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren liebevoll eingerichtet hat. Zusätzlich betreibt sie das Restaurant Comptoir Dugommier in der Nähe des Bahnhofs. Das Lokal ist eines der ältesten der Stadt, knapp 100 Jahre alt. Bernadette Rochat kaufte die Brasserie vor zwei Jahren von einer armenischen Familie, die dort 40 Jahre lang gewirtet hatte. Rochat vergrösserte die Küche, strich die Wände, baute richtige Toiletten ein. Vor dem Lokal auf dem Trottoir stehen Gartenstühle schweizerischen Fabrikats, alte Schweizer Blechtische wolle sie sich als Nächstes besorgen. Heute ist das Lokal ein Place-to-be, stets sind alle Tische besetzt. «Mein Glück war, dass es bisher in Marseille keine solchen Orte gab. Hätte ich das Restaurant in Paris eröffnet, wäre das niemandem aufgefallen.»

Im heutigen Trendquartier regierten früher Gangs

Das Comptoire Dugommier
Ein Schweizer In-Lokal: Das Comptoire Dugommier.

Marseille verändert sich. Im Quartier Noailles, das bis vor ein paar Jahren fast ausschliesslich von Immigranten bewohnt wurde, wollen nun auch andere, vorwiegend junge Leute, leben. Sie sind die neue Generation von Immigranten, die «Bobos», Kurzform für Bourgeois-bohèmes. 20 Gehminuten vom Vieux Port entfernt, befindet sich auf einem Hügel der Cours Julien. Früher war das Viertel, das unlängst den Status eines Trendquartiers erreicht hat, von Gangs regiert. Heute sonnen sich in den unzähligen Cafés und Restaurants Bobos, Touristen, Einheimische und Studenten, während daneben Kinder Fussball spielen. An den Hausmauern prangt bunte Streetart, der Designer Philippe Starck baute in der Nähe des Cours Julien kürzlich sein zweites Designhotel — das erste steht in Paris. Es gibt ein Bikram-Yoga-Center, Design-, Secondhand- und Bioshops. Spätabends kann es sein, dass spontan eine Open-Air-Filmvorstellung stattfindet, organisiert von den Anwohnern, angekündigt über handgeschriebene Zettel, die an Laternenpfählen kleben.

Boulodrome Les Trois Mages
Der Boulodrome Les Trois Mages beim Cours Julien.

Wer es weniger trendy mag und lieber Hafenatmosphäre schnuppern will, beginnt am besten dort, wo man als Tourist ankommt: am Bahnhof St-Charles. Steht man auf dem Bahnhofplatz, fällt der Blick sogleich auf das Wahrzeichen Marseilles, die Kirche Notre Dame de la Garde, die auf dem höchsten Punkt der Stadt thront. Die Sonne scheint, ein angenehmer Lufthauch weht vom Meer herauf. Der Weg zum Hafen ist einfach: Die grosse Steintreppe hinunter zum Boulevard d'Athènes mit seinen löchrigen Trottoirs, den kleinen Baustellen und rechts in die pompöse Einkaufsstrasse La Canebière einbiegen. Diese führt einen in den Kern der Stadt, an den Vieux Port, den alten Hafen.

Es gibt Yoga-Center, Design-, Secondhand- und Bioshops.

Fischmarkt im Port Vieux
Der tägliche Fischmarkt im Port Vieux.

Dorthin, wo wochentags ab acht Uhr Kutter einfahren und sich die Fischer von den schwankenden Booten auf den festen Beton der Anlegestelle hangeln. Wo sie grosse, bis obenhin gefüllte Plastikkisten an Land hieven, Sonnenschirme aufstellen und den Tagesfang auf die Verkaufsflächen kippen. Es spritzt und zappelt gelb, blau und silbern. Während die ersten Kunden die Ware begutachten, machen sich die Fischer sogleich ans Sortieren der frischen Ware. Sie sägen Aale in Scheiben, schaufeln Sardinen kiloweise in Plastiksäcke. Auf den Euroscheinen, die man als Rückgeld in die Hand gedrückt bekommt, kleben Fischschuppen. Abseits des Markttreibens versuchen Männer mit einfachen Ruten ihr Glück, legen den Fischköder zwischen Jachten, Touristenfähren und Fischkuttern aus, während Möwen über ihnen kreisen.

Fussball ist in Marseille allgegenwärtig
Fussball ist in Marseille allgegenwärtig.

Als Bernadette Rochat in Marseille ankam, wohnte sie zuerst im Quartier Noailles, in der Nähe des Port Vieux. Heute geht sie, wenn es die Zeit erlaubt, regelmässig durch dessen Gassen. Durch die berühmte Rue Longue des Capucins, wo sich Halal-Metzgereien, arabische Bäckereien, Gemüsestände und kleine Bazarläden aneinanderreihen. «Dort habe ich das Gefühl, in den Ferien zu sein. All diese Gerüche von Kräutern und Gewürzen, die Leute, dieser Mix aus Afrikanisch, Asiatisch, Arabisch. Es hat etwas sehr Leichtes.» Aber es sei nicht nur einfach, sagt Rochat. «Es gibt Strassen oder Cafés, wo nur Männer sitzen. Manchmal stresst mich das, obwohl von ihnen überhaupt keine Aggression kommt.» Im Gegenteil, diese Leute seien sehr «bienveillant», wohlwollend.

Bernadette Rochat
Bernadette Rochat kam vor vier Jahren der Liebe wegen nach Marseille.

Weniger wohlwollend steht Bernadette Rochat den aktuellen Veränderungen gegenüber. Da Marseille nächstes Jahr Europas Kulturhauptstadt ist, wird viel Geld investiert, um die Stadt herauszuputzen. Riesige Museen werden gebaut, Hotels, Häuser und Strassen verschönert. Das sei gut, denn Marseille sei sehr schmutzig. Aber Rochat befürchtet, dass zu viele der charmanten kleinen Details verschwinden werden. Sie nennt als Beispiel den alten Hafen. Dort soll bis 2013 ein grosser autofreier Platz entstehen. «Viele dieser kleinen, alten Fischerkabinen werden dem Erdboden gleichgemacht, das ist jammerschade.»

Corniche Président Kennedy
Küstenabschnitt an der Corniche Président Kennedy.

Trotz aller Wehmut liebt Bernadette Rochat ihre neue Heimat und will vorerst einmal bleiben. «Es gibt noch so viel zu entdecken, es ist eine bewegte Zeit für Marseille und seine Bewohner.»

Autor: Nathalie Bursać