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22. Juni 2015

Marie Mirage im Weltraum

Über den Wolken kennt sie keine Grenzen: Marie-Françoise Le Cornec fliegt als einzige Frau weltweit die Mirage III – ein Überschallflugzeug mit einer Spitze von 2350 km/h. Nun will die rüstige 76-Jährige noch höher hinaus: Sie hat sich ein Ticket für einen Weltraumflug gekauft.

Marie-Françoise Le Cornec alias Marie Mirage
Fliegt mit ihrem «Baby» den Sorgen davon: Marie-Françoise Le Cornec alias Marie Mirage, 76 Jahre jung.

Sie nennt das einstige Militärflugzeug ihr «Baby». Weil es ihr die geschlossene Wolkendecke an diesem Frühlingstag nicht erlaubt, mit ihrem Liebling in den Himmel zu stechen, schaut sie der Schar von Freiwilligen im Hangar U20 auf dem Militärflugplatz in Payerne VD zu, wie sie den Jet nach dem Morgenflug hegen und pflegen. Hier ein bisschen ölen, dort ein bisschen nachjustieren. «Ich liebe diese Maschine», sagt die Französin Marie-Françoise Le Cornec (76), genannt «Marie Mirage».
«Die Mirage ist ein wunderbares Flugzeug. Es ist eine Amour fou. Ohne Fliegen kann ich nicht leben.» Ihren Jungfernflug mit dem Jet hatte sie am 3. September 2009 bei strömendem Regen. Seither lässt der Vogel sie nicht mehr los. Zwölf Mal pro Jahr hebt sie damit ab, hat über 50 Flüge mit ihm im Blut und sagt, dass Fliegen die beste Medizin überhaupt sei: «Mein Jungbrunnen und mein Lebenselixier. Nach jedem Flug fühle ich mich um Jahre jünger».

Über 40 Flugzeugtypen hat sie gesteuert

Das Flugfieber hatte sie schon früh gepackt. Ihr Onkel, Roger Gérard, ein berühmter französischer Jagdflieger, hatte sie auf einen Jungfernflug mitgenommen und mitten durch einen fürchterlichen Sturm manövriert. Sicherheitshalber mussten sie den Flug abbrechen. Für die in Chêne-Bougeries bei Genf geborene Le Cornec, die heute in Luxemburg lebt, eine Katastrophe. Damals schwor sie sich, dass sie selber Pilotin werden und nie mehr auf halben Weg kehrtmachen würde. Was ihr allerdings ihr besorgter Vater, ein autoritärer Oberst, verbot.

Doch «Marie Mirage» war nicht zu bremsen. So stieg sie heimlich aus dem Fenster, zog unter ihrem Rock eine Jeans an und fuhr regelmässig mit dem Mofa los – zum Segelfliegen. Erst mit 17 musste sie die Karten auf den Tisch legen und ihrem Vater ihre Flugleidenschaft beichten, brauchte sie doch seine Unterschrift fürs Brevet. «Gut, er hat mir die Ohren lang gezogen», sagt sie, «aber ich glaube, er war trotzdem stolz auf mich.»

Gemeinsam im Jet: Colonel Thierry Goetschmann sitzt vorne, Marie Mirage hinten.

Aufs Segelflugbrevet folgte die Lizenz fürs Motorflugzeug, dann kam ein fliegbares Objekt ums andere hinzu: Wasserflugzeug, Ultraleichtflieger, Hubschrauber. Mehr als 40 Maschinentypen hat sie in ihrer über 60-jährigen Flugkarriere schon gesteuert: vom P-51 Mustang über die Vampire, den Bomber L-24 Lancaster bis zum Kampfflugzeug Hunter. «Meinen Jungfernflug in einem Düsenflugzeug habe ich mit der Breitling-Patrouille unternommen, an Bord der L-39.» Danach kam ihr zu Ohren, dass man in Payerne eine Mirage III fliegen könne.

Der Verein Espace Passion, eine Gruppe von Luftfahrtenthusiasten, hatte dem von der Schweizer Armee ausrangierten Jet 2008 neues Leben eingehaucht und ihn wieder flugtauglich gemacht – als einzige Maschine der Welt auch für Zivilpersonen. 15 000 Franken kostet der Flug. Woher sie das Geld für ihre Leidenschaft hat, will sie nicht sagen.

Gleich nach dem ersten Flug war es um sie geschehen. Seither düst «Marie Mirage» regelmässig mit ihrem Liebling über die Schweiz, zusammen mit Colonel Thierry Goetschmann, dem langjährigen Kommandanten der Militärpilotenschule, «einem grossartigen Piloten», wie sie schwärmt. Er vorne, sie hinten. «Er macht den Start und die Landung, und während des Flugs überlässt er mir das Kommando. Aber er schenkt mir nichts. Nach jedem Flug sagt er: perfekt!»

Sie schmunzelt. «Mein Baby zu fliegen, ist einfach wunderbar. Die Mirgage ist sehr sensibel, macht genau, was ich will, und kennt ihren Job.» Ja, das Fliegen. Es hat sie noch nie enttäuscht. «Vorausgesetzt, du respektierst den Himmel. Das sage ich jedem jungen Piloten. Dann hebst du ab und bist in einer anderen Welt, einer Welt, in der du Ruhe findest.» Ohne die Fliegerei hätte sie die drei tragischen Schicksalsschläge in ihrem Leben nicht verkraftet: Sie verlor ihren Vater, ihren Mann, der tödlich verunglückte, und ihre Tochter. «Meine Rettung war der Himmel. Du gehst fliegen, und alles ist wieder gut.» Und jetzt zieht es sie sogar noch höher hinauf: Sie will Astronautin werden und ins Weltall fliegen.

«Ready for take-off» – ins All

Den Weltraumflug für Privatpersonen macht unter anderem das niederländische Unternehmen SXC möglich, von dem ihr eine Freundin erzählt hat. Zwei Tage später war sie vor Ort und kaufte sich ihr Ticket. Mit 100 000 Franken ist man dabei. Die Tests und eine Reihe medizinischer Untersuchungen hat sie spielend bestanden.

Und jetzt fiebert sie – zusammen mit den 280 anderen Weltraumanwärtern – dem Take-off entgegen, der bereits mehrere Male verschoben werden musste. «Wir fliegen mit der Raumfähre ‹Lynx Mark II›, die von Ingenieuren der Nasa konzipiert worden ist, einer Kopie der ‹Challenger›.»
Zum Flug ins All hebt das Raketenflugzeug von der Karibikinsel Curaçao ab.

Im 57-Grad-Winkel geht es, befeuert von vier Raketentriebwerken, auf eine Höhe von 103 Kilometern. «Wir werden einen Teil der Erdkappe überfliegen, ein paar Minuten lang die Schwerelosigkeit geniessen und dann langsam wieder nach unten, Richtung Erde, gleiten. Wenn mir das vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, hätte ich erwidert: guter Witz!»

Zum Fliegen ist Marie-Françoise Le Cornec dann doch noch gekommen. «Es war herrlich. Ich flog über die Alpen und das Wallis.» 

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: Jeremy Bierer