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10. März 2014

«Junge gehen gern ins Kino, wenn sie die Bücher kennen»

Kein Kinderzimmer ohne «Pettersson und Findus». Nun wurden die beliebten Bilderbücher verfilmt. In einer Hauptrolle brilliert Marianne Sägebrecht. Die Bayerin über das Leben auf dem Land und die Gründe, warum Kinofilme trotz Internet immer noch erfolgreich sind.

Marianne Sägebrecht spielt in der Verfilmung von «Pettersson und Findus» die warmherzige Beda Andersson.
Ist glücklich mit ihrer neusten Rolle: Marianne Sägebrecht spielt in der Verfilmung von «Pettersson und Findus» die warmherzige Beda Andersson.

Marianne Sägebrecht, Sie spielen in der Verfilmung von «Pettersson und Findus» die Beda Andersson …

… Petterssons alleinstehende Nachbarin, genau. Ich bin mit dieser Rolle so glücklich! Die Beda hat keinen Partner, aber es geht ihr gut. Sie kümmert sich um Pettersson und den verrückten Nachbarn Gustavsson und teilt ihr Essen mit ihnen. Das entspricht mir sehr.

Leben Sie selber auch so, am Starnberger See?

Absolut. Eine meiner Nachbarinnen ist meine Zitronenkuchenkönigin. Jede Woche bäckt sie einen Zitronenkuchen für mich, den kauf ich ihr ab und verteil ihn. Meine Familie und meine Freunde warten jedes Mal ungeduldig darauf. Manchmal kauf ich ihr auch einfach so etwas ab, wenn sie etwas Besonderes kocht, etwa Sauerkraut. Eine andere Nachbarin ist Kräuterpädagogin und kann so streng sein, dass die Ameisen in ihren Löchern verschwinden, wenn sie daherkommt. Ich habe sie gebeten, für mein Buch «Auf ein prima Klimakterium» ein Kapitel zu schreiben, was sie dann auch ganz toll gemacht hat. Ich liebe es, aus den Menschen Dinge herauszukitzeln, für die sie ein Talent haben.

«Pettersson und Findus» Trailer
Trailer «Pettersson und Findus»

MITMACHEN UND GEWINNEN

Wir verlosen Kinotickets und Hörbücher für «Pettersson und Findus». Der Familienfilm startet am 13. März 2014.

zur Verlosung

Sie leben auch allein wie die Beda im Film.

Ja, schon seit 35 Jahren, wobei ich ja nicht wirklich allein bin. Meine Wochenenden verbringe ich rituell mit Familie und Freunden. Die Zitronenkuchenkönigin kocht manchmal auch einfach so für mich – etwa eine Haferschleimsuppe – wenn sie denkt, ich brauch das grad. So wie die Beda Andersson ihren Nachbarn Beeren bringt und Pettersson die kleine Katze schenkt, damit er nicht so einsam ist.

Wie kamen Sie zu dieser Rolle?

Der Regisseur Ali Samadi Ahadi hatte mich in der Verfilmung von «Frau Holle» gesehen, und ich glaube, es gefiel ihm, wie ich diese Rolle beseelte. Offenbar hatte er mich von Anfang an im Kopf für die Besetzung der Beda. Ich habe sofort zugesagt, weil mir die Pettersson-und-Findus-Philosophie schon immer gefallen hat.

Sie kannten die Kinderbücher von Sven Nordqvist?

Ja, natürlich! Die habe ich meiner Enkelin vorgelesen, als sie noch klein war. Ein fantastisches Mädchen, sie ist jetzt 21. Der Buchautor Sven Nordqvist hat uns bei den Dreharbeiten besucht und erklärt, was er sich bei den Figuren gedacht hat. Pettersson zum Beispiel ist der Inbegriff des Grossvaters und Findus ist der Enkel schlechthin. Opa, der Erfinder, lehrt den Enkel viele Dinge, aber der Kleine hat beim Grossvater auch viele Freiheiten. Die Bindung zwischen Grosseltern und Enkeln ist ja oft besonders eng.

Gehen Kinder überhaupt noch ins Kino? Die gucken doch schon alles übers Internet.

Wenn die Eltern hingehen, gehen die Kinder mit, ja. Und ganz besonders dann, wenn sie die Bücher zum Film kennen. «Hanni und Nanni» zum Beispiel war deshalb so ein Erfolg. Jetzt müssen wir wieder von gewalttätigen Filmen wegkommen, aber das wird geschehen.

Na ja, Krimis haben am Fernsehen grad Hochkonjunktur.

Es gibt nur noch Krimis! Weil jeder Sender schaut, was die Konkurrenz macht, und glaubt, er müsse jeweils noch eins draufsetzen. Kürzlich sah ich im «Tatort» einen Kommissar, der in der Pathologie eine Leiche abwatscht. So weit sind wir schon! Die Hauptverantwortung dafür tragen die Zuschauer, und es ist ein Phänomen, dass das hauptsächlich Frauen sind. Das wird sich noch eine Zeit lang so hochschaukeln, bis es eskaliert mit der Gewalt. Eine Katharsis wird folgen und die Brutalität in den Filmen wieder zurückgehen.

Marianne Sägebrecht in der Stube.
Grosse Pläne: Marianne Sägebrecht möchte mit Freunden eine Selbstversorger-WG gründen.

Sie selber spielen ausschliesslich liebenswerte Frauen. Haben Sie keine Lust, mal was richtig Böses darzustellen?

Überhaupt nicht. Meine Figuren sind immer anarchisch und voller Lebensmut. Sie scheuen sich nicht zu dienen. Etwas Böses würde ich nur spielen, wenn erklärt wird, warum jemand so geworden ist, und es müsste im Film eine Wandlung zum Besseren geben. Wenn das Böse nur Koketterie und kalkulierter Marktfaktor ist: Nein!

Sie lebten lange in München und zogen dann plötzlich aufs Land. Warum?

Nach dem Tod meiner Mutter brauchte ich Ruhe. Am Anfang wars nicht so einfach. Es gab ein paar misstrauische Frauen. Sie fragten sich, warum die Promi-Tusse keine Köchin, keinen Chauffeur, keine Putzfrau hat. Sie schickten ihre Männer los, verkleidet als hilfreiche Gärtner, um sich bei mir umzusehen. Auch Freunde von mir sagten, du bist ja völlig plemplem, in so ein kleines Dorf auf dem Land zu ziehen, das kannst du nicht machen. Und wie ich kann! Ich bin eine Menschenfreundin und gute Psychologin.

Jetzt wohnen Sie wieder ganz nah von da, wo Sie aufgewachsen sind.

Ja, ich traf dort einen ehemaligen Schulkollegen, der jetzt Bauer ist. Er sagte zuerst: «Muss das sein, dass du wieder zurückkommst?» Aber inzwischen bin ich zehn Jahre in diesem Dorf und halte seine Regeln ein. Die Zitronenkuchenkönigin hat für den Fall meiner Abwesenheit einen Schlüssel zu meinem Haus, und sie konnte alle beruhigen, dass es bei mir keine Pelze gibt und alles sauber ist. So etwas ist wichtig im Dorf. Am Stammtisch bin ich jetzt die «Kloane». Wenn ich in der Gaststube friere, holen mir die Stammtischler eine Decke.

Wann gründen Sie die Alters-WG, die Sie schon länger planen?

Wahrscheinlich im nächsten Frühjahr. Eine Freundin und ich sind daran, ein passendes Objekt zu suchen. Wir wollen zusammen mit einem befreundeten Fotografenpaar ein Überlebensbiotop schaffen. Die Idee ist, dort zusammenzuleben und einander zu unterstützen, aber jeder soll seinen Bereich haben und sich zurückziehen können.

Was ist ein Überlebensbiotop?

Ein Hof, der alles hat, was man zum Leben braucht: Kartoffelacker, Gewächshaus, Gemüsebeete und einen Kräutergarten. Es soll Räume für Ausstellungen, Lesungen und Konzerte geben und eine grosse Esstafel. Man kann sich gegen eine Gebühr anmelden, und dann setzen wir alle Gäste an einen grossen Tisch. Da kommen die bayrische und die surinamische Küche ins Spiel. Kinder sind herzlich willkommen. Unsere Pferde, Hunde, Katzen und Hühner samt Hahn gehören auch ins Biotop.

Ihr Leben wird aussehen wie das von Pettersson. Dabei hätten Sie nach «Out of Rosenheim» fast Karriere in Hollywood gemacht.

Ja, als ich die Rolle in «Der Rosenkrieg» annahm, hätte ich gleich einen Vertrag für weitere Rollen unterschreiben können, für den Fall, dass der erste Teil ein Erfolg würde. Ich wäre verpflichtet gewesen, fünf Jahre in Hollywood zu bleiben und bei Bedarf weitere Nebenrollen zu spielen. Ich hatte aber ein europäisches Projekt mit Michel Piccoli in Aussicht, «Martha und ich», und das habe ich vorgezogen. Ich wollte auch nicht untätig in Hollywood rumsitzen, sondern in Deutschland meine Familie er­leben und die Enkel aufwachsen sehen.

Oft hört man von Schauspielerinnen, dass jenseits der 50 keine guten Angebote mehr reinkommen. Sie sind jetzt 69 und drehen regelmässig Filme, vor allem fürs Fernsehen.

Ich habe halt immer aufgepasst, was ich annehme. Das Publikum liebt mich ja für meine Authentizität. Es gibt Rollen, auf die verzichte ich, auch wenn alle sagen, die hat sie nicht mehr alle. Kürzlich sollte ich eine Hebamme spielen. Ich dachte: «Wie wunderbar!» Ich wär gern im echten Leben Hebamme geworden. Aber in diesem Film foltert die Hebamme junge Schwangere und wird dann selber geköpft. So ein Film kommt für mich nicht infrage. Umsomehr habe ich mich über die Rolle gefreut, die ich in dem Schweizer Film «Der Kreis» spielen durfte.

Wie kamen Sie zu dieser Rolle?

Über Urs Frey und Ivan Madeo von Contrast Film sowie den Regisseur Stefan Haupt. Die haben «Der Kreis» gemacht und wollten mich von Anfang an dabeihaben. Für mich wars eine Herzensangelegenheit, denn es geht um einen Literaturkreis von homosexuellen Künstlern in den 60er-Jahren in Zürich – eine wahre Begebenheit. Ich spiele eine Garderobiere, und mein Filmsohn ist homosexuell. Er und seine Freunde finden bei mir liebevolle Akzeptanz.

Sie haben bereits vier Bücher geschrieben, unter anderem mit Kochrezepten, und arbeiten grad an einem neuen Werk. Worum geht es darin?

Um die Naturforscherin Maria Sybilla Merian, den Regenwald, Naturmedizin und Surinam. Dazu gibt es Rezepte für Cajun Food, indisches und surinamisches Essen.

Woher kommt Ihr Interesse für Surinam?

Als ich fünf war, sagte ich nach einem Traumerlebnis zu meiner Mutter: «Mama, ich komme aus Surinam.» Später, als ich ich 15 war, hat mich ein Buch über die Schmetterlingsfrau Maria Sybilla Merian gefesselt. Sie erforschte im 17. Jahrhundert in Surinam – also Niederländisch-Guayana – Seidenraupen. Wenn mein neues Buch fertig ist, reise ich für einen Dokumentarfilm nach Surinam. Das erste Mal im Leben. Ein Kreis wird sich schliessen.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Simon Koy