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21. September 2015

Margrit Stocker: Jenseits der Stille

Die heute 74-Jährige verlor ihr Gehör bereits mit drei Jahren infolge einer Hirnhautentzündung. Ihr Mann ist ebenfalls hörbehindert. Neben Erschwernissen sieht sie heute auch Vorteile in ihrem Handicap.

Margrit Stocker mit Mann Guido
Margrit Stocker mit ihrem auch nur zu 30% hörenden Mann Guido.

Margrit Stocker war drei, als sie an Meningitis, Hirnhautentzündung, erkrankte. Die Krankheit nahm ihr das Gehör. Seither ist es still um sie herum.
Die Eltern gaben dem Mädchen Handzeichen, winkten sie heran, zeigten auf Gegenstände. Mehr Formen der Kommunikation blieb ihnen nicht. Margrit Stocker spielte oft mit ihrer grossen Schwester. Sie verstand die Kleine auch ohne Worte, war der Türöffner zu den anderen Kindern, nahm sie mit und in Schutz, wenn Margrit mal wieder nicht verstand.

Margrit Stocker (74) aus Zell LU ist einer von etwa 8000 bis 10'000 gehörlosen Menschen in der Schweiz. Manche von ihnen kommen schon gehörlos zur Welt, den anderen nimmt eine Krankheit oder ein Unfall die Fähigkeit, Sprache und Geräusche wahrzunehmen.
Aber wer taub ist, ist noch lange nicht stumm. Die meisten von ihnen können von den Lippen ablesen, wobei nur etwa 30 Prozent des Gesprochenen effektiv ablesbar ist. Vieles wird kombiniert und erraten, was nicht selten zu Missverständnissen führt. Wörter formen und aussprechen ist mühsam, wenn man nichts hört. Einfacher ist es, den Körper zu Hilfe zu nehmen, die Mimik, Hände, Finger, Arme – zu gebärden.

Margrit Stocker im Kreis ihrer Familie
Margrit Stocker im Kreis ihrer Familie.

Margrit Stocker erinnert sich noch gut an ihre Schulzeit im Heilpädagogischen Zentrum Hohenrain LU. Dort lernte Sie Worte von den Lippen abzulesen, endlich ein bisschen sprechen. Aber die Hände durfte sie nicht zu Hilfe nehmen. Die Gebärdensprache hindert die Kinder daran, die «richtige» Sprache zu lernen, waren sich Experten damals einig. Deshalb wurde bis in die 1980er-Jahre an den fünf Gehörlosenschulen der Schweiz ausschliesslich die Lautsprache unterrichtet. Bis heute spricht Margrit Stocker hauptsächlich, um sich zu verständigen. Gebärden beherrscht sie nur wenige.

Das Gefühl, unter Hörenden immer etwas allein zu sein, kennt Margrit Stocker nur zu gut. Sie sieht aber auch die Vorteile ihrer Behinderung: «Die ganze Hektik geht an mir vorbei, es ist immer ruhig.»
Sie kann die Stille zusammen mit ihrem Mann geniessen. Guido Stocker hört noch 30 Prozent, aber hat sich gegen ein Hörgerät entschieden. «Wenn er auf sich aufmerksam machen will, stampft er kräftig mit dem Fuss auf, dann spüre ich die Schwingungen», sagt sie und lacht.

Früher haben ihre drei hörenden Kinder oft für die Eltern übersetzt, auf Ämtern, beim Arzt. Experten wie Carlo Picenoni sehen das nicht unkritisch. Für die Kinder sei das eine grosse Verantwortung. Wie andere Gehörlose hat Margrit Stocker aber auch Strategien entwickelt, um im Alltag allein zurechtzukommen. So geht sie am liebsten in Geschäften einkaufen, in denen man sie kennt und versteht. Oder in Supermärkten, wo sie nur ins Regal greifen muss, um zu bekommen, was sie braucht.

Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: Tina Steinauer