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13. März 2017

Marco Hauenstein sucht die Wahrheit

Marco Hauensteins Facebook-Suche nach seiner vermissten Mutter hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Für die Behörden ist der Fall abgeschlossen: Die Frau ist tot. Doch wie ist sie umgekommen? Wer war Gina Barbara Hauenstein? Und wie hat sie gelebt? Für Marco beginnt mit der Suche nach der Wahrheit auch eine schmerzhafte Aufarbeitung seiner Kindheit.

Marco Hauenstein
Marco Hauenstein zweifelt an der Arbeit der Polizei und sucht weiter nach Hinweisen über den Verbleib seiner Mutter.

Marco Hauenstein (19) wirkt gehetzt. Wiederholt beisst er während des Gesprächs auf seine Unterlippe, sein Blick ist rastlos. Er redet schnell, manchmal verschlägt es ihm fast den Atem. Dabei ist er bemüht um Höflichkeit, entschuldigt sich, als er kurz aufs WC muss. Seine Kleidung hat er sorgfältig ausgewählt: eng geschnittenes, weisses Hemd, graublaue Hose und dazu passende Wildlederschuhe. Der taillierte, dunkelblaue Mantel verleiht ihm eine gewisse Italianità.

Hauenstein ist sozusagen über Nacht zu einem Social-Media-Star geworden. Am 6. Januar 2017 hatte er auf Facebook einen Aufruf gepostet, in dem er die Öffentlichkeit um Mithilfe bei der Suche nach seiner Mutter, seinem Vater, seinen Grosseltern, ja, am liebsten seiner ganzen Familie bat. Seither ist sein Leben aus den Fugen geraten. Nichts ist mehr, wie es einmal war.

Medien aus aller Welt berichteten über ihn

Sein Aufruf wurde weltweit 2,1 Millionen Mal geteilt. Er habe mit maximal 200 Reaktionen gerechnet, sagt er. Doch bereits am ersten Tag waren es 2000. Im Minutentakt wünschten ihm wildfremde Menschen Glück bei der Suche, äusserten ihr Mitgefühl und ­gratulierten ihm zu seinem Mut. Prominente wie der deutsche Rapper Kay One boten ihre Hilfe an. Gleichzeitig wurde er überschwemmt mit Hinweisen.

Viele erwiesen sich als unbrauchbar, andere aber waren Gold wert und bescherten ihm ein Wiedersehen mit seiner Oma, wie er sie nennt, einem Onkel und einer Tante. Diese Teilerfolge versetzten ihn regelrecht in Euphorie. Da hatte er sein Leben lang keinen Kontakt zu seinen Verwandten gehabt, und plötzlich stand er seiner leiblichen Grossmutter gegenüber: «Da sind natürlich viele Tränen geflossen», erzählt er, «alle waren gerührt und aufgewühlt.»

In der Schweiz berichteten mehrere Tageszeitungen über ihn, und das Schweizer Fernsehen fragte an, ob er bereit sei, bei einem Dokumentarfilm über sein Leben mitzumachen. Aus Deutschland kontaktierten ihn «Die Welt», «Spiegel Online» und der TV-Sender RTL, die BBC kam mit einer Fernsehequipe aus England, eine norwegische und eine griechische Tageszeitung schrieben Artikel über den jungen Schweizer, ein spanisches Online-Magazin und selbst thailändische Online-Medien informierten ihre Leser regelmässig.

Marco Hauenstein hat eine herzzerreissend traurige Lebensgeschichte. Seine Mutter war drogenabhängig und hatte offenbar auch während der Schwangerschaft Heroin konsumiert. Als er 1997 auf die Welt kam, litt er monatelang unter schwersten Entzugserscheinungen und schrie Tag und Nacht. Er kam schon als Säugling in ein Zürcher Heim, wo ihn seine Mutter manchmal besuchte. Von seinem Vater fehlte jede Spur.

Marco Hauenstein und seine Mutter
Marco Hauenstein und seine Mutter

Seltenes gemeinsames Bild aus Kindertagen: Marco und seine Mutter Gina Barbara.

Als er drei Jahre alt war, verschwand seine Mutter Gina Barbara plötzlich von der Bildfläche, und der kleine Marco war allein auf der Welt. Er hatte Glück im Unglück: Eine Mitarbeiterin des Heims nahm ihn als Pflegekind bei sich auf, und er bekam so etwas wie eine eigene Familie: Vater, Mutter und drei Geschwister.

Er habe eine schöne Zeit mit ihnen erlebt, erzählt er voller Dankbarkeit. Doch mit 16, als er in der Schule mit schlechten Noten zu kämpfen hatte und die Lehrer wiederholt zur Weissglut brachte, kam es zum Bruch mit seinen Pflegeeltern. Marco zog aus, lebte während knapp zwei Jahren erneut in einem Heim, diesmal in Goldau SZ, und nahm dann mit einem Kollegen in Zug eine Wohnung. Diese Episode endete, als der Freund nachts über einen Zug der SBB kletterte, um eine Abkürzung zu nehmen. Er erlitt einen starken Stromschlag und überlebte schwer verletzt. Marco war total geschockt.

Auch beruflich lief es nicht so gut. Seine Lehre als Spengler musste er nach einem Sturz von einem Hausdach beenden. Und der Versuch, sich zum Detailhandelsfachmann ausbilden zu lassen, endete in einem Abbruch. Danach jobbte er als Kellner – mal hier, mal dort, nichts sagte ihm richtig zu.

Die Idee mit Facebook

In dieser Zeit der Verunsicherung wuchs in ihm der Wunsch zu erfahren, wo sich seine leibliche Mutter aufhielt. Lebt sie überhaupt noch?, habe er sich mitunter bang gefragt. Und sein Vater? Würde er ihn jemals kennenlernen?

Marco Hauenstein machte sich auf die Suche, kontaktierte zahllose Ämter, unter anderem die Einwohnerkontrollen verschiedener Gemeinden und die Polizei. Ergebnislos. Es sei zum Verzweifeln gewesen. Zu niemandem In seinem Bekanntenkreis sagte er ein Wort: «Das Ganze ging mir viel zu nahe. Wenn ich abends allein war, kamen oft die Tränen, und ich war todtraurig.»

Am 24. Dezember letzten Jahres sass er mit einem Kollegen zusammen. Die vielen Gefühle, die Weihnachten halt so auslöse, hätten ihn zum Reden gebracht. Erstmals erzählte er jemandem seine ganze Geschichte. Wenige Tage später war die Idee mit dem Facebook-Aufruf geboren. «Der Entscheid war richtig», sagt er, auch wenn er einen Rückschlag erlitten habe: Anfangs Februar teilte ihm die Kantonspolizei Aargau mit, dass seine Mutter wohl tot sei. 2013 habe eine Spaziergängerin im deutschen Waldshut einen Oberschenkelknochen gefunden, den man Gina Barbara Hauenstein zuordnen müsse. Zu diesem Schluss habe der Abgleich mit seiner DNA geführt.

Marco wurde überrollt von unbeantworteten Fragen: War seine Mutter Opfer eines Verbrechens geworden? War sie überhaupt tot? Ein Oberschenkelknochen war ja noch lange kein Beweis dafür. Solange man die restlichen Knochen nicht finde, glaube er überhaupt nichts, hält er trotzig fest. Überhaupt macht er Fragezeichen zur Arbeit der Polizei: Hatte man den Fall schleifen lassen, weil es «nur» um eine Drogensüchtige ging und niemand daran glaubte, sie jemals wiederzufinden? Warum dauerte es Jahre, bis die Herkunft des Knochens untersucht beziehungsweise festgestellt wurde? Und woher hatte die Polizei seine DNA?

Marco Hauenstein als Kleinkind
Marco Hauenstein als Kleinkind

Marco Hauenstein kam schon als Säugling ins Heim.

Er habe den Eindruck, die Polizei nehme ihn nicht ernst und verweigere ihm Informationen, die ihm als Angehörigen zuständen. Marco redet nun schneller und gestikuliert immer heftiger. Bald werde er nach Waldshut fahren, um sich die Akte der Staatsanwaltschaft anzuschauen. Grosse Hoffnungen setzt er aber auch auf Informationen, die ihm Menschen weiterhin zukommen lassen. Eine Frau aus Waldshut habe ihm erzählt, es seien damals mehrere Knochen gefunden worden, nicht nur einer. Eine Behauptung, die der Sprecher der Polizei Waldshut-Tiengen in Abrede stellt.

Zurzeit widmet Marco Hauenstein seine ganze Energie dem «Fall», wie er sich ausdrückt. Gemeinsam mit Kollegen überprüft er alle Hinweise. Er fährt ins Ausland, um keine noch so kleine Chance ungenutzt zu lassen.

Wie lange will er sich das noch antun? Er seufzt und sagt, er werde erst aufgeben, «wenn ich absolut sicher bin, dass meine Mutter tot ist und ich die Todesursache kenne». Er sei es seiner Mutter schuldig, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um den Fall aufzuklären: «Wenn ich keinen Druck ausübe, passiert überhaupt nichts – das haben die letzten Jahre bewiesen.» 

Autor: Barbara Lukesch

Fotograf: Mischa Christen