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24. August 2015

Marcel Tanner: Lieber in Afrika als auf dem Golfplatz

Er gehört zu den führenden Malaria-Experten der Welt. Ein Gespräch mit dem kürzlich pensionierten Leiter des Basler Tropeninstituts über die Gefahr neuer Pandemien, irrationale Ängste und wie man sich auf Reisen schützen sollte.

Epidemologe Marcel Tanner
Das Motto von Marcel Tanner: «Retired, but not tired». Er ist als Sondergesandter der Weltgesundheitsorganisation für die Mekongregion in Südostasien im Gespräch.

Marcel Tanner, wie hoch ist das Risiko, dass eine Epidemie grosse Teile der Weltbevölkerung ausrottet, wie das im Mittelalter passiert ist?

Die Gefahr besteht, zu Epidemien kann es immer wieder kommen. Was wir vom Ebola-Ausbruch in Westafrika gelernt haben: Wir müssen global mehr überwachen – nur so wird eine Epidemie nicht zu einer Pandemie. Aber Datensammeln allein bringt nichts, man muss schnell und effektiv reagieren. «Überwachen und antworten» lautet mein Motto. Im Fall von Ebola geschah Letzteres erst mit grosser Verzögerung. Deshalb konnte es sich auch so rasch verbreiten.

Ist mit dem neuen Impfstoff, den ­Schweizer Forscher entwickelt und getestet haben, Ebola endgültig besiegt?

Nein. Die Impfstoffentwicklungen sind erfolgreich, und wir sehen bald eine
Zeit kommen, in der wir einen Impfstoff gegen Ebola breit anwenden können.
Aber dieser ist nicht der Zauberschlag, sondern ein wichtiger und wertvoller Teil mehrerer Massnahmen.

Inzwischen ist Ebola aus den Schlagzeilen weitgehend verschwunden. Man könnte meinen, das Problem sei gelöst.

Tatsächlich gibt es vor allem in Liberia und Sierra Leone praktisch keine Fälle mehr. Geholfen haben aber nicht neue Impfstoffe, sondern die strikte Desinfektion und Isolation der Patienten. Entscheidend war es, möglichst schnell die Gesundheitszentren wieder zu öffnen, alle dort mit Schutzkleidern und Desinfektionsmitteln auszustatten und den Leuten den Lohn zu zahlen – und zwar nicht nur den Doktoren und Krankenschwestern. Auch die Fahrer und Reinigungsleute mussten geschützt werden.

Marcel Tanner in seinem alten Büro am «Tropeli» in Basel
Marcel Tanner in seinem alten Büro am «Tropeli» in Basel: «Auf meinen Reisen in den Tropen hatte ich am meisten Angst vor Verkehrsunfällen, nicht vor Krankheiten.»

Hätte Ebola zur Pandemie werden können?

Nein. Im hoch entwickelten Teil der Welt können wir die Krankheit effektiv isolieren und stoppen. Dies gelang schon bei den früheren afrikanischen Ebola-Epidemien in den 70er-Jahren. Damals wirkten drei Elemente dämpfend: eine niedrige Bevölkerungsdichte, eine geringe Bewegung der Bevölkerung sowie periphere Gesundheitssysteme, die einigermassen funktionierten. In Westafrika war das Gegenteil der drei Faktoren der Fall – ideale Voraussetzungen zur Epidemie. ­Genau deshalb ist ein Überwachungssystem so wichtig. Médecins sans Frontières informierte bereits im März 2014 über die Krankheit. Aber die langsamen Prozesse der Regierungsstellen und der Weltgesundheitsorganisation WHO führten zur starken Ausbreitung.

Die Angst vor Ebola in der westlichen Welt war irrational.

Die WHO prognostizierte vor einem Jahr über eine Million Ebola-Infizierte.

Diese Vorhersagen waren nicht umfassend. Es gab bei den Prognosen verschiedene Szenarien, Medien und Politik haben sich einfach auf die wildesten Annahmen gestürzt. Politiker tun das, um die nötige Unterstützung zu erhalten, Medien, um möglichst grosse Schlagzeilen zu produzieren.

Dann war die Angst vor Ebola in der westlichen Welt übertrieben?

Ja, sie war irrational.

Gibt es denn eine Epidemie, vor der auch wir uns fürchten müssen?

Sicher. Denken Sie an die Vogelgrippe, Sars oder Mers, wo wir gerade in Südkorea einige Fälle hatten. Wenn deren Erreger so mutieren, dass sie sich leicht von Mensch zu Mensch übertragen lassen, kann eine Pandemie entstehen.

War der HI-Virus in den 80er-Jahren der letzte Erreger, der eine echte Pandemie ausgelöst hat?

HIV war sicher der letzte, der eine grössere Panik und starke gesellschaftliche Belastungen verursacht hat, aber die Vogelgrippe im letzten Jahrzehnt war ebenfalls eine ­Pandemie, auch wenn sie nicht die gleichen Auswirkungen hatte.

Lassen sich diese Erreger je ausrotten?

Das kommt darauf an. Ausrotten heisst, dass die Krankheit weltweit verschwunden ist, wie etwa bei den Pocken. Viele Krankheiten, auch Ebola, lassen sich jedoch lediglich eliminieren, das heisst, die Krankheit wird in einem bestimmten Gebiet nicht mehr übertragen. Der Erreger ist aber weiterhin da.

Weshalb?

Weil er ein Rückzugsreservoir in der Tierwelt haben kann. Das Reservoir von Ebola zum Beispiel sind die Flughunde, für die der Erreger harmlos ist. Von rund 1300 bekannten Infektionskrankheiten sind 800 von Tier zu Mensch übertragbar. Deshalb wäre es auch wichtig, die Veterinär- und Humanmedizin näher zusammenzubringen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Erreger mutieren und so immer wieder in einem neuen Gewand daherkommen.

Sie standen 18 Jahre an der Spitze des Schweizer Tropen- und Public-Health-Instituts (Swiss TPH). Wie schwer ist Ihnen Ende Juni der Abschied gefallen?

Ich habe meine Arbeit sehr gern gemacht und hätte problemlos eine vierte Amtszeit beginnen können. Aber mir war die Nachfolgeregelung sehr wichtig. Ende Juni haben wir ein Gesuch an den Bund sowie den Kanton Basel-Stadt über die Strategie von 2017 bis 2020 gestellt, da sollte mein Nachfolger mitreden können. Die Universität hat sich schliesslich für meinen ehemaligen Studenten Jürg Utzinger entschieden – weil ich ihn kenne und er im Swiss TPH verwurzelt ist, fiel mir der Abschied leichter.

Als wir 1988 mit unserer Arbeit zur Prävention von Malaria in Tansania angefangen haben, musste ich noch 5000 Moskitonetze aus den Philippinen importieren. Heute werden sie zu Millionen in Tansania produziert.

Welche waren Ihre grössten Erfolgserlebnisse am TPH?

Dass wir uns nicht nur um Forschung und Lehre gekümmert und darüber ein paar Berichte geschrieben haben. Stattdessen sind wir direkt in die Umsetzung von Gesundheitsprogrammen involviert und unterstützen Gesundheits- und Sozialsysteme in den Ländern. Ein Beispiel: In einer afrikanischen Hütte können bis zu 2000 hungrige Mückenweibchen herumfliegen. Die übertragen nicht nur Krankheiten. Sie sorgen auch für einen unruhigen Schlaf und übermüdete Menschen. Als wir 1988 mit unserer umfassenden Arbeit zur Prävention von Malaria in Tansania angefangen haben, musste ich noch 5000 Moskitonetze aus den Philippinen importieren lassen. Heute werden sie zu Millionen im Privatsektor in Tansania produziert. Damit konnten wir die Kindersterblichkeit um 30 Prozent reduzieren. Ein weiterer Erfolg: Nach all den Jahren der Mitbeteiligung an der Entwicklung einer Malaria-Impfung, kann nun der erste Impfstoff registriert und danach angewendet werden. Zudem gehören wir heute zu den sechs besten Tropeninstituten der Welt.

Es gab sicher auch Niederlagen.

Ja, klar. Etwa wenn Bürgerkriege die in jahrelanger Arbeit aufgebauten Partnerschaften und Gesundheitssysteme wieder zerstört haben, so in Tschad, der Zentralafrikanischen Republik oder Angola.

Sie haben einige Zeit in Afrika gelebt und geforscht. Wieso kommt der Kontinent nicht aus Leid und Armut heraus?

Nicht zuletzt wegen der vielen Krankheiten, welche die Gesellschaften stark belasten. Wenn eine Mutter tagelang nicht auf dem Feld arbeiten kann, weil sie ein an Malaria erkranktes Kind betreuen muss, wirkt sich das auf die Haushaltsökonomie enorm aus. In den Ländern südlich der Sahara finden die Mücken ideale Voraussetzungen, um Krankheiten zu übertragen – Moskitos in Südamerika oder Südostasien übertragen Malaria weniger häufig. HIV, Tuberkulose und Malaria sind klassische Krankheiten der Armut, und das soziale und kulturelle Verhalten in Teilen Afrikas begünstigt die Ausbreitung. Oft ist auch das Unwissen gross: Die Stigmatisierungen bei HIV sind enorm. Frauen glauben teilweise noch immer, dass Männer nur dann Kondome benützen, wenn sie HIV-krank sind.

Der Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit ist sehr wichtig. Es braucht eine gezielte Hilfe zur Selbsthilfe. Nicht gut ist es, einfach Geld und Rat zu verteilen.

Kann die vom Westen geleistete Entwicklungshilfe eine Lösung sein?

Der Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit ist sehr wichtig. Es braucht eine gezielte Hilfe zur Selbsthilfe. Auch wir haben in Afrika einiges aufgebaut, das nun von den Menschen vor Ort weitergeführt wird. Nicht gut ist es, einfach Geld und Rat zu verteilen. Es braucht eine Partnerschaft, bei der die Rollen und Verantwortungen genau definiert sind: miteinander Lernen, um zu verändern.

Hans Rudolf Herren, Insektenforscher und Gewinner des Alternativen ­Nobel­preises, sagte im Migros-Magazin: «Das Malariaproblem hätte man schon längst lösen können. Milliarden werden in Impfstoffe gesteckt, obwohl die Mücke die Ursache ist.»

Ich kenne Hans sehr gut, und grundsätzlich hat er recht. Eine malariafreie Welt könnte in einer nächsten Generation möglich sein. Aber die Aussage, man hätte das Problem längst lösen können, ist gewagt. Ich würde eher sagen, dass man mehr Fortschritte hätte machen können, wenn man die integrierten Ansätze zur Bekämpfung und Prävention konsequenter und auf die lokale Situation abgestimmt hätte.

Welche Tropenkrankheit ist für Schweizer Touristen besonders gefährlich?

Keine – wenn sie die richtigen Präventionen befolgen. Ich hatte auf meinen Reisen in den Tropen am meisten Angst vor Verkehrsunfällen. Aber ganz klar: Die Reisenden müssen extrem Respekt vor Malaria haben. In der Schweiz haben wir jährlich 250 bis 350 importierte Malariafälle. Ein bis drei Personen sterben jeweils. Wichtig ist, die nötigen Prophylaxen und Impfungen vorzunehmen und gegenüber HIV aufmerksam zu sein.

Sie selbst sind trotz allem zweimal an Malaria erkrankt.

Wenn Sie während 37 Jahren unablässig die Tropen bereisen, können sie nicht konstant die Prophylaxe einnehmen. Aber ich habe immer eine Reservebehandlung mit dabei. Wenn man schnell reagiert, lässt sich die Krankheit gut besiegen. Ich empfehle für alle Malariagebiete die Prophylaxe; selbst unproblematisch erscheinende wir Thailand. Auf der Homepage savetravel.ch finden sich Informationen für sämtliche Reiseländer.

Wie problematisch sind Resistenzen bei Malariamedikamenten?

Die sind ein riesiges Problem – derzeit gerade in Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam, China und Myanmar. Deshalb ist es wichtig, dass neue Malariamedikamente entwickelt werden. Nach fünf bis zehn Jahren kommt es zu Resistenzen, das war schon immer so.

Wir dürfen die Verantwortung nicht einfach auf die Forschung abschieben und uns allein darauf verlassen, dass die dann schon immer wieder eine neue Lösung findet. Die Gesellschaft muss sich ändern.

Die Resistenzen sind ja auch bei Antibiotika ein Problem.

Richtig. Und wir dürfen die Verantwortung nicht einfach auf die Forschung abschieben und uns allein darauf verlassen, dass die dann schon immer wieder eine neue Lösung findet. Die Gesellschaft muss sich ändern. Etwa was den Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft und Tierzucht betrifft, um den gewaltigen weltweiten Bedarf nach Fleisch und Fisch zu stillen. Der Antibiotikamissbrauch fördert Resistenzen bei Mensch und Tier, und Resistenzen im Tier und in der Umwelt können auch auf den Menschen übertragen werden..

Wir müssen also weniger Fleisch und Fisch essen, wenn wir diese Resistenzen reduzieren wollen.

So ist es. Es geht gar nicht um einen kompletten Verzicht, wie sie gewisse Dogmatiker fordern. Aber wir müssen den Konsum reduzieren um nicht umwelt- und gesundheitsschädliche Praktiken der Nahrungsmittelproduktion zu fördern.

Steckt denn die Pharmaindustrie genügend Geld in die Entwicklung neuer Medikamente?

Vor 20 Jahren hätte ich mich bitter beklagt. Heute bin ich aber sehr zufrieden, was Firmen wie zum Beispiel Novartis oder Sanofi in Partnerschaft mit dem öffentlichen Sektor unternommen haben. So kommen die nächsten zwei neuen Malariamedikamente aus dem Novartis-Institut für Tropenkrankheiten in Singapur.

Ich kann Impfverweigerer verstehen. Es passt zur heutigen, sehr ichbezogenen Gesellschaft.

Ein ganz anderes Thema: Nach einem Masernausbruch hat der Gouverneur von Kalifornien Impfzwang angeordnet. Wer seine Kinder nicht impfen lässt, muss sie zu Hause schulen. Eine gute Idee?

Ich kann Impfverweigerer verstehen. Es passt zur heutigen, sehr ichbezogenen Gesellschaft. Aber erst das Einstehen für etwas Gemeinsames macht die Volksgesundheit möglich, deshalb habe ich auch Verständnis für die Anordnung des Gouverneurs. Der Basler Daniel Bernoulli hat schon 1760 vor der Académie Française aufgezeigt, dass es sich lohnt, wenn der König an seinem Hof eine frühe Form von Pockenimpfung für alle durchsetzt. Selbst wenn es Einzelne nicht tun, ist der Schutz für die Gesamtgesellschaft immer noch sehr effektiv.

Die Impfverweigerer sind also kein Problem, so lange ihre Zahl nicht zu hoch ist?

Genau. Ab wann die Zahl problematisch wird, hängt von der Verbreitungskraft der Keime ab, das heisst der Anzahl Folgefälle einer Infektion. Bei Pocken beträgt die Grundreproduktionsrate etwa 7, bei den Masern 12, bei Sars 2 bis 5, bei Malaria aber 2000. Deshalb ist es auch so schwierig, das Tropenfieber zu bekämpfen.

Sie sind 63 Jahre alt, immer noch an der Uni Basel aktiv und überlegen sich, Sondergesandter der WHO in Südostasien zu werden. Den Ruhestand zu geniessen ist keine Option für Sie?

Genau so kann ich ihn geniessen. Umso mehr, als ich damit noch etwas bewirken kann. Mein Motto heisst «Retired, but not tired». (lacht) Man wird mich auch in Zukunft eher in Afrika oder Asien finden als zu Hause im Liegestuhl oder auf dem Golfplatz. Ich gehe lieber mit meiner Frau wandern und Ski fahren, und wenn immer es möglich ist, spiele ich am Samstagmorgen und am Montagabend Tennis.

Autor: Reto E. Wild, Ralf Kaminski

Fotograf: Joschi Herczeg