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01. September 2014

Mann lernt nie aus

Alle Jahre wieder möchte ich den Meertrübeli ein Kränzchen winden. Nichts lässt sich so leicht vom Stiel streifen wie sie, die Johannisbeeren. Bereite ich eine Mürbeteigwähe mit Meertrübeli vor, erfüllt mich jeweils eine doppelte Freude: darüber, dass ich damit bei den Kindern punkten kann, denn sie ist beiden etwas vom Allerliebsten; und darüber, wie mühelos sie sich zubereiten lässt. Mit einer Handbewegung sind, schwupps, alle Beeren von einem Zweiglein gelöst.

«Nichts lässt sich so leich tvom Stiel streifen.»
«Nichts lässt sich so leich tvom Stiel streifen.»

Kein Vergleich zur kniffligen Klauberei, wenn es gilt, Thymianblättchen vom Stängel zu trennen. Was ich meist so hastig und ungeduldig mache, dass viel brauchbarer Thymian im Kompost landet – dafür viel unnützes Gesträuch in der Pfanne … (Und kommen Sie mir nicht mit dem Tipp, den Thymian vorher in den Tiefkühler zu stecken, weil sich im gefrorenen Zustand die Blättchen wie von selbst vom Zweig lösten. Hat mir Magda auch schon vorgeschlagen. Aber tiefgekühlt ist der Thymian ja nicht mehr frisch!)

Wo war ich? Bei den Dingen, die immer wiederkehren. Alle Jahre wieder erhofft man sich zu Beginn der Saison Wunderdinge für den eigenen Verein – und am Ende wird doch der FC Basel Meister. Alle Jahre gibt Polo Hofer mal wieder seinen Rücktritt von der Bühne bekannt. Wir nehmen ihm die x-te Abschiedstournee schon lang nicht mehr ab, und sollte es doch mal so weit sein, sind wir dann vermutlich verblüfft. Alle Jahre w…

Nein, es gibt Dinge, die sind neu! Die erfährt man, wenn man ein Mann ist, erst mit bald 50! Unlängst verschlug es mich in ein Frauen-WC. Weiss nicht mal mehr, obs ein Versehen war oder gerade keine Herrentoilette in Sicht. Ich also mit Harndrang rein und … Meine Güte, wie das aussah! Verschmiert, verdreckt, der Boden mit Müll und zerknüllten Taschentüchern übersät, es stank, und in der Schüssel waren Kackspuren noch das mindeste Übel. «Was hesch de gmeint?», fragte meine Tochter nur zurück, als ich wissen wollte, ob Frauen-WCs immer so saumässig aussähen.

Was ich gemeint hatte? Nur Männer seien Schweine, die Frauen würden Ordnung halten. Weil ja in 99,4 Prozent der Haushalte – Sie! Das ist nicht so dahergeschrieben, es ist ein wissenschaftlich erhärteter Wert – die Frau das WC putzt und also ich, der ich es zur Belustigung meiner Familie daheim täglich mehrmals tue und auch auf öffentlichen ­Toiletten nicht lassen kann, zu einer verschwindend kleinen Minderheit gehöre. Ich hatte also angenommen, sanitäre Anlagen für Mädchen und Frauen seien nicht so furchtbar wie die unseren. Nun bin ich verunsichert: Muss ich die feminine Sudelei als Zeichen der Emanzipation werten? Ändern sich die Zeiten?

Ja! Gestern kam Anna Luna mit «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» zu Hause an. Schullektüre. Der Autor, Niklaus Meienberg, galt einst als linker Fötzel und Nestbeschmutzer, weil er die Frage aufwarf, weshalb die Schweiz im Zweiten Weltkrieg den kleinen, sichtlich verwirrten Soldaten Ernst S. hinrichtete – die Waffenhändler aber, die gross mit Nazideutschland geschäfteten, gewähren liess. Der Lehrer, der das – damals druckfrische – Buch mit unserer Schulklasse las, war als Revoluzzer verschrien, er trug John-Lennon-Gläser und langes Haar. 30 Jahre später steht das einst verpönte Buch im Schulhaus meiner Tochter neben Klassikern wie «Wilhelm Tell» und Goethes «Faust» in der Serienbibliothek, bereit zur Ausleihe für ganze Klassen. Alle Jahre wieder, offenbar.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli