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02. April 2012

«Man soll uns zuhören und ernst nehmen»

Wie leben junge Leute heute? Welche Träume haben sie, welche Schwierigkeiten? Wie halten sie es mit Sex, Beziehungen, Jobs, und interessieren sie sich für Politik? Das Migros-Magazin hat sich mit drei jungen Männern und drei jungen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus unterhalten. Im zweiten Teil kommen die Mädchen zu Wort.

Von links: Deianira Bütler (18) aus Kallern AG, Jennifer Santana (17) aus Basel und Stefanie Riedweg (18) aus Altdorf UR.

Einfühlsam, verantwortungsbewusst und motiviert: Gemäss einer Langzeitstudie sind (auch männliche) Jugendliche besser als ihr Ruf.

«Man sollte uns unseren Weg gehen lassen»: Im Gespräch mit drei jungen Männern (Teil 1).

Über Jugendliche wird viel geredet, diskutiert und geforscht, aber selbst zu Wort kommen sie nur selten. Letzte Woche haben drei junge Männer dem Migros-Magazin Einblick in ihr Leben und ihr Denken gegeben, dieses Mal sind die Frauen dran. Sie machen sich eindeutig ein paar Gedanken mehr als die Jungs, wenn es um Themen wie Sex und Beziehungen oder um die persönliche und gesellschaftliche Zukunft geht.

Deianira, Stefanie, Jennifer, was macht euch glücklich, was treibt euch an?

Deianira: Einen Sinn im Leben zu sehen, ein Ziel zu haben. Glücklich bin ich beim Tanzen — und wenn ich mit Kollegen und Kolleginnen zusammen bin, die auch gerne tanzen. Stefanie: Mich macht das Theaterspielen glücklich. Ich will nach der Lehre nach Zürich gehen, um Theaterpädagogik oder etwas in der Art zu lernen. Jennifer: Auch meine Leidenschaft ist das Tanzen, die Bewegung — und Neues ausprobieren: Jetzt gerade ist es die Fotografie und Modedesign.

Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor?

Deianira: Ich habe keine klare Vorstelllung, es kommt eh anders. Ich möchte nach der Ausbildung in einem Hotel arbeiten und mich weiterbilden, vielleicht auch länger nach Argentinien gehen, und irgendwann eine Familie gründen. Stefanie: Ich hoffe, dereinst im Zürcher Schauspielhaus arbeiten zu können. Und ich möchte einen Mann und Kinder haben — und die Welt entdecken. Jennifer: Ich möchte Bewegungspädagogin werden und eine Familie gründen, mit der ich dann in einem eigenen Haus wohne. Reisen ist mir auch wichtig.

Ihr wollt alle Kinder kriegen?

Alle: Ja! Stefanie: Gerne zwei. Jennifer: Eins oder zwei. Deianira: Ich möchte drei.

Was ist wichtiger, der berufliche Erfolg oder der Familienwunsch?

Stefanie: Zurzeit steht für mich das Theater im Vordergrund. Aber es wird sicher eine Zeit geben, wo die Familie wichtiger sein wird. Jennifer: Ich will zuerst die Ausbildung fertig machen, das ist für mich klar. Deianira: Ich finds schwierig. Einerseits möchte ich nach der Grundausbildung noch eine Hochschule absolvieren und im Ausland arbeiten, was einige Jahre dauern wird. Anderseits möchte ich Mutter werden, bevor ich 30 bin.

Man kann alles erreichen, wenn man will. – Deianira Bütler

Der Jugend heute steht alles offen, sie hat völlige Freiheit. Empfindet ihr das auch so?

Jennifer: Es kommt immer drauf an, wie gut man in der Schule ist. Und bereits im Alter von 16 werden die Weichen gestellt. Als weniger gute Schülerin habe ich nicht viele Möglichkeiten. Stefanie: Ja, die Erwartungen sind extrem hoch. Ich bin etwas verträumt und schiebe manchmal Dinge vor mich hin — dafür hat die Gesellschaft kein Verständnis. Man muss immer Leistung bringen, nur die Fakten zählen … da ist es nicht immer einfach mitzuhalten. Deianira: Ich finde, man kann alles erreichen, was man will. Aber es stimmt schon, der Druck ist hoch, und die Türen stehen nicht einfach offen, man muss enorm dafür kämpfen. Wir haben zwar mehr Möglichkeiten als unsere Eltern, aber dafür sind die Erwartungen an uns sehr hoch. Zum Beispiel, dass wir jetzt die Klimakatastrophe abwenden.

Vermittelt man euch dieses Gefühl?

Deianira: In der Schule wird uns das Bewusstsein für diese Probleme vermittelt, neben dem Klimawandel ist auch das Erdölfördermaxium ein Thema — und die Auswirkungen, die das haben könnte. Das fühlt sich manchmal schon so an, als würde von uns erwartet, dass wir diese Probleme lösen. Stefanie: Genau. Ich habe kürzlich einem Gespräch zwischen zwei älteren Personen zugehört. Sie sagten, zusammengefasst: Wir sind ja nicht mehr lange da, uns geht das alles nichts mehr an. Jennifer: Ich erlebe das auch so. Es reden zwar alle davon, dass was gemacht werden muss, aber nichts passiert.

Was glaubt ihr: Wird es euch besser oder schlechter gehen als euren Eltern?

Deianira: Generell lässt sich das nicht sagen. Aber es ist wohl wie in den Ausgang gehen: Man kommt immer wieder nach Hause. Man findet stets eine Lösung. Ich sage nicht, dass es einfach wird, aber wenn ich meine Ziele erreiche, werde ich sicher zufrieden sein. Jennifer: Es wird einfachere und schwierigere Phasen geben — und immer auch Zeiten, in denen man sich gut fühlt. Stefanie: Wir müssen es nehmen, wie es kommt, und unser Möglichstes geben, um die Dinge zum Besten zu verändern.

Man muss gute Noten haben, sonst hat man keine Chance. – Jennifer Santana

Wie schwierig ist es mit Lehrstellen, Studienplätzen, Arbeitsstellen?

Deianira: Ich habe eine Stelle für ein Kurzpraktikum gesucht und nichts gefunden, obwohl ich sehr gute Noten habe. Im Juni bin ich nun mit der Ausbildung fertig. Danach mache ich ein Praktikum in einem Basler Hotel, aber ich musste schon einige Zeit suchen. Stefanie: Die Lehrmeister schauen viel zu sehr auf die Noten. Ich hatte nicht die schlechtesten, aber auch nicht die besten, einzig in Mathematik war ich gar nicht gut. In vielen Betrieben konnte ich deshalb nicht mal schnuppern. Man sollte mehr auf das Praktische schauen. Deianira: Ich sehe auch viele Leute, die grosses Potenzial haben, aber vielleicht gerade nicht die besten Noten — sie bekommen keine Chance. Stattdessen werden die angestellt, die gut im Auswendiglernen sind. Jennifer: Man muss gute Noten haben, sonst hat man keine Chance.

Was macht ihr mit euren Freundinnen?

Jennifer: Wir sind oft draussen, trinken gerne mal was, aber keinen Alkohol. Ich gehe gerne tanzen, ins Kino, an Konzerte oder ins Theater. Stefanie: Ich gehe oft ins Kino und ins Theater. Wenn ich mit den Leuten der Theatergruppe unterwegs bin, ist es immer lustig. Im Ausgang trinke ich wenig Alkohol, ich wills einfach lustig haben. Deianira: Mit den einen gehe ich Clubs besuchen, mit andern hänge ich ab oder gehe in die Badi.

Worüber sprecht ihr so?

Deianira: Bei uns in der Klasse ist Sex das Thema Nummer eins. Mit den Männern können wir über nichts anderes reden. Stefanie: Bei mir ist es genau gleich. Wenn Kollegen dabei sind, geht es immer um Sex. Unter Kolleginnen sind Männer das Thema Nummer eins.

Ihr sprecht häufiger mit Männern über Sex als mit Freundinnen?

Deianira: Das Thema kommt mit Männern einfach häufiger auf, aber es geht meistens um Sprüche und ums Foppen. Mit Frauen sind die Gespräche ernsthafter. Aber ich find es auch interessant, mit Männern zu reden, weil sie eine ziemlich andere Sicht auf Sex haben als wir. Wir wollen verliebt sein, wenn wir Sex haben, den Jungs ist das egal. Stefanie: Bei uns ist es genauso, die Jungs reden viel darüber, aber oft haben sie einfach eine grosse Schnurre und lassen nur Scheiss raus. In der Berufsschule sind wir alles Mädchen, da werden ernstere Themen besprochen. Jennifer: Bei mir in der Klasse sind alle jünger als ich und reden nur über dreckige Themen, Männer wie Frauen. Das langweilt mich. Wenn ich mit Freundinnen zusammen bin, rede ich über den Alltag und ernsthafte Themen.

Wie viele ernsthafte Beziehungen hattet ihr?

Deianira: Noch keine. Stefanie: Eine richtige Beziehung auch noch nicht. Jennifer: Alles Bisherige nur unseriös.

Was ist euch wichtig an einem Freund?

Stefanie: Ehrlichkeit, Vertrauen, nicht immer aneinander zu kleben. Ich brauche meine Freiheiten. Ein Mann muss akzeptieren können, dass ich in die Theaterwelt abtauche und wenig Zeit für anderes habe, wenn wir proben. Jennifer: Genau. Ich brauche jemanden, der es akzeptiert, wenn ich intensiv mit Tanzen beschäftigt bin. Deianira: Ich muss mir sicher sein, bevor ich mich auf einen Mann einlasse. Wenn er der Richtige ist, kann ich viel akzeptieren und erwarte nicht Perfektion. Aber tolerant muss er auf jeden Fall sein. Und treu und ehrlich.

Ich brauche meine Freiheiten. Das muss ein Mann akzeptieren können. – Stefanie Riedweg

Wie und wo lernt ihr Jungs kennen?

Deianira: Meistens über Kollegen. Bei Männern, die man im Ausgang kennenlernt, ergibt sich kaum was Ernsthaftes. Stefanie: Wenn ich einen im Ausgang kennenlerne, ists mehr so kumpelhaft. Und die haben selten Niveau, klopfen blöde Sprüche und geben an. Mit denen, die ich übers Jugendtheater kennenlerne, komme ich eher ins Gespräch. Deianira: Mich stresst, wenn sie mich berühren. Klar kleidet man sich schöner, ein bisschen körperbetonter, wenn man in den Ausgang geht. Ich will vielleicht etwas provozieren, aber sie müssten einem ja nicht gleich an den Arsch fassen. Jennifer: Ich lerne meistens beim Tanzen Männer kennen. Die im Ausgang nehme ich nicht so ernst.

Ist den Jungs Sex wichtiger als euch?

Deianira: Romantik spielt bei ihnen weniger eine Rolle. Ich habe Kollegen, die noch Jungfrau sind, andere habens lange schon hinter sich. Man merkt, wer erfahrener ist, wer weniger. Jennifer: Ich denke auch, dass Sex ihnen wichtiger ist als uns, aber es kommt auf den Typ an. Ich kenne solche, denen es nicht egal ist, mit wem sie schlafen. Deianira: Stimmt, Jungs stehen gut da, wenn sie viele Kontakte haben, Frauen nicht. Stefanie: Ich glaube, Männer haben immer Spass beim Sex. Bei uns ist das etwas anders. Wie viel Einfühlungsvermögen einer hat, kommt auf seine Reife an.

Schaut ihr Pornos?

Alle: Nein.

Und eure männlichen Kollegen?

Alle: Ja!

Reden sie mit euch darüber?

Stefanie: Nein, mir scheint, es ist ihnen eher unangenehm oder sogar peinlich. Ich finde Pornos nichts Schlimmes. Deianira: Ich denke nicht, dass Pornos ihre Vorstellungen oder Erwartungen verändern. Sie können Fiktion und Realität sehr wohl auseinanderhalten. Jennifer: Ich kenne zwei Gruppen von Jungs: Die einen würden nie zugeben, dass sie je einen Porno geschaut haben, die andern behaupten, sie hätten selber schon einen gedreht (Gelächter).

Spürt ihr von Jungs, die Pornos geschaut haben, einen Erwartungsdruck?

Deianira: Nein. Wenn mir was nicht passt, kann ich ja Stopp sagen. Jennifer: Ich rede mit den Jungs nicht über Pornos. Aber wenn sie mit ihren Fantasien kommen, weiss ich natürlich, woher das kommt, ich bin ja nicht doof.

Was haltet ihr von Schwulen und Lesben?

Deianira: Ich finde das weder schlimm noch abnormal. Stefanie: Im Gegenteil, ich finds schlimm, wenn man über sie lästert. Jennifer: Ich finds wichtig, dass Homosexuelle respektiert werden.

Sagt ihr «das ist doch schwul» ab und zu?

Stefanie: Ehrlich gesagt ja. Das ist einfach im Wortschatz drin. Ich bin aber nicht stolz darauf. Jennifer: Ich sage nie «das ist doch schwul», sondern eher zu einem Mann «du bist doch schwul». Deianira: Ja, um seine Männlichkeit herabzusetzen.

Wollt ihr mal heiraten, mit allen Schikanen?

Deianira: Ich habe keine klare Meinung, finds aber schon schön, sich fürs Leben zu entscheiden. Stefanie: Ich finde den Brauch mit dem weissen Kleid einfach schön. Und das Fest, an dem die ganze Familie teilhaben kann, das ist doch romantisch. Deianira: Wenn heiraten, dann sicher nicht kirchlich. Stefanie: Ich schon. Jennifer: Ich will auf jeden Fall heiraten, kirchlich und im weissen Kleid, das gehört zum Leben. Aber ich verzweifle bei dem Gedanken, ob das überhaupt geht, ein ganzes Leben mit ein und demselben Mann zu verbringen. Das scheint mir heute schwierig zu sein.

Könnt ihr euch vorstellen, dass eure Männer für Haushalt und Kinder zuständig sind und ihr arbeiten geht?

Deianira: Teils, teils. Einerseits möchte ich als Frau nicht für die ganze Arbeit zu Hause zuständig sein. Anderseits finde ich schon, dass der Mann eher der Beschützer und Ernährer ist. 50:50 schiene mir ideal. Jennifer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mann zu Hause bleibt und die Frau arbeiten geht. Wenn schon, dann sollen beide arbeiten. Stefanie: Die Mutter bringt das Kind zur Welt, also scheint es mir logisch, dass sie sie sich um das Kind kümmert. Ich könnte aber nicht nur Hausfrau sein.

Jugendgewalt ist das grosse Sorgenthema der Erwachsenen. Habt ihr selber schon Gewalt erlebt?

Deianira: Ich finds übertrieben, wenn es immer heisst «die Jugend von heute». Aber gut, das hiess es immer, und das wirds immer heissen. In meinem Kollegenkreis behaupten alle, sie würden niemanden anficken, aber wenn sie blöd angemacht werden, dann geben sie zurück. Auch mit den Fäusten. Das passiert oft.

Es kommt also schnell zu Gewalt?

Deianira: Die Frauen sind weniger schnell aggressiv. Aber bei den Männern geht es schnell, wenn sich einer in seiner Ehre oder seinem Stolz verletzt sieht. Stefanie: Auch bei uns in Altdorf ist es leider so, dass es im Ausgang praktisch jedesmal zu einer Schlägerei kommt. Oft passierts unter Alkoholeinfluss, da braucht nur einer einen Witz zu machen, und schon knallts. Jennifer: Ich selber habe schon Drohungen erlebt, aber noch nie Gewalt.

Was würdet ihr in der Schweiz ändern, wenn ihr die politische Macht hättet?

Stefanie: Mich stört, dass die Schweiz so ausländerfeindlich geworden ist. Die Probleme werden dramatisiert. Wir Jugendlichen haben mit Ausländern viel Kontakt, das gehört zu unserem Alltag. Man sollte nicht so auf ihnen rumreiten. Deianira: Es ist eh ein Witz. Was will die Schweiz ohne Ausländer? Nehmen wir das Gesundheitssystem, da arbeiten 30 Prozent Ausländer. Jennifer: Das sehe ich auch so. Und ich würde die Löhne der Leute gerechter verteilen. Eine ausländische Putzfrau beispielsweise kann von ihrem Verdienst nicht leben.

Was ist für euch Heimat?

Deianira: Da, wo man sich geborgen fühlt.

Ist das ein Ort oder sind es Personen?

Deianira: Ich habe vier Heimaten: mein Zimmer, die Wohnung, meine Grosseltern und Argentinien. Bei gewissen Kollegen fühle ich mich auch zu Hause. Zugehörigkeit ist für mich Heimat. Stefanie: Für mich sind es die Berge. Und dann natürlich da, wo meine Verwandten und Kollegen sind, in Altdorf. Und da, wo ich verstanden werde und akzeptiert, wie ich bin. Jennifer: Ja, da, wo man sich geborgen fühlt. Bei Kollegen. Heimat ist für mich auch Brasilien, aber ich war schon lange nicht mehr dort.

Und zum Schluss: Was möchtet ihr den Erwachsenen da draussen noch sagen?

Stefanie: Sie sollen uns zuhören und uns ernst nehmen. Jennifer: Sie sollen uns wahrnehmen und anerkennen, dass auch wir schon wertvolle Erfahrungen gemacht haben und etwas wissen. Deianira: Sie sollen sich daran erinnern, wie sie selber waren in ihrer Jugend. Bei ihnen hiess es ja auch schon «die Jugend von heute». Jede Generation soll ihre eigenen Erfahrungen machen — schön wäre, wenn das ohne Vorurteile ginge.

Autor: Esther Banz

Fotograf: Victoria Loesch