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01. Juni 2015

«Man sollte sich für sein Gewicht nicht schämen müssen»

Der neue Kinofilm «Bouboule» zeigt: Stark übergewichtige Jugendliche haben es schwer im Leben. René, Jasmin und Samuel über den ewigen Kampf gegen die kulinarischen Verführungen, Ausgrenzungen im Alltag und ihre Zukunftshoffnungen.

Jasmin Aregger
Jasmin Aregger (17) aus Buttisholz LU lässt sich nicht unterkriegen.

René, Jasmin, Samuel, könnt ihr euch erinnern, wann euch zum ersten Mal bewusst geworden ist, dass ihr übergewichtig seid und dass das als nicht gut und unattraktiv gilt?

René: Das war in der 6. Klasse der Primarschule. Ich war nie dünn, auch immer etwas grösser als die meisten, aber ich war lange sehr sportlich. Deshalb haben mich frühere Hänseleien auch nicht so gestört. Aber plötzlich wurde ich das grösste Mobbingopfer, war nicht mehr Teil der Klasse.

Aus heiterem Himmel?

René: Ja, sie liessen mich einfach nicht mehr mitmachen, weder Filme schauen noch in der Pause etwas unternehmen. Das war hart, denn ich kannte die meisten schon seit dem Kindergarten und der Vorschule.
Jasmin: Bei mir fing es schon im Kindergarten an. Ein Mal haben sie mich deswegen sogar an einen Baum gefesselt. Meine Mutter hat mich dann extra lange in den Kindergarten geschickt, damit ich in eine andere Klasse komme und nicht mehr mit denen zusammen sein muss. Im Sport konnte ich oft nicht richtig mitmachen und wurde immer als Letzte in Mannschaften gewählt. In der Oberstufe wurde es noch schlimmer. Ich habe viele Kollegen und Kolleginnen verloren, die fanden: Du passt nicht zu uns. Aber ich hatte auch Kolleginnen, die zu mir hielten. Zwei wollten mal einen Abnehmplan für mich machen – das war sicher gut gemeint, aber schwierig.
Samuel: Ich war 9 oder 10, als ich gemerkt habe, dass die andern anders aussehen. Dann habe ich es auch im Turnen zu spüren bekommen. Ging es um Fussball oder um die Gruppenwahl, hiess es: Den kann man nicht brauchen. Manchmal haben sies offen gesagt, manchmal hab ichs auch so gemerkt. Aber ich bin zum Glück in einer guten Klasse mit einem guten Zusammenhalt, und da gehöre ich dazu. Auch im neuen Schulhaus habe ich wieder Freundschaften geschlossen.

Samuel Wanner, René Blum und Jasmin Aregger (von links): In ihrem Alltag dreht sich fast alles ums Gewicht und das richtige Essen.
Samuel Wanner, René Blum und Jasmin Aregger (von links): In ihrem Alltag dreht sich fast alles ums Gewicht und das richtige Essen.

Wie ist das, wenn man das merkt, dass man ausgegrenzt wird?

René: Man versucht zu kompensieren, ich habe mich fröhlich gegessen. Fühlte ich mich mies, habe ich Chips und Süssigkeiten eingeworfen. Essen führt zu Glückshormonen. Gleichzeitig habe ich mit Sport aufgehört und bin so geradezu explodiert. Innerhalb von zwei Jahren habe ich von 90 auf 140 Kilo zugelegt. Und ich habe mich zurückgezogen, bin einfach nicht mehr zur Schule gegangen, musste dann Klassen wiederholen. Meine Eltern waren verzweifelt. Erst als wir vor zwei Jahren von den Philippinen in die Schweiz gezogen sind, bin ich wieder zur Schule gegangen.
Samuel: Obwohl ich nicht so stark ausgegrenzt worden bin, habe ich mich am Anfang auch zurückgezogen, sass nur noch zu Hause, ging höchstens in den Dorfladen, um Cola, Eistee oder Schokoriegel zu kaufen. Aber ich habe das nur aus Frust gegessen, das war kein Genuss mehr, fast schon eine Sucht. Und dann merkte ich natürlich: verdammt, wieder zwei Kleidergrössen mehr!
Jasmin: Auch ich habe mich stark zurückgezogen und umso mehr gegessen, habe aber gemerkt, dass das nichts bringt. 2010 habe ich dann auf Anraten eines Arztes bei einem Programm mitgemacht, da ging es um bessere Ernährung und mehr Sport. Ich habe die ganze Freizeit investiert – und 10 Kilo zugenommen. Auch andere Programme haben nichts gebracht. Schliesslich hörte ich von dieser Magenbypassoperation und machte selbst einen Termin bei einem Chirurgen ab, das war im Frühling 2013.
René: Bei mir begann die Behandlung, weil meine Eltern sich Sorgen um meine Gesundheit machten, meine Insulin- und Blutwerte waren schlecht. Der Arzt meinte, es sehe immer schlechter aus und schickte mich ins Adipositaszentrum. Mir war alles egal, solange meine Eltern ihren Frieden hatten und mich in Ruhe liessen.

Wann hat das überhaupt angefangen mit dem Übergewicht? Schon von klein auf?

Samuel: Nein, erst ab der 4. Klasse hat es so richtig angefangen – keine Ahnung, warum. Ich habe schon etwas mehr gegessen als vorher, auch mehr Süssigkeiten, aber auch mit dem Arzt zusammen haben wir nicht herausgefunden, wieso es zu einer so starken Gewichtszunahme gekommen ist.
René: Bei uns liegt das Übergewicht in der Familie, mein Vater und mein Onkel sind auch zu schwer. Bei uns zu Hause kam auch immer viel Essen auf den Tisch, mein Vater brachte immer Speisen aus Europa mit, das war etwas Besonderes, und es wurde umso mehr gegessen. Ich war auch immer ein wenig grösser als die anderen, lange hat mich das nicht gestört. Aber eines Tages ging es in der Schule darum zu berechnen, wie viele Menschen es braucht, damit sie gleich schwer sind wie ein Auto von 1,5 Tonnen. Da haben sie alle gewogen, das leichteste Kind war 50 Kilo, ich war 90. Das hat mir schon zu schaffen gemacht.
Jasmin: Auch bei mir sind viele in der Familie tendenziell übergewichtig. Es wurde immer gern gegessen, besonders zu speziellen Anlässen, es gehörte einfach dazu. Hinzu kommt aber, dass ich ein Hormonproblem habe: Ich spüre nicht, wenn ich genug gegessen habe. Andere Menschen haben ein Sättigungsgefühl, ich nicht. Diese Diagnose hat mich eher deprimiert, ich habe so viel getan, um abzunehmen, kein Wunder, hat nichts geholfen. Aber durch die Operation haben sich die Hormone nun eingependelt.
René: Auch bei mir spielen körperliche Gründe eine Rolle. Mein System hat sich so eingestellt, dass Abnehmen viel schwieriger geworden ist. Dazu kommen eine erhöhte Insulinresistenz und eine verlangsamte Verdauung – dadurch nimmt der Körper mehr aus der Nahrung auf, als gut ist.

Hilft es, das alles zu wissen? Fühlt man sich da weniger schuldig, weil man ja mit seinem Verhalten gar nicht so einen grossen Einfluss hat?

René: Es ist gut, das zu wissen, aber es macht das Leben nicht einfacher. Ich fühle mich trotzdem immer noch selbst schuld am Übergewicht.
Jasmin: Ich auch. Ich hätte mich ja trotz allem gesünder ernähren und auch mal das Velo nehmen können.
Samuel: Geht mir genauso. Man hat mir zwar auch gesagt, dass ich Zucker nicht richtig verarbeiten kann, aber letztlich bin trotzdem ich verantwortlich für mein Gewicht.

Es ist jeden Tag ein Kampf. Und dann heisst es oft: Mach doch mehr Sport, dann könntest du auch mehr essen.

Wie geht ihr im Alltag damit um? Wie sehr achtet ihr aufs Essen?

René: Sehr. Ich versuche jeden Tag, etwas weniger zu mir zu nehmen, als ich eigentlich benötige. Mittags esse ich oft nur Salat und Suppe, ausserdem trinke ich viel Wasser. Süssgetränke versuche ich zu vermeiden, aber das ist nicht immer leicht. Wenn ich mit Kollegen weggehe, sagen die, nimm doch auch dies und das. Besonders schwer fällt es mir, auf Süssigkeiten zu verzichten. Ein oder zwei Mal pro Woche erlaube ich mir ein Stückchen. Aber es ist ein tägliches Ringen. Auch beim Sport: Wer hat schon Lust, am Samstagmorgen zwei Stunden im Fitnesscenter zu schwitzen.
Jasmin: Essen ist im Alltag immer ein Thema. Jedes Mal überlege ich: Ist das jetzt gut? Ist es das Richtige? Am meisten stört mich, dass ich nicht einfach mit Freunden irgendwo was essen gehen kann. Entweder kann ich nur die Vorspeise nehmen oder ich werfe die Hälfte weg oder esse bei jemand anderem mit. Es ist nie unkompliziert, damit muss ich mich abfinden.
Samuel: Es ist jeden Tag ein Kampf. Und dann heisst es oft: Mach doch mehr Sport, dann könntest du auch mehr essen. Aber Sport ist nicht mein Ding. Ich war auch schon in einer Ernährungsberatung und habe vier Monate lang in einem Haushalt für Problemjugendliche gelebt, da gab es ärztliche Betreuung, regelmässig Sport und einen Ernährungsplan. Das war zwar ganz gut, aber mitten in St. Gallen – es war ein ewiger Kampf gegen die Versuchung, etwas zu naschen.

Gibt es überhaupt Tage oder Momente, wo ihr nicht ans Gewicht und ans Essen denkt und einfach das Leben geniesst?

Jasmin: Vor der Operation war mein Gewicht ein Dauerthema. Das begann schon morgens mit der Frage, was ich anziehen kann – und dem unvermeidlichen Gedanken: Scheisse, ich sehe so fett aus, das kann ich nicht anziehen. Und so ging es dann den ganzen Tag weiter bis zum Schlafengehen. Heute ist es besser, meist passiert es nur noch beim Essen. Oder wenn ich jemanden sehe, der auch nicht ganz schlank ist, dann überlege ich: Seh ich auch so aus? Es ist noch immer jeden Tag ein Thema, aber nicht mehr permanent.
Samuel: Ich kann gut abschalten, wenn ich in den Ferien zu Hause bin. Dann sitze ich im Bett, schaue Filme oder spiele. Oder wenn wir bei den deutschen Verwandten sind, die stopfen sich auch mit Essen voll, dann vergesse ich es schon manchmal. In der Schule ist das schwieriger, da sind wir 3 oder 4 von 400 Kindern, die mit dem Gewicht kämpfen, da ist es mehr ein Thema.
René: Ich versuche, nicht daran zu denken. Und manchmal, wenn ich mit guten Freunden zusammen bin, klappt das auch. Aber wenn ich dann ein paar Meter hinterherspaziere, sobald es etwas bergauf geht, dann ärgert mich das, auch wenn das die Kollegen nicht stört. Und spätestens beim Sport wirds natürlich immer ein Thema.

René Blum (18) aus Beromünster LU.
René Blum (18) aus Beromünster LU.

Erlebt ihr Nachteile wegen eures Gewichts?

René: Ich habe das Glück, dass ich wegen meiner Grösse gut proportioniert bin, man sieht nicht sofort, wie schwer ich bin. Trotzdem gab es Kollegen, die damit Probleme hatten, mit denen will ich nichts mehr zu tun haben. Beruflich ist es für mich noch kein Thema, aber im Adipositaszentrum haben sie mich schon gewarnt, es sei schwieriger, einen Job zu finden, als wenn man normalgewichtig ist.
Jasmin: Bei mir sind auch ein paar Freundschaften deswegen zu Bruch gegangen. Wirklich gemerkt habe ich es aber bei der Lehrstellensuche: 50 Bewerbungen, nur Absagen. Auch wenn ich mal schnuppern gehen konnte. Sie haben zwar nie direkt gesagt, dass es wegen des Gewichts ist, aber natürlich war es deswegen. Ein Mal gings darum, ob ich oder eine schlankere Kollegin die Lehrstelle bekommt. Die Entscheidung fiel auf sie, obwohl sie in der Schule schlechter war als ich.
Samuel: Der Beruf ist bei mir noch kein Thema. Schlimm ist, wenn ich Skifahren gehe und eine neue Hose oder Jacke brauche ... und nichts passt ...
Jasmin: Das ist der Tod ...
Samuel: Oder beim Einstellen der Ski: Wenn man jedes Mal mehr wiegt und eines Tages sagen muss, dass es 90 Kilo sind, ist das einfach peinlich.
René: Kleider kaufen ist wirklich das Schlimmste.
Jasmin: Es ist soooo deprimierend. Wenn zwei Kolleginnen sich ein hübsches Kleid kaufen und ich als Einzige kanns nicht tragen. Auch mit 12 Jahren in die Übergrössenabteilung gehen zu müssen, war wirklich doof. Die Verkäuferinnen schauen schön blöd, wenn so ein kleiner Knopf an die Kasse kommt und ein XL-Teil kauft. Es ist schwierig, man kann praktisch nicht ab der Stange kaufen.
René: Wenn einem das XXL nicht passt und man dann nach dem XXXL fragen muss, ist das so peinlich. Und sie haben es auch nicht immer.

Gibt es noch andere schwierige Momente im Alltag?

René: Busfahren. Ich brauche halt viel Platz, und wenn der Bus voll ist, kann das schwierig werden. Wenn mir dann jemand einen bösen Blick zuwirft, obwohl ich mich schon total klein und schmal mache, regt mich das auf. Ich mache mich ja nicht mit Absicht so gross und breit. Schlimmer ist es nur im Flugzeug: zehn Stunden auf einem kleinen Sitz, die Beine immer angezogen, schrecklich! Und auch super peinlich: Wenn man dann das Tablett mit dem Essen auf den Oberschenkeln abstellen muss, weil man den Tisch gar nicht erst ausklappen kann.

Was ich am meisten hasse – wenn ich im Gymi bin und Sport mache und dann höre: Hey, Fettsack, das bringt ja gar nichts. Die Leute machen blöde Sprüche, statt einen zu motivieren und zu ermutigen.

Was lösen solche Erfahrungen bei euch aus? Legt man sich da mit der Zeit einen Panzer zu?

Jasmin: Man fühlt sich nicht gut, denkt, es könnte doch auch anders sein. Aber die Leute verurteilen einen sofort, obwohl sie die Geschichte dahinter gar nicht kennen. Da bin ich zum Beispiel nach einem langen Arbeitstag auf dem Heimweg, habe sechs, sieben Stunden nichts gegessen und erlaube mir, auf dem Weg zum Bus etwas zu essen. Prompt werde ich schräg angeschaut oder höre blöde Sprüche: Boah Mann, frisst du eigentlich die ganze Zeit? Das nervt.
Samuel: Ich fahre meist mit dem Velo zur Schule. Einmal hat einer gefragt: Ist das Velo aus Titan, dass das hält?
René: Was ich am meisten hasse – wenn ich im Gymi bin und Sport mache und dann höre: Hey, Fettsack, das bringt ja gar nichts. Die Leute machen blöde Sprüche, statt einen zu motivieren und zu ermutigen. Das macht es einem noch schwerer.
Jasmin: Das ist wirklich enorm verletzend. Man macht Sport, und die Leute sagen, iss doch einfach weniger. Oder mach doch einfach mehr Sport. Dann würde ich am liebsten sagen: Nimm doch du mal 40 Kilo huckepack und mach das, was ich den ganzen Tag mache. Mal sehn, ob du das schaffst. Manchmal wehre ich mich schon. Dann sind sie schon manchmal still.
René: Man steht auch dauernd unter Beobachtung. Wenn man weniger isst, fragen sie: Bist du auf Diät? Liegt man rum, sagen sie: Du bist faul. Macht man Sport, sagen sie: Das bringt ja doch nichts. Da frag ich mich schon: Was soll ich denn tun?
Jasmin: Genau. Man kann machen, was man will, es ist nicht recht.

Kann man das alles nicht irgendwie ausblenden?

Jasmin: Nein. Geht nicht. Selbst wenn es nur Blicke sind, auch die spürt man.
René: Keine Chance.

Welches Verhalten würde Euch helfen?

Jasmin: Dass die Leute akzeptieren, was sie sehen. Oder nachfragen, was dahintersteckt. Dann kann man offen darüber reden.
René: Sicher lieber Fragen als blöde Sprüche.

Früher habe ich immer geschwitzt, wenn ich die Schuhbändel gebunden habe. Das passiert heute nicht mehr, und schon das motiviert mich.

Was motiviert euch?

Jasmin: Ich hab mir jetzt erstmals einen Bikini gekauft, den ich im Sommer tragen möchte. Er passt mir jetzt schon, aber bis zum Sommer möchte ich noch etwas abnehmen, damit er auch gut aussieht. Das ist ein Ziel, das mich motiviert.
Samuel: Im Herbst gehen wir wieder in die Türkei in die Ferien. So wie ich jetzt bin, will ich nicht baden gehen. Also versuche ich, bis dahin ein paar Kilos zu verlieren, das ist das Ziel. Nur wirds dann schwierig, wenn ich dort bin. In den Hotels hats überall diese Buffets mit Kuchen und Pommes frites ... Ein Mal hat es gut geklappt mit dem Abnehmen vor den Ferien, aber als wir wieder zu Hause waren, war ich fünf Kilo schwerer.
René: Es sind kleine Dinge. Früher habe ich immer geschwitzt, wenn ich die Schuhbändel gebunden habe. Das passiert heute nicht mehr, und schon das motiviert mich. Oder dass ich beim Laufen länger durchhalte. Je mehr Erfolg man hat, desto mehr motiviert das, dranzubleiben.

Definiert ihr euer Ziel in Kilos?

Jasmin: Ich nicht. Ich will einfach nicht mehr zunehmen und mich wohlfühlen. Ich muss ja nicht modeln.
René: Ich will einfach eine gesunde Gewichtsklasse erreichen, 130 Kilo ist mein neues Ziel bis zum Sommer 2016. Also gegenüber heute nochmals 9 oder 10 Kilo weniger. Besser noch mehr. Das Hauptziel ist aber, dass es nicht mehr hinaufgeht. Seit ich in der Schweiz bin, ist mein Gewicht stabil.
Samuel: Mir geht es eher ums Optische als um eine Zahl. Es ist halt auch schwierig, wenn man sich ein Kiloziel setzt und es nicht schafft, das ist dann schon demotivierend.

Und wie sieht es aus mit einer Freundin oder einem Freund? Ist das schwierig? Habt ihr euch schon verliebt? Kommt etwas zurück?

René: Sehr schwierig. Ich bin für viele Mädchen der beste Kollege. Das ist okay, solange ich nicht mehr will. Das Problem ist, dass Mädchen mich mehr so als herzigen Teddybär sehen. Da erzählt mir eine Kollegin, dass sie einen Typen sucht, der nett ist und zuhört und der dies und das ist und das und jenes macht – und ich merke, das entspricht ziemlich genau mir! Und wir kommen ja auch gut aus, also frage ich sie, ob wir zusammen ausgehen wollen. Aber sie sagt Nein, sie wolle unsere Freundschaft nicht ruinieren. Das ärgert mich. Es wäre mir lieber, sie würde sagen, dass es an meinem Aussehen liegt.

Hattest Du schon mal eine Freundin?

René: Ja, ein Mal. Als ich jünger und dünner und sportlicher war. Aber sie ist dann nach Deutschland weggezogen. Und jetzt habe ich dieses Teddybär-Image.
Samuel: Bei mir ist das noch nicht so ein Thema.
Jasmin: Bei mir hatten auch plötzlich alle Kolleginnen einen Freund, nur ich nicht. Natürlich habe ich mich auch verliebt, aber daraus wurde nie etwas. Aber jetzt nach der Operation ist plötzlich ein Junge auf mich zugekommen – der arbeitet vis-à-vis von mir in Luzern, und nun sind wir seit vier Monaten ein Paar. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich auf so etwas einlassen könnte. Aber er nimmt mich so, wie ich bin, er will mich nicht verändern.

Denkst du, er hätte sich auch mit dem höheren Gewicht für dich interessiert ?

Jasmin: Er sagt, er hätte mich auch so genommen. Aber ich glaube, ich selbst hätte mich nicht darauf eingelassen, das hätte ich gar nicht gewollt.

Ich glaube, jeder Übergewichtige hat einen kleinen inneren Schmerz wegen seiner Figur. Wenn er sagt, es sei ihm egal, glaube ich das nicht.

In den USA gibt es eine Fat-Pride-Bewegung, das sind stark übergewichtige Menschen, die sagen, sie sind stolz so wie sie sind, und sie wollen gar nicht abnehmen. Könnt ihr euch so was für euch vorstellen?

Samuel: Ich glaube nicht, dass auch nur ein einziger Übergewichtiger lieber dick ist, wenn er auch dünner sein könnte. Das ist bei mir ja auch so. Ich glaube, jeder Übergewichtige hat einen kleinen inneren Schmerz wegen seiner Figur. Wenn er sagt, es sei ihm egal, glaube ich das nicht. Ich kann auch nicht verstehen, wie man einen Weltrekord aufstellen will mit was weiss ich wie vielen Hundert Kilos.
René: Wenn jemand zufrieden ist, wie er ist, okay, super! Aber diese Fat-Pride-Menschen sind nicht einfach ein wenig pummelig, sondern übergewichtig. Die spielen extrem mit ihrer Gesundheit. Ich finde es nicht richtig zu sagen, ich bin 140 Kilo und stolz darauf, dass ich kaum die Treppe raufkomme.
Jasmin: Klar kann es einem egal sein, was andere sagen und denken. Aber man kann doch nicht stolz darauf sein, dass man zum Beispiel 170 Kilo schwer ist und kaum mehr etwas machen kann. Ich finde schon, man sollte Übergewichtige respektieren und unterstützen, zum Beispiel mit etwas breiteren Sitzen oder so. Aber spezielle Hotels und Kreuzfahrten wie in den USA, das ist übertrieben.
René: Ich muss zum Beispiel immer aufpassen, wo ich mich hinsetze, ich habe schon mehrere Stühle ruiniert. Man muss nicht stolz sein auf sein Gewicht, aber man soll sich auch nicht schämen müssen.

Samuel Wanner (13) aus Niederhelfenschwil SG.
Samuel Wanner (13) aus Niederhelfenschwil SG.

Es gab mal Zeiten, da galt es als Zeichen von Wohlstand, dick zu sein, es war erstrebenswert. Wie stark sind es gesellschaftliche Normen und medial verbreitete Schönheitsbilder, die euch das Leben schwer machen?

Jasmin: Ich versuche, mich nicht beeinflussen zu lassen, aber man kommt fast nicht drumherum. Manchmal denke ich schon, es wäre schön, auch so dünn zu sein. Aber es ist auch doof, einem Schönheitsideal hinterherzurennen. Zum Glück sieht man jetzt auch immer öfter Models mit Kurven, solche, die etwas runder sind.
Samuel: Man sieht diese Bilder halt überall, auf der Strasse, im TV, man kann gar nicht wegsehen. Aber wenn die Models dermassen hungern müssen, um so auszusehen, dann bin ich lieber wie ich bin und kann dafür etwas essen.
René: Ganz ehrlich, ich persönlich kämpfe nicht um ein ideales Aussehen, sondern um meine Gesundheit. Klar wäre es auch schön, schlanker zu sein und ein Sixpack zu haben, aber mein Ziel ist, fit zu sein und wieder das machen zu können, was ich früher gemacht habe. Ich will nicht aussehen wie Ronaldo oder Brad Pitt, aber ich will mich gut fühlen. Ein wenig Fett am Körper ist auch schöner, als wenn jeder einzelne Knochen sichtbar ist. Und Bulimie und Anorexie sind auch ein Problem, verursacht durch diese dünnen Vorbilder.

Gibts bei euch gesundheitliche Probleme wegen dem Übergewicht?

Samuel: Ich war gerade wieder in der Jahreskontrolle und habe erfahren, dass nicht mehr viel fehlt, und ich bekomme Diabetes. Ich hoffe natürlich, dass es nicht so weit kommt.
Jasmin: Meine Operation wurde nur von der Krankenkasse übernommen, weil ich gesundheitlich beeinträchtigt war durch das Gewicht. Ich musste blutdrucksenkende Mittel nehmen, hatte Probleme mit den Knien und habe auch heute noch Schmerzen in den Hüften und im Rücken. Eine Spätfolge meines früheren Gewichts.

Weshalb hast du dich trotz gewisser Risiken für die Operation entschieden?

Jasmin: Ich habe mich monatelang informiert, mir Operationsvideos angeschaut und bin dann mit allen Informationen zu den Eltern gegangen. Klar gibt es Risiken: die Narkose, ein falscher Schnitt. Es kann auch sein, dass man danach doch nicht so stark abnimmt wie erhofft, dass die Wundheilung schlecht verläuft oder man Nachbeschwerden bekommt. Auch kann man danach nur wenig essen, sodass es zu einer Mangelernährung kommen kann, aber dagegen gibt es Vitamintabletten. Und man kann auch psychisch leiden, weil das plötzliche Schlanksein zu Fragen und Kritik führen kann. Aber bei mir lief alles gut. Mein Magen ist jetzt nur noch etwa so gross wie eine Banane, und der Eingriff hat auch meinen Hormonhaushalt verändert, sodass ich nun ein Sättigungsgefühl spüre, wenn ich etwas esse. Ich kann zum Beispiel höchstens ein Stück Brot aufs Mal essen.

René, du hast dir das mit der Operation ja auch überlegt...

René: Ja, aber dann habe ich mich genauer informiert. Und wenn ich höre, dass man danach nur noch so wenig aufs Mal essen darf, schreckt mich das eher ab. Ausserdem habe ich jetzt auch so schon gewisse Erfolge beim Abnehmen, das motiviert mich sehr, jetzt erst mal diesen Weg weiterzugehen. Ich esse so gerne, darauf möchte ich nicht verzichten.
Jasmin: Verstehe ich total. Man muss einfach wissen, dass das nach der Operation nur noch eingeschränkt geht.
Samuel: Mein Papi macht sich halt Sorgen und hat auch schon gesagt, wenn es so weitergeht, müssen wir über eine Magenverkleinerung nachdenken. Ich versuche es lieber auf andere Weise, aber im Moment wird es eher wieder etwas kritischer. Zwischendurch nehme ich schon ein wenig ab oder bin eine Zeit lang stabil, aber dann nehme ich auch wieder zu.

Es ist nicht einfach alles perfekt, nur weil man dünner ist.

Jasmin, hast du dir vorgestellt, wie dein Leben nach der Operation aussehen wird?

Jasmin: Ich dachte, dass ich nie mehr Probleme haben würde und das Leben einfach nur super sein wird – das habe ich wirklich geglaubt, ehrlich (lacht). Aber natürlich bleiben ein paar Probleme die gleichen. Und es kommen neue dazu, zum Beispiel bei der Arbeit. Es ist nicht einfach nur alles perfekt, nur weil man dünner ist. Auch körperlich gibt es Nachteile. Die Haut ist nicht mehr ganz so straff wie vorher. Aber ich höre praktisch nie mehr, ich sei fett oder auch nur dick. Kleider kaufen ist auch viel schöner geworden, ich kann jetzt Dinge kaufen, weil sie mir gefallen, nicht nur weil sie gerade zufällig in der Grösse passen. Und ich kann mich auch besser bewegen.

Hast du die Operation auch schon mal bereut?

Jasmin: Als ich zum ersten Mal Kuchen gegessen habe nach der Operation, habe ich das gar nicht vertragen und die Operation in dem Moment schwer bereut. Aber ich hätte einfach eine kleinere Portion nehmen oder dazu etwas trinken sollen. Die Bilanz ist schon sehr gut. Man muss sich einfach vorher gut informieren.

Wo seht ihr euch in zehn Jahren?

René: Vielleicht wiege ich bis dann nur noch 100 Kilo, das sollte möglich sein, mit guter Ernährung und Sport. Ich muss einfach dran bleiben. Ich möchte Psychologie studieren und werde vielleicht die Uni hinter mir haben. Mit weniger Gewicht werde ich hoffentlich leichter akzeptiert und habe ein besseres Selbstwertgefühl. Und ich kann vielleicht wieder mehr Sport machen, das vermisse ich sehr.
Jasmin: In zehn Jahren seh ich mich noch etwas dünner als heute, auf meinem Wunschgewicht, und fit. Ich kann mir vorstellen, auch beruflich noch einen neuen Weg einzuschlagen. Jetzt, da ich etwas schlanker bin, habe ich vielleicht auch Chancen in anderen Bereichen und werde nicht mehr so schnell abgewiesen.
Samuel: Ich wollte lange Polizist werden, aber ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass das wegen meines Gewichts wohl nicht geht. Jetzt habe ich Lust, Koch zu werden. Ausserdem hoffe ich sehr, bis in zehn Jahren mein Normalgewicht erreicht zu haben. Andere schaffen das, also kann ich das auch. Das würde mir im Alltag viele Vorteile bringen, vor allem wird es keine seltsamen Blicke mehr geben. Heute ist es, als ob ich im Gefängnis wäre – in zehn Jahren werde ich frei sein.

Autor: Yvette Hettinger