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06. August 2012

«Man muss sich wehren»

Jede dritte Frau und jeder zehnte Mann wurden am Arbeitsplatz schon sexuell belästigt. Das zeigt eine Studie der Universität Lausanne. Urs Burgunder von HR Swiss glaubt an eine grosse Dunkelziffer.

Urs Burgunder
Urs Burgunder (59) ist Präsident von
 HR Swiss, der Schweizerischen Gesellschaft für Human Resources Management, und Personaldirektor bei Kelly Services (Schweiz) AG. (Bild: zVg.)

1. Urs Burgunder, eine Studie der Universität Lausanne zeigt, dass sich jeder zehnte Mann in der Deutschschweiz sexuell belästigt fühlt. Überrascht Sie diese hohe Zahl?

Ich bin jetzt mehrere Jahrzehnte im HR-Bereich tätig und hatte noch nie mit einem solchen Fall zu tun.

2. Die Resultate einer Universitätsstudie sollten eigentlich seriös sein.

Das würde ich nie in Abrede stellen. Allerdings spielt es eine grosse Rolle, wie eine Studie durchgeführt wird. Bei anonymen Befragungen sind die Personen, in diesem Fall die Männer, noch schnell einmal bereit, etwas zu bejahen. Bei der Personalabteilung landen solche Vorfälle dann aber nicht oder nur in seltenen Fällen.

3. Vielleicht auch, weil sich Männer durch eine Anmache gebauchpinselt fühlen?

In einer ersten Phase reagiert ein Mann im Gegensatz zu einer Frau eher noch positiv. Erst in einer zweiten Phase wird es dann auch dem Mann lästig. Das hängt aber davon ab, ob die Anmache von einem Mann oder einer Frau ausgeht und wieweit es geht. Ob es mit dauernden SMS oder Besuchen zu Hause das betriebliche Verhältnis übersteigt. Und schliesslich stellt sich die Frage, ob es sich um sexuelle Belästigung oder eher um Stalking handelt.

4. Was kann man als Belästigter tun?

Auf alle Fälle sollte man sich wehren und mit dem Belästiger das Gespräch suchen. Der Person klar sagen, das will ich nicht, das stört mich. Wenn das nichts nützt, bleibt nur der Weg zur Personalabteilung, um da um Hilfe zu fragen. Denn gemäss einem Entscheid des Bundesgerichts sollte es in jedem Betrieb eine interne Richtlinie geben, wie man vorgehen und an wen man sich wenden sollte. Aber natürlich ist eine sexuelle Belästigung etwas sehr Persönliches. Ich bin überzeugt, dass es eine grosse Dunkelziffer gibt und manche lieber den Arbeitsplatz wechseln, statt sich zu wehren.

5. Gibt es Branchen, in denen sexuelle Belästigungen besonders häufig auftreten?

Sexuelle Belästigung ist nicht nur an bestimmte Branchen gebunden, sondern viel mehr vom Mann-Frau-Mix abhängig. Ob Bank, Versicherung oder IT-Betrieb spielt keine Rolle: In einem geschlechtlich durchmischten Büro, in dem man eng zusammenarbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit einer Belästigung bedeutend grösser als auf einer Baustelle. Zusätzlich trägt man im Büro eher lockere Kleidung, was das Ganze fördern kann.

Der «20 Minuten»-Beitrag zum Thema.
Der «20 Minuten»-Beitrag zum Thema.

Die Quelle:

Den ganzen Beitrag von «20 Minuten», der Anstoss zu den Fragen lieferte, lesen Sie hier

Autor: Thomas Vogel