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18. Juni 2012

Man muss Nein sagen lernen

Eine repräsentative Umfrage der Swisscom zeigt: 57 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind auch in der Freizeit fürs Geschäft verfügbar. Jeder Dritte fühlt sich beruflich gestresst. Fünf Fragen zum Thema an Dieter Kissling, Geschäftsleiter des Ifa-Instituts für Arbeitsmedizin, sowie der Artikel, der den Anstoss zu den Fragen lieferte.

Dieter Kissling (56) ist Geschäftsleiter des Ifa-Instituts für Arbeitsmedizin in Baden AG.
Dieter Kissling (56) ist Geschäftsleiter des Ifa-Instituts für Arbeitsmedizin in Baden AG.

Dieter Kissling (56) ist Geschäftsleiter des Ifa-Instituts für Arbeitsmedizin in Baden AG.


1. Dieter Kissling, viele sind auch in ihrer Freizeit fürs Geschäft ständig erreichbar. Wie hat sich unser Verhältnis zur Arbeit verändert?

Zwar sagen viele, sie würden gern weniger arbeiten, aber sie tun es nicht — selbst wenn es möglich wäre. Der Wunsch nach Kontrolle, die Angst, der Berg an Arbeit werde in ihrer Abwesenheit unüberschaubar, aber auch der Kampf um gesellschaftliche Anerkennung sind Gründe dafür, warum sie auch in der Freizeit Mails checken. Die Arbeit ist längst zu einem sinnstiftenden Element in ihrem Leben geworden.

2. Welche Auswirkungen hat diese ständige Erreichbarkeit?

Es besteht die Gefahr, seine Balance zu verlieren. Wir sprechen hier von der Life-Domain-Balance, also vom Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Lebensbereichen, zu denen auch die Arbeit zählt.

3. Was bedeutet ein solches Ungleichgewicht langfristig für Körper und Seele?

Erste Anzeichen sind typische Stresssymptome wie Schlafschwierigkeiten, Magen-Darm-Probleme und Kopfschmerzen. Hinzu kommen Vergesslichkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Mit der Zeit führt das zu einem Burn-out-Prozess und letztendlich in eine Depression. Psychische Erkrankungen haben in den letzten zehn Jahren als Ursache von Arbeitsunfähigkeiten messbar zugenommen.

4. Wie kann ich dem vorbeugen?

Man muss lernen, umsichtig mit den eigenen Kräften zu haushalten und auch mal klar Nein zu sagen. Falls der Chef ständige Erreichbarkeit tatsächlich verlangt, muss das entsprechend entlöhnt oder kompensiert werden. 65 Prozent der Berufstätigen, die ausserhalb der regulären Arbeitszeit erreichbar sind, tun dies jedoch freiwillig. Es geht mittlerweile weniger darum, wo ich arbeite oder wie lange, sondern darum, ob ich ein bestimmtes Ziel erreiche. Das gibt zwar grössere Freiheiten, verwischt aber die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.

5. Sie sind selbst Chef von 90 Mitarbeitern.

Ich sage klar, dass ich diese Erreichbarkeit nicht verlange und auch nicht will. Selbst wenn ich mal an einem Sonntag ein Mail schreibe, erwarte ich nicht, dass das ausserhalb der normalen Arbeitszeit beantwortet wird.


Viele sind beruflich ständig erreichbar. 37% sind sogar während der Ferien für ihren Job da. «20 Minuten»-Online-Artikel vom 6. Juni.
Viele sind beruflich ständig erreichbar. 37% sind sogar während der Ferien für ihren Job da. «20 Minuten»-Online-Artikel vom 6. Juni.

Die Quelle
Den ganzen «20 Minuten»-Online-Artikel, der den Anstoss zu den Fragen lieferte, lesen Sie hier .