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12. Dezember 2016

Man kann sich zu Tode essen

Mit erfrischendem britischem Humor erklärt Mark Fox, was im Körper passiert, wenn man sich so richtig den Bauch vollschlägt. Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews (siehe «Weitere Artikel zum Thema»), wie man über die Festtage esesn sollte.

Mark Fox vom Basler Claraspital.
Mark Fox vom Basler Claraspital.

Mark Fox, die Festtage stehen bevor. Was essen Sie und Ihre Familie traditionsgemäss?

Unsere Familie ist eine bunte Mischung. Ich bin Doppelbürger mit einem englischen Vater und einer Schweizer Mutter, meine Frau ist eine in Basel geborene Deutsche. Am 24. Dezember essen wir eine Fischsuppe, weil mein Schwiegervater Tscheche ist: Die Tschechen lassen vor Weihnachten Karpfen in der Badewanne schwimmen. Wir können den Fisch zum Glück ganz einfach in der Migros kaufen. Am Weihnachtstag gibt es eine mit Äpfeln und Kräutern gestopfte Gans, dazu Rotkraut, Kastanien und Brat­kartoffeln – ­anstelle des Truthahns, wie es in England üblich ist.

Was trinken Sie dazu?

Am liebsten Bier. Zum Anstossen gönnen wir uns Champagner, danach öffnen wir auch Rotwein.

Trinken Sie Bier, weil es schmeckt oder weil es die Verdauung anregt?

Weil es schmeckt, aber auch, weil Alkohol ein Geschmacksverstärker ist. Er regt ausserdem den Appetit an und entspannt den Magen vor dem grossen Essen. Man muss in Kauf nehmen, dass dieser Effekt auch die Magenentleerung verlangsamt, sodass sich später eventuell ein Völlegefühl und vielleicht auch Sodbrennen einstellen.

Also kann man mit Bier oder Wein mehr essen?

Ja. Denken Sie daran, wie Sie unter Alkoholeinfluss viel zu viele Erdnüsse und Chips konsumieren. Und wegen des Alkohols essen Sie nicht nur zu viel, sondern führen zusätzlich überproportional viele Kalorien zu sich. Denn nach Fett hat Alkohol am meisten Kalorien pro Gramm. Er sorgt aber nicht für ein Sättigungsgefühl wie andere Nahrungsmittel. Meine Frau sagt, dass wir mit Mitte 40 weniger Kalorien zu uns führen sollten. Das heisst auch weniger Alkohol, dafür guten. So geniessen wir über die Festtage immer Ruinart-Rosé-Champagner, den wir an unserer Hochzeit getrunken haben.

Was verdaut der Körper am einfachsten?

Einfache Zuckerarten oder Kohlenhydrate, wie man sie in Reis oder Kartoffeln findet. Weizenprodukte wie Brot oder Pasta sind viel schwerer zu verdauen.

Immer mehr Menschen vertragen Produkte mit Gluten nicht. Warum eigentlich?

Ja, das ist in aller Munde. Ich persönlich glaube, dass bei den meisten dieser Konsumenten nicht Gluten das Problem ist, sondern dass es komplexe Kohlenhydrate in Weizenprodukten sind, die zum Teil unverarbeitet vom Dünn- in den Dickdarm gelangen. Die Fermentation dieser Rohstoffe durch Darmbakterien produziert Gas, das bei sensiblen Menschen zu Blähungen und Stuhlunregelmässigkeit führt. Auch in Apfel, Birne, Zwiebel, Knoblauch und künstlich gesüssten Produkten wie Softdrinks und Kaugummi sind schwer zu verdauende Substanzen zu finden.

Aber Kaugummi regt doch die Verdauung an.

Good Point. Ja, und er produziert viel Speichel. Kaugummi hilft auch bei Sodbrennen und saurem Aufstossen, weil der produzierte Speichel die aggressiven Magensäuren verdünnt. Und er ist gut für die Zähne, sofern er zuckerfrei ist.

Wann merkt der Körper, dass man zu viel gegessen hat?

Das Völlegefühl stellt sich leider erst 20 bis 30 Minuten nach der Nahrungsaufnahme ein. Das ist richtig fies, denn in dieser Zeit kann man eine ganze Mahlzeit verschlingen. Erst dann sendet nicht nur der Magen, sondern auch der Dünndarm Sättigungssignale aus. Fettige Kost führt übrigens zu stärkerem Völlegefühl und Refluxbeschwerden als andere Nährstoffe. Deswegen empfehle ich Patienten mit Verdauungsproblemen, eher ein süsses statt fettiges Dessert zu wählen.

Zu viel essen tut nicht gut. Andererseits ist ein satter Mensch ein glücklicher Mensch.

Wenn man gesund ist, ist das tatsächlich so. Man sieht ja, wie glücklich ein sattes Kind ist. Umso tragischer ist es für Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden, dass sie das Sattsein nicht geniessen können. Der Grund für das schnelle Essen ist der Höhlenbewohner, der noch immer in uns steckt. Für ihn war es überlebensnotwendig, so schnell wie möglich den Magen zu füllen. Wenn er dafür zu lange brauchte, machten ihm Feinde oder die Verwandten das Essen streitig. Aber ­heute leben wir in einer Gesellschaft mit einem Überangebot an Essen. Auch deshalb werden die Menschen immer dicker.

Das heisst, dass man über die Feiertage möglichst langsam essen sollte?

Genau. Aber man sollte an Weihnachten auch mal das tun, was einen glücklich macht – und nicht unbedingt an die Taille denken. Klar ist: Ab einem gewissen Alter verbrennen wir die Kalorien weniger gut. Und deshalb sind Mamis und Papis ein bisschen beleibter.

Kann man sich auch zu Tode essen?

Well, der Magen wird nicht platzen wie bei «Monty Python» … Wirklich gefährlich wird es jedoch, wenn nach einem zu üppigen ­Essen ein Brechreiz einsetzt und die Speise­röhre wegen der Wucht der heraufgewürgten Essensbrocken reisst. Das ist sehr selten, kann aber tödlich sein. Man kann sich also durchaus zu Tode essen.

Haben es die Verdauungssysteme von Vegetariern oder Veganern an Festtagen leichter?

Nicht unbedingt, denn einige reichern das Essen mit pflanzlichem Fett oder Zucker an, um so den Geschmack einer Mahlzeit auf­zuwerten – sie wird dann genauso kalorienreich wie ein Hackbraten! Der menschliche Körper verdaut Gemüse nicht so effizient wie etwa Fleisch, Fisch, Eier, Käse und Joghurt. Man muss auch damit rechnen, dass der Verdauungsprozess von vielen vegetarischen Speisen mehr Gase produziert. Aber wer sich jahrzehntelang von Rohkost ernährt, reduziert das Risiko verschiedener Erkrankungen, zum Beispiel das von Dickdarmkrebs.

Der Volksmund sagt, Käse schliesse den Magen. Hat er recht?

Ja. Käse enthält viel Salz und Fett und wird deswegen langsam aus dem ­Magen entlassen. Ich führte vor sechs Jahren einen Test mit Probanden durch, um herauszufinden, was man am besten zu Fondue trinkt. Die eine Hälfte konsumierte Tee, die andere Alkohol. Wer Käse und Alkohol geniesst, bekommt einen nahezu gelähmten Magen, wobei die Leute, die an dieser Studie teilnahmen, nicht über Beschwerden klagten. Tee dagegen enthält sehr viele Stoffe, die wahrscheinlich gesundheits- und verdauungsfördernd sind. Keine Rolle spielt, ob das Getränk kalt oder warm ist, weil es sich innert Sekunden nach dem Konsum dem 37 Grad warmen Mageninhalt angleicht.

Was tragen Zigaretten und Kaffee zur Verdauung bei?

Beide Mittel regen die Verdauung an; Magen und Darm entleeren sich schneller. Wir kennen das aus dem Alltag: Man trinkt einen Kaffee und geht danach auf die Toilette. Beim Rauchen verhält es sich ähnlich.

Die Römer erbrachen nach üppigen Gelagen bewusst.

Das würde ich nicht empfehlen, denn wenn man das Erbrechen selbst auslöst, kommt mit dem Essen viel Säure hoch, und wir wissen von der Bulimie, dass dies dem Rachen und den Zähnen schadet. Die Römer ­wurden durchschnittlich auch nur gut 40 Jahre alt. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob sie gesunde Lösungen zu bieten hatten.

Nächstes Jahr forschen Sie über die Einflüsse des Kakaos auf das Hirn und den Darm. Mit welchen Ergebnissen ist zu rechnen?

Die Forschung über dunkle Schokolade erlebt momentan eine Blütezeit. Die dunkle Schokolade scheint sich trotz eines Fettanteils von 50 Prozent günstig auf den Stoffwechsel von Diabetes- und Herzkranken auszuwirken. Es scheint sogar, dass die Schokolade das Risiko minimiert, an Demenz zu erkranken. Welchen Effekt sie auf die Verdauung und auch auf die Gehirnfunktion hat, wollen wir nächstes Jahr herausfinden. Die Studie wird übrigens von Chocolat Frey unterstützt.

Wie ernähren Sie sich? Was mögen Sie besonders?

Ich wohne gern in der Schweiz. Das Essen hier ist tatsächlich viel besser als auf der Insel. Die Gerichte im Personalrestaurant des St. Claraspitals sind unvergleichlich besser als in englischen Krankenhäusern. Das war ein Graus! Ich geniesse auch die lokalen Spezialitäten, zum Beispiel Raclette und Fondue. An Weihnachten esse ich neben Gans viel Schokolade (lacht). Ich vermute übrigens, dass die Paprikachips eine Substanz enthalten, die wirklich süchtig macht. Im Allgemeinen teile ich die Auffassung von Aristoteles, der die Mitte zwischen zwei Extremen als richtiges Mass bezeichnete. Die Engländer sagen dazu: «Everything in moderation, including ­moderation» («alles mit Mass, auch das Mass») – sonst wird das ­Leben langweilig.

Autor: Yvette Hettinger, Reto E. Wild

Fotograf: Kostas Maros