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05. Mai 2014

Man ist nicht gleich handysüchtig

Die Nuzung von Smartphone-Apps steigt sprunghaft. Von einer Sucht würde Medienpsychologe Daniel Süss aber nicht sprechen. Sind Sie handysüchtig? Machen Sie mit bei unserer Umfrage.

Der ständige Blick aufs Handy ist nicht in jedem Fall bedenklich
Der ständige Blick aufs Handy ist nicht in jedem Fall bedenklich.

Die Zahlen lassen aufhorchen: Innert Jahresfrist habe sich die Anzahl Handysüchtiger weltweit mehr als verdoppelt, von 79 Millionen 2013 auf 176 Millionen 2014. Das hat das amerikanische Marktforschungsunternehmen Flurry herausgefunden. Zu den exzessiven Smartphonenutzern gehören vor allem Teenager und Studenten, aber auch Personen mittleren Alters. Als süchtig eingestuft wurde, wer mehr als 60 Mal pro Tag auf dem Handy eine App nutzt.

Deshalb bereits von Sucht zu sprechen, hält der Zürcher Medienpsychologe Daniel Süss (51) für falsch: «Wir schauen ja auch immer wieder auf die Uhr, würden das aber sicher nicht als Sucht bezeichnen.» Die Häufigkeit, mit der man etwas tut, sei für sich allein noch kein ausreichendes Kriterium. «Für süchtiges Verhalten müssen weitere Faktoren hinzukommen: Entzugserscheinungen bei Abstinenz, die Qualität des Lernens oder der Arbeit nimmt ab, das Verhalten und die sozialen Kontakte werden eingeengt, weil Betroffene nur noch an ihr Smartphone denken.»

Daniel Süss ist Mitautor einer im Jahr 2012 veröffentlichten Studie zum Thema Handysucht in der Schweiz. Diese zeigte: Knapp fünf Prozent der 12- bis 19-Jährigen sind handysüchtig. «Diese Zahl dürfte in der Zwischenzeit kaum weiter gewachsen sein», sagt Süss – und widerspricht damit dem eingangs erwähnten Befund von Flurry.

Den Grund für die rasante Zunahme bei der Nutzung von Apps vermutet er bei der rasch gewachsenen Bedeutung der Social-Media-Apps auf den Smartphones. «Bei sozialen Medien wie Facebook oder Instagram ist zahlreiches Posten von Nachrichten und Liken von Bildern Kernelement. Entsprechend häufig erhalten Nutzer Signale, dass etwas Neues eingetroffen sei», sagt Süss.

Trotzdem: Verharmlosen will der Medienpsychologe die ständig Aufmerksamkeit einfordernde Rolle von Smartphones oder Tablets nicht. «Wir müssen darauf achten, die weiter zunehmenden Angebote selbstbestimmt zu nutzen», sagt Daniel Süss. «Selber steuern, statt gesteuert werden – das ist eine Medienkompetenz, die in der Schule und zu Hause vermittelt werden muss.»

Autor: Daniel Schifferle

Fotograf: Person mänlich