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15. September 2014

«Mami arbeitet nicht, sie gibt Workshops»

Wenn Frauen Mütter werden, geraten Beruf und Karriere oft unter Druck. Einige gründen kurzerhand ein eigenes Unternehmen, um Beruf und Familie unter einem Dach zu vereinen. Das Migros-Magazin hat drei erfolgreiche «Mompreneurs» besucht. Kennen Sie auch Mompreneurs?

Carmen Lippuner-Thaddey mit ihren beiden Töchtern Mia (links) und Jael.
Carmen Lippuner-Thaddey mit ihren beiden Töchtern Mia (links) und Jael. Die Kinder helfen gerne mit.

Seit meine Mama nicht mehr im ‹Montana› ist, arbeitet sie nicht mehr. Sie gibt nur noch Workshops», sagt Jael (7). Ihre Mama lächelt und zwinkert der erstaunten Nachbarin zu. Heute morgen ist Carmen Lippuner-Thaddey (39) aus Meggen LU um 6.30 Uhr aufgestanden und hat kurz Geschäftsmails gecheckt, bevor sie ihre Töchter für die Spielgruppe und den Kindergarten fertig gemacht hat.

Am Vormittag hat sie Kundenanfragen beantwortet, nebenbei Wäsche gewaschen und das Mittagessen gekocht. Nach dem Essen wird sie mit Jael und Mia (4) den Nachmittag verbringen, in ihrem Lager schnell ein, zwei Pakete packen und zusammen mit den Mädchen zur Post bringen.

Ihr eigentlicher Arbeitstag beginnt aber abends, wenn ihr Mann nach Hause kommt und die Töchter ins Bett gehen: Seit sie 2013 ihre Stelle als Key-Account-Managerin im Luzerner Art-déco Hotel Montana gekündigt hat, gibt sie unter dem Namen «Carmens Cupcake» Workshops und vertreibt in einem Onlineshop Zubehör für die Zubereitung der fantasievoll gestalteten Törtchen. Dass ihre Mädchen das nicht als Arbeit empfinden, freut die zweifache Mutter: «Genauso soll es sein.»

Jedes vierte Unternehmen wird von einer Frau gegründet

In der Schweizer Geschäftswelt macht ein neuer Begriff von sich reden: Mompreneurs werden Frauen wie Carmen Lippuner-Thaddey genannt, die sich nach der Geburt ihres Kindes für die Selbständigkeit entscheiden. Das englische Wort ist eine Kombination aus Mom und Entrepreneur und bedeutet auf Deutsch in etwa «Mutterunternehmerin». Und davon gibt es hierzulande tatsächlich immer mehr. So wurde laut einer Erhebung der Gründerplattform Startups.ch 2013 jedes vierte Unternehmen von einer Frau gegründet. 1993 waren es lediglich fünf Prozent. «Rund die Hälfte davon sind auf Mütter zurückzuführen, die sich selbständig machen», schätzt Startups.ch-CEO Michele Blasucci (39).

Workshops mit der Cupcake-Expertin sind gefragt.
Workshops mit der Cupcake-Expertin sind gefragt.

Die Gründe für den Schritt in die Selbständigkeit sind für Clivia Koch (56), Präsidentin des Verbands Wirtschaftsfrauen Schweiz, naheliegend: «Gerade hochqualifizierten Frauen wird die Rückkehr nach der Babypause erschwert. Teilzeit ist selten möglich, und wer doch zu 60 Prozent zurückkehren kann, merkt häufig schnell, dass er als vollwertige Arbeitskraft nicht mehr ernstgenommen wird.» Entscheidet sich Frau stattdessen für die alte Vollzeitstelle, hat sie oft trotzdem das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können. Denn während die kinderlosen Kollegen noch um 20 Uhr ein Meeting abhalten, möchte die Mutter nicht auch noch den Gutenachtkuss dem Partner oder der Nanny überlassen. Das stresst und frustriert.

Anna-Livia von der Heydte (30) aus Luzern hatte früher als Unternehmensberaterin 10- bis 14-Stunden-Tage. 2010 zog sie von München in die Schweiz. Der Liebe wegen. Eine neue Anstellung war schnell gefunden. Die Stelle hielt aber nicht, was sie versprach. Anna-Livia von der Heydte kündigt, schreibt erneut Bewerbungen – und wird prompt schwanger. «Mir war klar, dass ich in meinem Traumjob keine wirkliche Chance mehr auf eine Festanstellung habe. Aber selbst wenn: Ein Job in meiner alten Branche hätte keine Zeit für Familie gelassen: Teilzeit, geregelte Arbeitszeiten? Kaum möglich!», sagt sie.

Aber ganz zu Hause bleiben will sie nicht, lieber selbst etwas auf die Beine stellen. 2012 macht sie ihr Hobby zum Beruf und gründet das Modelabel Plurabelle ( www.plurabelle-fashion.com ), entwirft Jacken und Kleider. Wenige Monate später kommt ihr Sohn Leo-Ferdinand zur Welt. Sie arbeitet, wenn das Baby schläft, entwirft die ersten zwei Musterkollektionen und bringt sie 2013 auf den Markt.

Dann kommt der Wunsch, sich beruflich neu zu erfinden

Flexible Arbeitszeiten, kurze Wege, die Freiheit, einen Auftrag auch mal abzulehnen, wenn er gerade nicht in den Zeitplan passt, sind Faktoren, die laut Michele Blasucci die Selbständigkeit nach der Babypause so attraktiv machen. Oft kommt dann noch der Wunsch dazu, sich in der neuen Lebensphase auch beruflich neu zu erfinden.

Bei Roberta Zingg (37) aus Gossau SG war das so. Nach der Geburt ihres Sohnes Nils 2007 ging sie allerdings erst einmal wieder in ihren alten Job als Kaufmännische Angestellte beim Kanton St. Gallen zurück. «Zu 40 Prozent, mein Arbeitgeber war so flexibel», erinnert sie sich. Als sie dann 2009 mit Zwillingen schwanger ist, kündigt sie die sichere Stelle. «Drei Kinder fremdbetreuen lassen, das war keine Option. Ich wollte voll und ganz Mami sein. Ausserdem war da noch die Idee für ein anderes Projekt, ein Herzenswunsch.»

Zusammen mit ihrer Freundin Corinne Müller (35), selbst zweifache Mutter, gründet sie Ende 2012 den Onlineshop Stadtlandkind.ch, mit dem sie hochwertige Kindermode vertreibt. Nebenberuflich mit an Bord sind auch die beiden Ehemänner. Das Startkapital wird in den Familien gesammelt. «Natürlich war das ein Risiko, du mietest einen Lagerraum, kaufst eine ganze Kollektion ein, ohne einen einzigen Kunden zu haben», erinnert sich Roberta Zingg. Versand, Marketing, Webdesign, die Aufgaben sind klar verteilt, gearbeitet wird von zu Hause aus. Roberta Zingg ist für den Einkauf, das Marketing und die Kommunikation mit den Labels zuständig. Ein Fulltimejob. Ihre Kernarbeitszeit: 20 Uhr bis Mitternacht, manchmal auch länger, wenn es sein muss. Auch am Wochenende treffen sich die beiden Familien. Die Kinder spielen zusammen, während die Eltern arbeiten.

Natürlich sei der Shop immer präsent, wichtige Geschäftsmails müssen auch zwischendurch beantwortet werden, trotzdem habe sie heute mehr Zeit für ihre Buben als früher, findet die Unternehmerin. Das Geschäftsmodell geht auf, erst kürzlich ist Stadtlandkind.ch mit dem «Swiss E-Commerce Newcomer Award» ausgezeichnet worden. Zu verdanken haben die vier den Erfolg ihrem Enthusiasmus, Fleiss und der gründlichen Vorbereitung im Vorfeld der Unternehmensgründung. Sagt Roberta Zingg.

Start-up-Experten wie Michele Blasucci bestätigen, wie wichtig eine gründliche Markt- und Konkurrenzanalyse sowie ein gut ausgearbeiteter Businessplan sind. «Nach fünf Jahren ist jedes zweite Unternehmen wieder vom Markt. Die Gründe liegen meist in einer ungenügenden Vorbereitung», sagt er.

Aber Hand aufs Herz, die Realität sieht bei den Mompreneurs oft anders aus. Carmen Lippuner-Thaddey steht in ihrer Küche in Meggen und hebt kleine Törtchen in weisse Pappkartons. «Carmens Cupcake war eine rein emotionale Sache, da war nichts am Reissbrett entworfen», sagt sie. Angefangen hat alles mit einer USA-Reise vor drei Jahren. Dort habe sie die Cupcake-Kultur kennen- und lieben gelernt.

Wieder zu Hause, backt sie für Freunde und Bekannte was das Zeug hält und wird schon bald auf ihre zuckersüssen Törtchen angesprochen, unter anderem vom Frauenverein Meggen. «Sie haben mich gefragt, ob ich in ihrem Raum nicht Workshops über die Zubereitung geben wolle», sagt Carmen Lippuner-Thaddey. «Klar wollte ich!» Die Nachfrage ist riesig. So gross, dass sie sich entscheiden muss. Sie kündigt ihre 40-Prozent-Stelle im Hotel und macht sich selbständig. Ein finanzielles Risiko? «Nein, viel Startkapital brauchte es nicht, und das Gehalt meines Mannes reichte für den Familienunterhalt», sagt die zweifache Mutter. Eine privilegierte Situation.

Ausruhen will sie sich darauf nicht. Jede Woche gibt sie drei bis fünf Workshops, gründet den Onlineshop Carmenscupcake.ch. Bald schon stellt sie Frauen ein, die sie in Teilzeit unterstützen. «Sonst hätte ich meine Familie zu wenig gesehen, und genau das wollte ich nicht», sagt Carmen Lippuner­Thaddey. Es gibt Phasen, da arbeite sie sehr, sehr viel. Dafür hält sie sich die kompletten Schulferien für ihre Kinder frei. Das sei ihr wichtig.

Selbständigkeit verlangt viel Einsatz und Disziplin

«Es hört sich toll an, sein eigener Chef zu sein, aber man muss sich auch bewusst machen, wie viel Arbeit und Disziplin diese Arbeitsform erfordert», erklärt Michele Blasucci angehenden Gründern, die sich vom ihm beraten lassen. Diese Erfahrung musste auch Anna-Livia von der Heydte mit ihrem Modelabel Plurabelle machen. Sie reist viel geschäftlich, zu Messen, zu ihren Produzenten. Ihren Sohn nimmt sie mit. Bald stösst die junge Frau an ihre Grenzen und entscheidet sich, ein Au-Pair in die Familie zu holen, das auch auf Reisen dabei ist. Jetzt hat die Unternehmerin geregelte Zeiten, arbeitet von 9 bis 11.30 Uhr, von 14 bis 16 Uhr, und wenn es nötig ist, abends, nachdem Ihr Mann zu Hause ist und der Kleine schläft. Die restliche Zeit des Tages verbringt sie mit ihrem Sohn, macht den Haushalt. Im Juli bekam sie ihr zweites Kind. Bald soll es weitergehen mit einer neuen Kollektion.

Die Eltern arbeiten, die Kinder spielen (von links): Joan Müller, Roberta Zingg und Corinne Müller, die gemeinsam einen Online-Kindermodeshop betreiben, Tobias Zingg, Maelle und Christof Müller.
Die Eltern arbeiten, die Kinder spielen (von links): Joan Müller, Roberta Zingg und Corinne Müller, die gemeinsam einen Online-Kindermodeshop betreiben, Tobias Zingg, Maelle und Christof Müller.

Auch bei Carmen Lippuner-Thaddey stehen Veränderungen an. Sie zieht mit ihrem Team im Oktober in ein neues Ladenlokal, das gleich hinter dem Schulhaus in Meggen liegt. «So können die Mädchen nach der Schule ohne Probleme zu mir kommen», freut sie sich. Ihr Angebot noch weiter ausbauen möchte sie zurzeit nicht. Der Kinder wegen. Carmen Lippuner-Thaddey: «Als Freiberuflerin ist man öfter zu Hause, aber auch irgendwie unruhiger.» Trotzdem habe sie für sich den richten Weg gefunden, Berufung und Familie unter einen Hut zu bekommen. Nur zwischendurch Mails zu checken, möchte sie reduzieren. «Die Mädchen sollen mich nicht ständig am Handy sehen. Aber das schaffe ich auch noch», sagt sie und lacht.

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Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: Vera Hartmann