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03. Juni 2013

Mamas Monster

Symbolbild Wochenbettdepression
Mamas Monster: Wenn die frischgebackene Mutter das Elend plagt. (Bild: Buchcover)

Am sechsten Tag nach der Geburt ihres zweiten Kindes verlor sie ihr inneres Gleichgewicht und taumelte in den Abgrund. Sie hatte es nicht kommen sehen, und sie verstand auch nicht, warum es geschah. Das machte alles noch viel schlimmer. Sie weinte stundenlang, grübelte ohne Unterlass, sorgte sich unendlich über alles Erdenkliche. Das gesunde Baby in ihren Armen machte ihr Angst. Die Aufgabe, nun Mutter zweier hilfloser kleiner Wesen zu sein, überforderte sie. Sie sah nichts Schönes, nichts Gutes, nichts Tröstliches mehr. In ihrem Kopf wohnte ein Monster, das alles schwarzmalte. Die Hebamme, die sie daheim betreute, versuchte zu trösten. Sie sagte, sie kenne praktisch keine Wöchnerin, die nicht weine. Das sei sicher nur der harmlose Babyblues, ein kurzes Tief, das man dem Hormonabfall nach der Geburt zuschreiben könne.

Die Hebamme irrte sich. Leider. Sie ahnen es vielleicht schon: Die Frau, von der oben die Rede war, bin ich. Mir ging es nach Evas Geburt nicht gut. Als sich der Nebel auch zwei Wochen nach Beginn der Krise nicht lichtete, nahm der Teil von mir, der nach wie vor analytisch denken konnte, das Heft in die Hand. Ich meldete mich bei einem Psychiater, beschrieb die Symptome und erhielt neben der Diagnose Wochenbettdepression Hilfe. Ein Medikament brachte meinen entgleisten Hirn-Stoffwechsel wieder ins Lot. Ich brauchte ein wenig Geduld, aber schon nach wenigen Tagen fühlte ich mich etwas besser. Ich schraubte unter Anleitung meine enorm hohe Anspruchshaltung herunter und versuchte, gut zu mir zu sein. Obwohl es immer noch Phasen gab, in denen ich überfordert war, ging es nun bergauf. Nach ungefähr einem halben Jahr war der Spuk vorbei.

Damals, als alles um mich herum schwarz war, hatte ich das Gefühl, die einzige Mutter mit dieser Krankheit zu sein. Ich lag dermassen falsch! Laut Statistik entwickeln zirka 10 bis 15 Prozent der Mütter nach der Entbindung eine Wochenbettdepression. Das bedeutet, dass hierzulande Jahr für Jahr mehr als 10’000 Frauen betroffen sind. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher, denn viele Mamis kämpfen alleine gegen ihre Monster. Aus genau diesem Grund teile ich diese sehr intime Erfahrung mit Ihnen. Wenn wir, also wir Frauen, Männer, Mütter, Väter, Eltern, Geschwister, Freunde und Bekannte die Augen aufmachen und beherzt handeln, kann viel Leid verhindert werden. Die Symptome sind zwar vielfältig , es gibt aber eine grosse Gemeinsamkeit: Die Frauen gehen durch die Hölle. Es ist wichtig, frühzeitig einen Pflock einzuschlagen, um die Denkspiralen, die immer nur abwärtsführen, zu stoppen. Schauen Sie also nicht weg, wenn es in Ihrer Umgebung eine frisch gebackene Mutter gibt, der es nicht gut geht. Sprechen Sie über Ihre Beobachtungen, bieten Sie Hilfe an. Versuchen Sie jedoch nicht, selbst zu therapieren, sondern beziehen Sie Fachleute mit ein. Der erste Schritt ist immer der schwerste. Manchen Mamis genügt eine Familienentlastung oder eine psychotherapeutische Begleitung. In der Regel geht es aber nicht ohne medikamentöse Unterstützung. Gelegentlich ist es auch sinnvoll, Mutter und Kind für einige Wochen stationär zu betreuen. Wer übrigens glaubt, nur Wöchnerinnen seien gefährdet, der irrt. Psychische Probleme können bereits in der Schwangerschaft auftreten. Frauen sind in diesem Abschnitt ihres Lebens besonders verletzlich. Das hängt mit der hormonellen Veränderung, aber auch mit dem Lebenseinschnitt zusammen, den die Geburt eines Kindes markiert.

Es ist vermutlich gar nicht wichtig, warum eine Krise entstanden ist. Wichtig ist, dass schnell Hilfe kommt. Übrigens: Das Beste, was man für Kinder tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass es ihrer Mutter gut geht.

Autor: Bettina Leinenbach