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04. Juli 2016

Mama macht

Kolumnistin bei der «Stahlarbeit»
Ein Plädoyer für Freiräume: Die Kolumnistin bei der «Stahlarbeit».

Kinderlose haben es schön. Am Ende des Arbeitstags kommt der Feierabend: Füsse hoch, kühles Bierchen trinken, entspannen – toll! Ich habe hingegen das Gefühl, dass der Arbeitstag einer Mutter nie endet. (Und nein, die halbe Stunde, nachdem die Kleinen endlich im Bett sind und bevor Mami auf der Couch ins Koma fällt, zählt nicht …)
Wenn wir Frauen dann auch noch im Beruf bleiben möchten, wird es noch komplizierter. Unser Pflichtenheft ist prall gefüllt: Zwerge umsorgen, den Chef beeindrucken, den Garten pflegen, die kreativsten Kindergeburtstage organisieren, dazwischen noch schnell zum Impfen, das Haustier kraulen, und, und, und. Auch die besten Männer, die uns nach Kräften unterstützen, müssen zur Kenntnis nehmen, dass berufstätige Mütter ungefähr ein Pensum von 200 Prozent haben.

Bei mir war das jedenfalls so. Irgendwann war ich echt ausgebrannt. Es klingt widersprüchlich, aber genau das war der Moment, als ich merkte, dass ich ein Hobby brauche. Wenn Sie meine Kolumne regelmässig lesen, dann wissen Sie, dass ich seit einigen Jahren leidenschaftlich gerne nähe. Anfangs war das nur meine Ausrede, um ab und zu von Wickeltisch und Babybrei wegzukommen. «Ich nähe noch schnell den Saum fertig» war ein Code für «Ich bin am Anschlag und brauche eine Stunde nur für mich, ohne Stress und ohne Leistungsdruck». Herr Leinenbach verstand und sprang ein.

Natürlich werden jetzt viele Mütter sagen: «Wo um alles in der Welt soll ich die Zeit für ein Hobby hernehmen? Ich bin doch schon jetzt in Zeitnot.» Meine Antwort: Schafft euch diese Freiräume! Das Bad putzt sich auch noch zwei Tage später. Eine meiner Kolleginnen gestaltet beispielsweise Grusskarten, wenn das Baby schläft. Mittlerweile auf so hohem Niveau, dass sie ihre Werke für teures Geld verkaufen könnte. Aber darum geht es gerade nicht. Ein Hobby ist wie eine Auszeit vom Alltag, zwei Stunden an der Nähmaschine fühlen sich für mich wie zwei Tage auf einer Trauminsel an.

Zwischenzeitlich habe ich einen eigenen kleinen Näh-Blog, auf dem ich meine Werke zeige und mich mit Gleichgesinnten austausche. Das macht einen Riesenspass. Mein kleines Label heisst Stahlarbeit. Ich fand das noch schön, da man beim Nähen den Stoff mit Stahlnadeln durchsticht. Ida verstand hingegen nicht, warum ich mir gerade diesen Namen ausgedacht hatte: «Also ich hätte ein anderes Wort besser gefunden, zum Beispiel Stoffspass oder Nadelfreude oder so», meint sie.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Gerry Nitsch