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26. Mai 2014

Mama geht noch zur Schule

Eben spielten sie noch mit Puppen, jetzt ist es plötzlich ernst: Immer mehr minderjährige Mädchen werden Mutter. Drei Teenagermütter erzählen, wie sie das abrupte Ende ihrer Kindheit verkraften und mit der Mutterrolle klarkommen.

Noch drückt Jenny die Schulbank. In vier Monaten wird sie ihr Kind gebären. Dann beginnt für die 15-Jährige ein Leben, das herzlich wenig mit dem ganz normalen Alltag eines Teenagers zu tun hat.

In der Schweiz wurden zwischen 2001 und 2005 jährlich rund 320 Jugendliche Mutter. Zählt man die 19- bis 20-Jährigen dazu, sind es jährlich gar rund 700. «Bei Mädchen unter 17 steigen die Geburtszahlen deutlich», sagt Patricia Stohrer, Leiterin der Notrufzentrale der Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK). «Es liegt nicht nur an der Aufklärung. Teenager sind in diesem Alter auch risikobereit, sorglos und neugierig. Sie denken, ihnen passiere doch nichts.»

Jugendliche würden unter grossem Druck stehen, sexuelle Erlebnisse vorweisen zu können, erklärt sie weiter: «Diese gelten als Eintrittskarte in die Erwachsenenwelt.» Viele Jugendliche würden aber nicht richtig verhüten, obwohl in den Schulen aufgeklärt werde. Was in der Biologie gelehrt wird, bringen sie mit dem echten Leben oft nicht in Verbindung.
Teenager sind aber weder in ihrer Persönlichkeits- noch in der emotionalen Entwicklung auf die Mutterrolle vorbereitet. Meist müssen sie ihre schulische oder berufliche Ausbildung unterbrechen, und finanziell sind sie auf Unterstützung anderer angewiesen.

«In diesem Alter ist die Beziehung noch instabil. Deshalb schaffen es nur wenige Paare, in dieser Situation zusammenzuhalten», erklärt Susan Calderin, Sozialberaterin der Stiftung Mütterhilfe. «Probleme mit der Familie und mit dem Freund oder die Trennung von ihm können als Belastung für das Mädchen hinzukommen. Zudem werden manche Mädchen unbewusst schwanger, um in der schwierigen Ablösungsphase von den Eltern etwas zu haben, das ‹nur mir› gehört», so Susan Calderin weiter.

Die drei jungen Mütter Julia Gloor, Jennifer Bühler und Franziska Brügger wurden ungewollt schwanger. Gemeinsam mit ihrem Freund haben sie sich entschieden, das Baby zu behalten und es gemeinsam grosszuziehen. Das ist zwar mutig, aber nicht unproblematisch: Damit verzichten sie auf die grosse Freiheit, die andere Jugendliche in ihrem Alter erst zu geniessen beginnen.

Julia Gloor (17) mit Tochter Chanaey

Julia Gloor
Julia Gloor

Mit 17 wurde Julia Gloorschwanger. Vor vier Wochen, kurz vor ihrem 18.Geburtstag, brachte sie ihre Tochter Chanaey zur Welt. Die Geburt dauerte 15 Minuten. Für Julia dauerte diese Viertelstunde unendlich lang, und die Schmerzen waren fast unerträglich. «Ich hätte nicht gedacht, dass es so wehtun würde», sagt sie.
Bereits fünf Monate zuvor war Julia schon einmal schwanger. Damals brach sie die Schwangerschaft in der dritten Woche ab. «Wegen der Tabletten für den Schwangerschaftsabbruch bekam ich meine Mens lange nicht. Die Pille durfte ich in dieser Zeit aber auch nicht nehmen», sagt Julia. Dass sie wieder schwanger war, merkte sie, als die Mens ausblieb. Sie ging mit ihrer Mutter zum Frauenarzt und stellte fest, dass sie bereits im zweiten Monat war. «Da wusste ich nicht mehr weiter», sagt sie.

Ihr grösstes Problem: das Geld

Ihre finanzielle Lage war das grösste Problem. Julia hatte weder Schulabschluss noch Lehrstelle. Ihre Mutter, die im Verkauf und in der Alterspflege arbeitet, war auf Stellensuche und lebte von der Sozialhilfe. Julias Freund Willy (21) hatte kein Einkommen, da er die Diplomausbildung als professioneller Tänzer an einer Ballettschule absolviert. Und die Sozialhilfe wollte nichts bezahlen, da Julia noch nicht volljährig war.

Also wandte sich die 17-Jährige an die Stiftung Mütterhilfe. Nach einem Gespräch mit der Beratungsstelle entschied sie sich, das Baby zu behalten. «Ich empfehle jedem Mädchen in dieser Situation, sich professionell beraten zu lassen. Das hilft enorm, für sich die richtige Entscheidung zu treffen.»

Während der Schwangerschaft erlebte Julia keine negativen Reaktionen. Nur ihre Mutter erzählt, dass sie oft missbilligende Blicke gespürt habe, wenn sie mit ihrer Tochter unterwegs war: «Aber es waren eher die Jugendlichen. Die Erwachsenen reagierten positiv. Beim Einkaufen fragten sie, wann es denn so weit sei.»

«Es ging alles so schnell!», sagt Julia. «Ich wollte zwar schon immer früh Mutter werden, doch 17 ist schon etwas zu jung. Mit 19 hätte ich es mir gut vorstellen können, da hat man eine Lehre abgeschlossen und kann sich finanzielle Sicherheit aufbauen.»

Der Traum vom Modeln ist geplatzt

Julia hat viele Baby-Ratgeber gelesen und Videos zum Thema angeschaut. Natürlich gabs auch von ihrer Mutter hilfreiche Tipps. «Mama ist meine beste Freundin. Sie unterstützt mich, wo sie kann, und sie weiss, wovon sie spricht. Schliesslich hat sie meine Situation schon vorgelebt.» Julias Mutter war 19, als sie mit ihr im fünften Monat schwanger war und sich mit ihrem libanesischen Freund verlobte. Doch sie verliess ihn, weil er gleichzeitig eine andere Frau schwängerte. Julia kennt ihren Vater nicht.

Die Teenagerzeit hat Julia ausgelebt. «Mit 13 hatte ich bereits kein Problem, in die Disco reinzukommen», sagt sie. «Den Ausgang vermisse ich nicht. Ich habe die Zeit bereits hinter mir, die bei 18-Jährigen erst jetzt beginnt.» Julias Freundeskreis ist klein, denn sie hat sich zurückgezogen, als sie schwanger geworden war. «Eine Freundin von mir ist 20 und auch schwanger. Wir tauschen uns gern aus, haben aber nicht genug Energie, um uns oft zu treffen.»

Den Schulabschluss will Julia in einem Jahr unbedingt nachholen. «OhneAbschluss eine Lehrstelle zu finden ist praktisch unmöglich. Ich muss das letzte Schuljahr machen, damit ich auf eigenen Beinen stehen kann.»Am liebsten würde Julia Kosmetikerin werden. Aber auch als Modeverkäuferin würde sie sich wohlfühlen. Sobald sie eine Stelle gefunden hat, wird sie mit ihrem Freund zusammenziehen. «Früher wollte ich Model werden, doch dieser Traum ist jetzt geplatzt», sagt sie. «Man muss sich gut überlegen, ob man reif ist für die Verantwortung und ob man das Kind behalten will.»

Jennifer (15) ist im fünften Monat schwanger. Sie und ihr Freund Lukas (17) freuen sich auf ihr Baby.

Jennifer Bühler
Jennifer Bühler

Jennifer Bühler zeigt die Ultraschallbilder: «Die 18. Schwangerschaftswoche. Hier ist der Kopf, hier die Rippen. Hoffentlich wird es ein Mädchen.» Die 15-jährige Jenny und der 17-jährige Lukas sind seit einem halben Jahr zusammen. Ein einziges Mal haben sie beim Sex nicht verhütet. Sie dachten, das eine Mal würde schon nichts passieren. Jenny wurde schwanger.
«Ich hatte komisches Bauchweh und vermutete, dass ich schwanger bin. Schliesslich ging ich mit Mama zur Frauenärztin. Da war ich in der dritten Woche.»

Von dieser Nachricht vollkommen überfordert überliess es Jenny ihrer Mutter, Lukas zu informieren.Auch die Mutter war erst überrascht, bewahrte dann aber kühlen Kopf. «Das kommt schon gut», sagte sie und bestellte Lukas für den Abend zu ihnen nach Hause. Lukas freute sich riesig, dass er mit Jenny ein Kind bekam. «Wir behalten es, oder?», fragte er bange. Für Jenny und ihre Eltern war aber klar, dass die Ausbildung Priorität hat.

Einige Leute reagierten abschätzig

Lukas’ Eltern waren schockiert, aber gegen einen Abbruch. Seine Freunde konnten es nicht glauben. Jetzt können sie es aber alle kaum erwarten, dass das Kind da ist. Lukas’ Bruder findet es cool, mit 16 Onkel zu werden.

Im Sommer ist Jenny mit der Sek fertig. Sie hat schon eine Lehrstelle als Autolackiererin. Ihr Lehrmeister hat ihr angeboten, die Ausbildung im nächsten Jahr zu beginnen. «Hätte ich die Lehre nicht verschieben können, hätte ich die Schwangerschaft abgebrochen.» Die Schulfreunde reagierten unterschiedlich. «Einige haben sich distanziert. Andere – sogar einige Lehrer – freuen sich für mich.» Jennys Schwangerschaft spricht sich in Langenthal schnell herum. «Es tut weh, wenn Leute abschätzig reagieren», gesteht Jenny. «Einmal sagte ein kleiner Bub in unfreundlichem Ton: ‹Gell, du bist schwanger›, obwohl man es gar nicht sehen konnte.»

Jennys neue Wohnung ist noch kaum eingerichtet. Jenny ist mit ihrem älteren Halbbru der, dem Sohn vomPartner ihrer Mutter, in den Stock über den Eltern gezogen. Lediglich die Ultraschallbilder und ein Andenken an die Konfirmation im Mai schmücken die Wände.
«Daheim fühle ich mich noch wie ein Kind. Aber ich bin reifer geworden. Ich verstehe meine Mama jetzt, wenn sie sich Sorgen um mich macht. Ich stehe ihr nun sehr nahe.» Jennys Mama ist auch sehr jung, sie ist 34, Jennys Tante ist 22 und ebenfalls schwanger. Jenny telefoniert oft mit ihrer Tante, um über die Schwangerschaft zu reden. Die Freizeit gestalten Jenny und Lukas so lange wie möglich noch wie vor der Schwangerschaft. Jenny geht ins Bauchtanzen, trifft sich mit Freundinnen, Lukas rudert und geht ab und zu mit Freunden aus. Nach der Geburt will Jenny ein Jahr lang Hausfrau sein. Lukas schliesst im Sommer die Lehre als Zimmermann ab, dann zieht er zu Freundin und Baby. Anschliessend muss er die Rekrutenschule hinter sich bringen. Wenn Jenny 18 ist, wollen die beiden heiraten.

Franziska Brügger (17) und ihre vier Monate alten Zwillinge Soraya und Paula.

Franziska Brügger
Franziska Brügger

Am 1. April vor einem Jahr dachte sich Franziska einen ganz besonderen Scherz aus: Sie verkündete ihren Eltern, dass sie schwanger sei. Als sie zwei Wochen später feststellte, dass sie tatsächlich schwanger war, konnte sie nur leer schlucken. «Ich war geschockt. Und meine Familie noch viel mehr.» Franziska Brügger ist 17, als sie ihre Zwillinge bekommt, hat gerade die Sekundarschule fertig und sich auf verschiedene Lehrstellen in der Gastronomie und im KV beworben.
«Ich habe alle Zukunftspläne über den Haufen geworfen. Jetzt will ich erst einmal nur für meine Süssen da sein und die Zeit mit ihnen geniessen. Eine Lehre kann ich auch noch später machen, wenn die Mädchen im Kindergarten sind», sagt sie.

Unbewusster Babywunsch

Ihren Freund Karsten lernte sie mit 15 auf einem Mittelaltermarkt in Deutschland kennen. Er war ihr erster Freund und sieben Jahre älter als sie. Im Altersunterschied sehen die beiden aber nur Vorteile: Karsten ist in der Lage, auch finanziell für seine Familie aufzukommen. «Mein Freund und meine Familie standen von Anfang an hinter mir», erzählt Franziska, «meine Mutter ist Tag und Nacht für mich da, hilft mir, wo sie kann, und ist da, wenn ich selber am Ende meiner Kräfte bin.»

Franziska wurde gut aufgeklärt, von ihrer Mama und in der Schule. Trotzdem verhütete sie nicht. «Leichtsinnig», sagt sie heute. «Ich glaube, insgeheim habe ich mir die Babys gewünscht.»Auf ihre Schwangerschaft reagierten die Leute vorwiegend positiv. Doch es gab auch ein paar böse Überraschungen. «Das schlimmste Erlebnis war, als mir eine liebe Nachbarin eine Fehlgeburt wünschte. Sie sagte, ich würde mein Leben kaputt machen» – Franziska kann es heute noch nicht fassen.

Am 25. September, an ihrem 18. Geburtstag, werden sich Franziska und Karsten auf dem Standesamt das Jawort geben. «Wir wünschen uns noch ein Kind», sagt Franziska verliebt, «aber das erst später.»

Dieser Artikel wurde erstmals am 16. Juni 2008 publiziert.

Autor: Donika Gjeloshi

Fotograf: Anne Morgenstern