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02. Juli 2012

Magisches Val Mora

Vom hintersten Zipfel der Schweiz mit dem Mountainbike nach Italien: Die Tour vom Val Müstair nach Livigno führt durch solch einnehmende Landschaften, dass ein Beschrieb schwerfällt. Magie lässt sich halt nicht in Worte fassen.

Das Zollfrei-Dörfchen Livigno
Mit 1150 Höhenmetern in den müden Beinen dem Schlussziel entgegen: das Zollfrei-Dörfchen Livigno.

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Täderlisack, das git en gruusige Gschmack uf dinere Zunge, im Fall. Pass uf, susch bliibts der emal.» So trällert die Kinderband Schtärneföifi — und tatsächlich komme ich mir vor wie eine Petze, wenn ich hier von unserer Mountainbiketour von Santa Maria im bündnerischen Val Müstair via Val Mora ins italienische Livigno berichte. Denn so etwas sollte man für sich behalten, damit nicht zu viele Menschen diesen einsamen und aussergewöhnlichen Flecken Natur bevölkern.

Die Karte zur Route vom Münstertal übers Val Mora nach Livigno
Die Karte zur Route vom Münstertal übers Val Mora nach Livigno

Nach einer angenehmen Nacht im schmucken Dorf Santa Maria starten Reto (42) und ich (44) frühmorgens. Bei möglichst kühlen Temperaturen wollen wir die ersten 900 von insgesamt knapp 1400 Höhenmetern absolvieren. Noch stellt sich der «gruusige» Geschmack des Geheimnisverrats auf der Zunge nicht ein, aber staubtrocken ist sie. Denn die Strecke vom Val Müstair bis zum Punkt Döss Radond auf 2234 Metern führt pausenlos aufwärts. Glücklicherweise haben wir den Gepäcktransport-Service in Anspruch genommen (siehe rechts), so sind wir nur mit einem leichten Tagesrucksack ausgerüstet. Der Rest der Bagage bringt man uns mit dem Auto nach Livigno.

Je tiefer wir ins Val Mora hineinfahren, desto mehr packt es uns

Auf einem breiten Natursträsschen pedalen wir gut zweieinhalb Stunden stets im ersten oder zweiten Gang durch den Lärchenwald, vorbei an den Nordhängen des Piz Praveder und Monte Forcola, wo sich etliche Wasserfälle den Fels hinunterstürzen und von Schneefeldern verschluckt werden. Ausser Atem erreichen wir Döss Radond. Hier kamen früher die Säumer aus dem Veltlin mit Salz, Wein und Holz vorbei, und hier beginnt das Val Mora. Und man kann dem, was man schon vom einen oder anderen Täderlisack darüber gehört hat, nur beipflichten: «wildromantisch wie in Kanada» oder «das schönste Tal der Schweiz».

Karge Schönheit: Outdoor-Autor Üsé und Begleiter Reto bei der einsamen Mittagsrast im magischen Val Mora.
Karge Schönheit: Outdoor-Autor Üsé und Begleiter Reto bei der einsamen Mittagsrast im magischen Val Mora.

Von nun an geht es erst mal stets leicht bergab, immer entlang des Bächleins Aua da Val Mora, vorbei am Hochmoor bei La Stretta, und je tiefer wir in das Tal hineinfahren, desto mehr packt es uns. Und es mag etwas esoterisch klingen, doch dieser Ort verfügt über eine unerklärliche Magie. Natürlich ist es hier schön: die Bergkiefern, die Arven und die Alpwiesen mit blau blühendem Frühlingsenzian, gelben Butterblumen, violetten Veilchen und rosa Primeln. Herrlich sich windende Bächlein, stolz das Felsmassiv des Cucler da Jon dad Onsch, das über alles zu wachen scheint. Wunderbar die Einsamkeit. Doch die Magie des Orts rührt woanders her, ist auf einem Foto nicht festzuhalten. Wer hier etwas länger sitzt, ist bald weit weg — ein Gefühl, als gucke man in einer klaren Sommernacht lange in den Sternenhimmel und fühle sich dabei immer kleiner, unscheinbarer.

Ein Gefühl, als gucke man in einer Sommernacht in einen Sternenhimmel.

Die Abzweigung ins Val Mora
Die Abzweigung ins Val Mora

Dort, wo sich das Val Mora in einer 90-Grad-Linkskurve nach Südwesten ausrichtet, endet der breite Feldweg. Nun gilt unsere Konzentration dem nur rund 50 Zentimeter schmalen Weg, einem sogenannten Singletrail. Diese Aufmerksamkeit ist nötig — immerhin rattern wir mit unseren Stollenpneus stellenweise direkt entlang des fünf Meter hohen Abhangs zum Bachbett. Zehn Minuten später wird es noch heikler: In einem steilen Schutthang, gut 20 Meter über der Aua da Val Mora haben die Schneemassen des Winters die Wegbefestigungen zerstört. Erst zögern wir, dann entscheiden wir uns doch, das rutschige Gelände vorsichtig zu queren. Mittlerweile soll der Weg repariert und normal passierbar sein, werden wir nach unserer Rückkehr hören.

Die Bremsen laufen heiss, das Adrenalin fliesst – Spassfaktor 10

Bald darauf stehen wir beim Passo Val Mora vor dem schweizerisch-italienischen Grenzstein. Von hier geht es weiter auf einem Waldweg, über das imposante Schuttdelta eines kleinen Bächleins bis zum Stausee Lago di San Giacomo di Fraele. Sein Pegel liegt derart tief, dass die Grundmauern der kleinen Siedlung zu sehen sind, die einst nach der Fertigstellung der Staumauer überflutet wurde. Von hier stehen uns bis zum Passo di Valle Alpisella nochmals 350 Höhenmeter bevor, die uns aufgrund der müden Muskeln wie 700 vorkommen.

Reto und Usé beim verdienten Feierabendbier kurz vor Livigno
Reto und Usé beim verdienten Feierabendbier kurz vor Livigno

Vom höchsten Punkt unserer Tour (2285 m) geht es nun definitiv nur noch abwärts. Zuerst über einen steilen Singletrail durch den Wald. Glücklicherweise ist dieser Weg verhältnismässig breit, denn rechts davon geht es meist tief und steil zum Bachbett hinunter. Stürzen ist auch hier nicht ratsam.

Unsere Bremsen laufen heiss, das Adrenalin fliesst, und der Spassfaktor ist nach wie vor hoch. Kurz vor unserem Ziel, beim Stausee Lago di Livigno, treffen wir auf das erste und einzige Restaurant auf dieser Tour. Nach einer letzten viertelstündigen Fahrt radeln wir vorbei an Parfümerien, Modeshops, Tankstellen und Alkoholläden, was klar signalisiert: Wir sind im zollfreien Livigno angekommen. Wir lassen die billige Ware links liegen und freuen uns nur noch auf den Whirlpool und die Sauna in unserem Hotel, wo wir nochmals in Erinnerungen an die schöne Landschaft schwelgen können.

Und dabei hätte es besser bleiben sollen. Denn wer solche Geheimtipps ausplaudert, muss sich nicht wundern, als Täderlisack beschimpft zu werden.

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Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Alessandro Della Bella