Archiv
06. Januar 2014

Wer holt sich die Krone?

Das Migros-Magazin und das Landesmuseum Zürich suchen die neue Märchenkönigin oder den neuen Märchenkönig. Rechts finden Sie die Leseproben von den vier porträtierten und 16 weiteren Kandidaten und wählen Ihren Favoriten.

Gebannt lauschen die Kinder im Kindergarten Allmend in Uetendorf BE den Erzählungen der Märlitante.
Gebannt lauschen die Kinder im Kindergarten Allmend in Uetendorf BE den Erzählungen der Märlitante.

Es waren einmal vier Erdenbewohner: Einer hatte rotes Haar und eine liebliche Stimme, der Zweite hatte zappelnde Beine und liebte das Unkonventionelle. Der Dritte war mit einem Drachen befreundet, und der Älteste von allen hatte einen weissen Bart und mochte Philosophie. Eins hatten die vier gemeinsam: die Leidenschaft fürs Fabulieren über die mystische Welt der Zwerge, Hexen und Zauberer. Sie alle waren einst als Kindergärtner, Spielgruppenleiter oder Lehrer in die Welt gezogen und hatten den Kindern wertvolle Schätze und Weisheiten mit auf den Weg gegeben. Nun kam es, dass die Märchenkönigin Trudi Gerster, ihrer aller Vorbild, eines Tages für immer ihre Augen schloss.

Als die Trauerzeit verflossen war, fragte sich das Volk: Wer verleiht nun den wunderbaren Geschichten eine Stimme und trägt das Erbe der Königin in die Welt hinaus? Da taten sich ein Museum und eine Zeitung zusammen und lancierten gemeinsam den Wettbewerb um den Märchenthron. Und siehe da, neben den vier leidenschaftlichen Erzählern erhoben viele weitere Talente aus Nah und Fern Anspruch auf den Thron und stellten sich dem Urteil der Zuhörer.

Am 16. Januar 2014 ist es soweit:Erleben Sie ab 19 Uhr auf der Bühne des Landesmuseums Zürich die Kandidaten live: Moderiert von Dominic Deville treten Barbara Burren, Paul Strahm, Jürg Steigmeier sowie der Gewinner oder die Gewinnerin des Leservotings in einem märchenhaften Wettstreit gegeneinander an, um sich vor Publikum zu präsentieren. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung «Märchen, Magie und Trudi Gerster» im Landesmuseum Zürich dauert vom 10. Januar bis zum 11. Mai 2014. www.maerchen.landesmuseum.ch


Barbara Burren im grünen Drachenkostüm mit Flubi, dem neugierigen Drachen.
Barbara Burren ist die beste Freundin von Flubi, dem neugierigen Drachen.

Ich habe regelmässig Buchstabenstau!

Märlitante Barbara alias Barbara Burren (44) stellt klar: «Ich bin ein Gump-Esel!» Wenn sie erzählt, braucht sie die ganze Bühne und wechselt gerne mal innerhalb der Geschichte das Gewand. So hüpft sie im Drachenkostüm, mit blinkenden Turnschuhen oder Piratenhüten herum. Bereits als Vierjährige wusste Barbara Burren: Ich will einmal Trudi Gerster werden. Oder die Frau vom «Guetnachtgschichtli». Dafür wollte sie nach der Schule direkt eine künstlerische Richtung einschlagen, ihr Hobby, das Singen, Geschichtenerfinden und -erzählen, zum Beruf machen. Ihre Eltern aber wollten, dass sie etwas «Gescheites» lernt, also liess sie sich zur Drogistin ausbilden und machte danach Weiterbildungen in Psychologie und Moderation. Mittlerweile ist das Geschichtenerzählen ein Vollzeitjob für Barbara Burren: Pro Jahr hat die Thunerin rund 100 Auftritte in Schulen, Bibliotheken oder Hallenbädern.

Oft muss eine Serviette für die neuste Idee herhalten

Seit zehn Jahren leitet sie die Kindersendung «Strubelimutz» auf Radio Beo. Über 60 Tonträger sind von und mit ihr erschienen: Von Prinzessinnen, Bären und Ritter Sturmwind zum Beispiel oder von Lola, dem kleinen Schutzengel. Momentan fliegen die Kinder auf Flubi, den wissbegierigen grünen Drachen. An neuen Ideen mangelt es nicht: Zu Hause hortet Märlitante Barbara stapelweise Mäppchen mit Notizen. Oft muss auch eine Serviette herhalten, um den neusten Einfall festzuhalten. «Ich brauche nur ein Stichwort, und schon sprudeln die Sätze. Ich habe regelmässig Buchstabenstau!»

Manchmal ist sie vor lauter Ideen sogar schlaflos. Dann kommt es schon mal vor, dass der Gump-Esel nach einer Veranstaltung krank im Bett liegt, weil er sich so verausgabt hat. In solchen Momenten seien die ständigen Ideen auch ein Fluch, meint Barbara Burren. Doch die Freude am Fantasieren und Erzählen überwiegt nach wie vor, besonders dann, wenn die Märlitante Post von ihren kleinen Fans bekommt. Darin stehen Sätze wie: «Ich habe dich sooooo lieb! Wenn du deine Stimme verstellst, dann fliege ich richtig in die Geschichte rein! Du bist für mich ein Stern.» Strahlende Kindergesichter sind für Barbara Burren, deren eigene Kinder mittlerweile 20 und 23 Jahre alt sind, der schönste Lohn. Das Faszinierende an den Märchen und Geschichten sei, mit ihren Zuhörern auf eine Fantasiereise zu gehen. «Es ist ein unglaubliches Geschenk, dass ich das ausleben darf, was von innen kommt», sagt Barbara Burren und lacht ihr ansteckendes Lachen.

Jürg Steigmeier mit seinen «Hausgeistern», den Zwergenfiguren.
Jürg Steigmeier mit seinen «Hausgeistern», den Zwergen. Die meisten davon sind Geschenke von Freunden.

Ich bin ein Jäger und Sammler.

Über 1000 Bücher stehen im Lesezimmer von Jürg Steigmeier (52) aus Zurzach AG. Er beschäftigt sich leidenschaftlich gern mit Märchen, Sagen und Volksweisheiten. Seine Vorliebe für Märchenstoff hat der Kindergärtner vor Jahren beim Kindergartenunterricht entdeckt. Er merkte, dass er beim Erzählen viele Werte vermitteln konnte. «Für einen Multikulti-Kindergarten sind die religionsneutralen Märchen ideal». Seit 17 Jahren ist er neben seinem 50-Prozent-Pensum als Kindergärtner Geschichtenerzähler. Was er auf der Bühne genau macht, kann er selbst nicht recht beschreiben. Es sei eine Mischung aus Entertainment und Weisheit, die er dem Publikum, ob Kindern oder Erwachsenen, schenken möchte. «Märchen erklären so viel von unserer Kultur und unserem Werden.» Schweizer Volkserzählungen liegen ihm besonders am Herzen. Auf der Bühne läuft er hin und her und gestikuliert wild. Nur für unser Wettbewerbsvideo «Die drei goldenen Schlüssel» setzt sich der Vater von zwei erwachsenen Kindern ausnahmsweise hin, doch die Füsse wollen nicht ruhen. «Beim Erzählen zu sitzen, fühlt sich komisch an!»

In seinen Geschichten verwebt er verschiedene Motive

In seiner Brusttasche tickt hörbar eine alte Taschenuhr. «Ich muss ja wissen, wann ich aufhören soll», erklärt er das ungewöhnliche Accessoire. Trotz zappelnder Füsse und tickender Uhr strahlt Jürg Steigmeier beim Erzählen Ruhe aus: Sobald er seine Geschichten beginnt, senkt sich seine Stimme, sein Gesicht entspannt sich. Jürg Steigmeier liebt den direkten Kontakt mit dem Publikum. Er möchte den Leuten in die Augen schauen, improvisieren, auch gern mal etwas Aktuelles einbringen. «Vor 17 Jahren wurde ich belächelt, als ich sagte, ich werde Geschichtenerzähler.» Heute tourt er mit seinen Mundartanlässen durch die Schweiz, Österreich und Deutschland. Wenn er an Firmenanlässen oder Festivals von Zwergen, Drachen und Gletschersagen berichtet, ist das meist eine One-Man-Show. Geschickt verwebt er darin verschiedene Motive zu einer Geschichte. Und damit ihm der Stoff nie ausgeht, forscht er nach neuen Geschichten: «Ich bin einfach ein Jäger und Sammler.»

Jolanda Steiner mit ihrer Puppe Muck.
Jolanda Steiner mit ihren Requisiten: Aktuell ist der kleine Muck dran.

Ich kann nicht anders, als zu erzählen.

Als Jolanda Steiner (52) aus Kriens LU neun Jahre alt war, kam ein alter Mann zu ihr und drückte ihr mit den Worten «Die wirst du einmal brauchen, Meitli!» zwei Märchenbücher in die Hand. Der Mann sollte recht behalten: Inzwischen hat Jolanda Steiner 28 CDs herausgebracht, sie sendet jeden Sonntagmorgen auf Radio Central eine Kindergeschichte und lebt vom Märchenerzählen. Neben ihrer 21-jährigen Tochter seien Märchen ihr zweites Kind, das sie umsorge und liebe, sagt die diplomierte Kindergärtnerin und wirft ihre hennaroten Haare über die Schultern. Für ihre Auftritte bringt sie immer eine ganze Baggage mit: «Meine Märchenküche», sagt sie stolz und zeigt auf Scheinwerfer, Trommeln und Perkussion. Auch wenn Jolanda Steiner keinen Auftritt hat, liest sie jeden Tag eine Geschichte aus ihren rund 800 Märchenbüchern.

Mit den Schallplatten von Trudi Gerster aufgewachsen

Schon als Kind spielte sie ihren Freunden Märchen als Puppentheater vor und wollte bei Schulaufführungen immer alle Rollen gleichzeitig darstellen. Als professionelle Märchenerzählerin kann sie nun die Hexe, der kleine Muck und der Hund in einem sein. «Ich verstelle meine Stimme, damit die Kinder sich besser in die Geschichte einfühlen können.» Damit sie greifbar erzählen kann, schreibt sie jedes Märchen für sich auf und stellt sich die Geschichte lebhaft vor. Dabei lerne sie nicht auswendig, sondern «inwendig», betont sie. «Wenn mich eine Geschichte einmal gepackt hat, lässt sie mich nicht mehr los. Ich kann nicht anders, als sie zu erzählen.» Hier sieht Jolanda Steiner eine Gemeinsamkeit mit Trudi Gerster, mit deren Schallplatten sie aufgewachsen ist: «Erzählerin ist mehr als nur ein Beruf, ich werde es immer sein.» Erst wenn der Funke nicht mehr springe, wolle sie aufhören. Und dass der Funke springt, zeigen ihr die Kinder. Sie sind ein schonungsloses Publikum: «Entweder sie hören gebannt zu, oder sie plaudern nach ein paar Minuten mit dem Gschpänli.» Zum Glück kommt das selten vor: Jolanda Steiner schafft es, die Kleinsten ganz in die Zauberwelt mitzunehmen.

Paul Strahm hält sich die Hände an die Wangen und lacht.
Paul Strahm mag speziell Märchen aus Japan, China und Korea.

Die Leute erkennen mich an meiner Stimme.

Paul Strahm (67) sieht so aus, wie man sich einen typischen Märchenonkel vorstellt: weisser Bart, treu blickende Augen und ein wissendes Lächeln. Den Baslern ist er vor allem als hauseigener Märchenerzähler im Zolli bekannt. So kommt es öfter vor, dass er beim Einkaufen angesprochen wird, weil seine tiefe Stimme jemandem bekannt vorkommt.

Paul Strahm lebt in Münchenstein BL und erzählt seit über 25 Jahren Geschichten. Süsse, kitschige Dichtermärchen liegen ihm nicht. Er mag es nüchtern und sec. «Das gilt für Geschichten und Essen gleichermassen», sagt er und zeigt schmunzelnd auf sein selbst gebackenes Knäckebrot. Bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren arbeitete er als Lehrer und Heilpädagoge und tauchte im Unterricht gerne in die Fantasiewelt ein. «Märchen sind eine tolle Lebenshilfe und zeigen einen Weg auf.» Und trotzdem erzählt er den Kindern nicht jedes Märchen. «Manche sind ganz schön grausam!» Am liebsten mag Paul Strahm japanische, chinesische und koreanische Märchen, weil die besonders gehaltvoll sind. Seine Liebe für Märchen entdeckte er in den 90er-Jahren. Damals machte er eine Reise nach Neuseeland und in die USA und hatte unterwegs die Idee, in Schulen Schweizer Sagen zu erzählen. Wieder zurück in der Schweiz, war er vom Märchenfieber infiziert, absolvierte eine Erzählausbildung und trat der Schweizerischen Märchengesellschaft bei.

Mittlerweile weiss er genau, wie er seine Stimme einsetzen kann, und gibt auch Kurse in Erzähltechnik. Sein Geheimnis: Nebensätze vermeiden und am Ende jedes Satzes die Stimme senken. 2012 wurde er mit dem Gertrud-Hempel-Volkserzählerpreis ausgezeichnet. «Solche Preise geben mir Selbstvertrauen und Sicherheit.» In dieser Branche sei man sehr exponiert, und die Konkurrenz sei gross. Er habe trotz seines Perfektionismus’ gelernt, Pannen zu akzeptieren und die Auftritte zu geniessen, denn wenn Kinder oder Erwachsene auf ihn und seine musikalische Begleitung reagieren, dann «fägt das einfach».

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Samuel Trümpy