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02. April 2012

Männer weinen nicht? Von wegen!

Am 5. April kommt «Titanic» zurück in die Kinos. Auch als 3-D-Film wird das Drama die Zuschauer zu Tränen rühren. Und nicht nur Frauen: Auf unseren Aufruf haben sich 80 Männer gemeldet, die dazu stehen, im Kino zu weinen.

Titanic
Die Abschiedsszene 
in «Titanic» lässt 
niemanden kalt: 
Wenn Leonardo Di­Caprio
 entkräftet im Eismeer versinkt, werden auch Männeraugen nass. (Bild: Copyright AccuSoft Inc.)


«Ich bin eine Heulsuse»

Rund 80 Männer gaben zu, im Kino manchmal zu weinen, 60 nahmen mit präzisen Antworten und einem Porträtbild an der Verlosung eines LED-TV teil. Die Übersicht zu den sensiblen Filmfans:

Von A bis K Von K bis Z
Die zehn Porträts im Migros-Magazin (S. 23 bis 27, Ausgabe 14)
DER GEWINNER
Dieter Saladin aus Oberwil gewinnt den 3D Edge-LED-Fernseher Samsung UE40 D6320 von M-Electronics im Wert von 1049 Franken.


DER ARTIKEL
Erinnern Sie sich an «Toy Story 3»? Die Szene am Schluss, als der inzwischen fast erwachsene Junge all seine Spielsachen dem kleinen Mädchen übergibt und man weiss, dass Woody und Buzz und Mr. Potato Head bei ihm in guten, sicheren Händen sein werden? Die Tränen flossen — bei Männern — reihenweise. Oder «Dances with Wolves», als die betrunkenen Soldaten den Wolf erschossen, vor den Augen von Kevin Costner? Oder in «The Return of the King», als sich Gandalf und Frodo von den Hobbits verabschieden und auf das Schiff steigen, das sie für immer aus Mittelerde wegbringen wird?

Freundinnen und Ehefrauen weinen mit oder trösten

Männer weinen nicht! So hiess es früher. Sollte dieses patriarchale Dogma jemals funktioniert haben — heute tut es das nicht mehr. Auf unseren Aufruf im Migros-Magazin hin haben sich rund 80 Männer gemeldet, die freimütig eingestehen, dass sie im Kino weinen, ab und zu oder auch dauernd oder gar «wie ein Schlosshund». Die Reaktionen, die sie dabei erleben, sind vielfältig. Freundinnen oder Ehefrauen sind meist gerührt, weinen mit oder trösten gar, männliche Kollegen sind schon auch mal peinlich berührt oder grinsen amüsiert. Edo Nemeth (48) aus Weinfelden TG schreibt: «Sobald eine gefühlvolle Szene erscheint, schauen mich alle an, da sie wissen, dass ich sofort weinen muss.» Sein bester Freund komme bei gewissen Filmen gar nicht mehr mit ins Kino, weil eh klar sei, dass er weinen müsse.

Die US-Website www.ranker.com , die alle möglichen Ranglisten führt, hat ihre Nutzer auch über die «Top Tränendrüsenfilme, die Männer weinen lassen» abstimmen lassen. «Titanic» liegt immerhin auf Platz 21, «Toy Story 3» auf Rang 10. Die Top drei heissen «Schindler’s List», «Up» und «Saving Private Ryan». Der amerikanische Filmkritiker Cory Abbey, selbst ein regelmässiger Filmbeweiner, hat eine Kategorisierung versucht, welche Art Filme Männer zu Tränen rühren:

  • 1. Der Underdog-Sportler erreicht am Ende das Unmögliche (zwei Filmbeispiele dazu: «Rudy» oder «Rocky»)
  • 2. Der heroische Kämpfer stirbt für die edle Sache («Saving Private Ryan», «Braveheart», «The Lord of the Rings»).
  • 3. Entfremdete Väter und Söhne versöhnen sich («Field of Dreams», «Big Fish», «Life as a House»).

Aber wie unsere Umfrage zeigt, gibt es auch noch anderes, das die Männertränen fliessen lässt.

«Männer neigen dazu, Gefühle schneller wegzuregulieren»

Wer sich auf einen Film wirklich einlässt, der weint auch, sagt der Zürcher Medienwissenschafter Werner Wirth. Allerdings gibt es gewisse Motive, auf die Männer ganz klar stärker reagieren als Frauen.

Werner Wirth (52) ist Professor für Medienwirkungsforschung am Institut für Publizistik und Medienforschung der Universität Zürich. Er forscht seit 2005 zum Thema «traurige Filme».
Werner Wirth (52) ist Professor für Medienwirkungsforschung am Institut für Publizistik und Medienforschung der Universität Zürich. Er forscht seit 2005 zum Thema «traurige Filme».

Werner Wirth, es soll ja Menschen geben, die weinen nie im Kino. Wie kommts?

Das soll es geben, ja. Gerührt wird man natürlich nur, wenn man sich auf den Film einlässt, und manche tun das nicht. Vielleicht ist man gezwungen worden mitzugehen, von der Partnerin oder den Freunden. Dann bleibt man reserviert von Anfang bis zum Ende.

Aber wenn man sich auf den Film einlässt, hat man keine Chance zu entkommen?

Doch, doch. Wir können unsere Emotionen regulieren und sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Aber wir gehen ja ins Kino, um uns zu unterhalten, also lassen wir uns in der Regel auf den Film ein; dabei entstehen Gefühle, die wir auch bereit sind anzunehmen.

Stimmt das Klischee, dass Frauen im Kino eher und häufiger weinen als Männer?

Tendenziell ja. Frauen geben in Studien häufiger an, im realen Leben Angst und Traurigkeit zu empfinden. Männer scheinen hingegen häufiger Ärger zu erleben. Das gilt auch fürs Kino. Zu Tränen rührende Filme werden jedenfalls klar von Frauen bevorzugt. Was natürlich nicht heisst, dass Männer nicht ebenfalls auf solche Filme reagieren.

Das sind die Softies – auch sonst im Leben?

So weit würde ich nicht gehen. Man kann durchaus im Leben ein harter Geschäftsmann sein und im Kino dennoch gerührt werden. Zentral ist das Mitgefühl.

Und das haben Frauen stärker als Männer, weil sie rollenbedingt so erzogen wurden?

Eher, aber diese Rollenbilder sind heute nicht mehr so fix. Empathie ist für alle Menschen wichtig, auch für Männer.Ohne sie ist ein soziales Zusammenleben gar nicht denkbar. Allerdings neigen Männer dazu, Gefühle schneller wegzuregulieren, gerade Emotionen, die durch Unterhaltung ausgelöst werden.

Es scheint jedoch, dass es durchaus Filme und Themen gibt, die bei Männern recht zuverlässig die Tränen fliessen lassen.

Tatsächlich gibt es bestimmte Motive, auf die Männer stärker reagieren, zum Beispiel der Wettbewerb, wie er oft in Sportfilmen zum Ausdruck kommt. Ein anderes ist der Held, der sich für das Gute einsetzt. Wir mögen Geschichten, bei denen wir zusehen können, wie zentrale Werte unserer Gesellschaft bestätigt werden. Stellvertretend für uns tut der Held auf der Leinwand das Richtige. Wenn es um höhere Werte geht, sind wir bereit zuzusehen, auch wenn wir mit traurigen Gefühlen rechnen müssen.

Empathie ist für alle Menschen wichtig, auch für Männer.

Das ist der Grund, weshalb wir uns überhaupt solche Filme ansehen?

Richtig. Oft berühren diese Filme Themen, die uns selbst betreffen, zentrale Werte, mit denen wir uns im realen Leben auseinandersetzen müssen: das Gute durchzusetzen, fertig zu werden mit Verlusten, die Frage, wohin man streben soll im Leben, die Bedrohung durch lebensgefährdende Gefahren oder Grenzerfahrungen. So was im Kino mitzuerleben, wird positiv erfahren, auch wenn es unmittelbar negative Emotionen auslöst. Wir fühlen uns vielleicht belastet, wenn wir aus dem Kino kommen, aber auch bereichert.

Aber es gibt ja schon Männer- und Frauenfilme. «Titanic» etwa ist ein Frauenfilm, oder?

Schon eher. Aber auch darin stecken Themen, die es Männern leicht machen, den Film zu sehen: Die technische Meisterleistung des Schiffs selbst, die Auseinandersetzung mit den sozialen Klassenunterschieden, der Heroismus beim Untergang.

Lassen Männerfilme die Frauen kalt?

Sportfilme und das heroische Einzelkämpfertum tendenziell schon.

Gibt es Filme, die beide Geschlechter zuverlässig zu Tränen rühren?

Wir haben einige Filme untersucht, in denen das der Fall war. «La vita è bella», «Hotel Rwanda» oder «Pay it Forward» zum Beispiel. In Letzterem ist die Hauptfigur ein Junge, der auf Initiative seines Sozialkundelehrers hin versucht, uneigennützig Gutes zu tun und dabei unerwartet stirbt. Der Schluss ist zwar etwas schmalzig, aber löst zuverlässig bei allen Emotionen aus.

Weinen alle immer an denselben Stellen?

In der Regel schon, die Regisseure und Drehbuchautoren wissen genau, wie sie das erreichen können.

Und wie machen sie das?

Die Dramaturgie ist auf diese Stellen hin zugespitzt, die Geschichte muss so aufgebaut sein, dass man sich in eine Person einfühlen kann, sie muss positiv besetzt sein, Kameraführung und Musik werden entsprechend eingesetzt, all das kombiniert tut recht zuverlässig seine Wirkung. Wir haben unseren Testpersonen bei der ergreifenden Schlusssequenz von «Pay it Forward» neben dem Original zwei Varianten gezeigt. Einmal haben wir statt des Songs «Calling all Angels», dessen Tonart von Moll zu Dur wechselt, Beethovens «Mondscheinsonate» gespielt, ausschliesslich Moll. Das verändert viel, es wirkt belastender, die positiven Elemente des Originals fallen weg. In der dritten Version haben wir die Musik komplett weggelassen und auch den letzten Teil, wo all die Menschen mit den brennenden Kerzen kommen. Das macht das Ende sehr viel kleiner und stiller und auch weniger emotional belastend. Minimale Änderungen mit grossem Effekt für die Gefühlsentwicklung.

Welche Filme haben bei Ihnen am meisten Tränen ausgelöst?

«Pay it Forward» bewegt mich extrem, jedes Mal wieder. Wenn in der Vorlesung die Szene kommt, wo die Mutter vom Tod ihres Sohns erfährt, schaue ich nicht hin, weil ich Angst habe, vor 400 Leuten Gefühle zu zeigen. Ich reagiere generell schnell emotional, auch bei Romantikfilmen. Sehe ich diese privat, kenne ich aber überhaupt keine Schamgrenze.