Archiv
26. September 2016

Aus der Reihe getanzt

Sie arbeiten in klassischen Frauenberufen: Naildesigner Patrick Pilar, Dentalhygieniker Rob Bokhoven und Hebamme Alain Almeida. Was hat sie für diese Jobwahl motiviert – und wie schlagen sie sich in der «Frauenwelt»?

Männer in Frauenberufen
Mann im Frauenuniversum: Alain Almeida ist Hebamme am Universitätsspital in Genf.

Eigentlich wäre Alain Almeida (26) gerne Kinderarzt geworden, doch wegen schlechter Französisch noten schaffte er es nicht ans Gymnasium. Heute hat der Secondo einen Beruf, der so weiblich ist, dass es dafür nicht einmal eine männliche Bezeichnung gibt: Er ist Hebamme am Universitätsspital in Genf.

Frau
Frau

Warum hat er sich nach der vierjährigen Lehre zum Krankenpfleger für die Ausbildung zur Hebamme entschieden, statt sich zum Beispiel als Anästhesie- oder Psychiatriepfleger weiterzubilden? Schuld ist der neun Jahre jüngere Bruder, dessen Heranwachsen Almeida aktiv miterlebte; das habe ihn für diesen Beruf inspiriert. «Während der Ausbildung zum Pfleger habe ich einen Dozenten gefragt, was ich machen müsse, um mit Neugeborenen und Schwangeren zu arbeiten.» Dieser habe trocken geantwortet: «Werden Sie Hebamme.» Almeida muss grinsen, wenn er an diese Episode zurückdenkt: «Ich habe bloss gelacht und den Gedanken schnell verdrängt.» Später habe er an einem Musikfestival per Zufall eine männliche Hebamme kennen­­gelernt und sich mit dem Mann unterhalten: «Er hat von seiner Arbeit geschwärmt und mich darin bestärkt, meinen Interessen zu folgen.»

Alain Almeidas Umfeld reagierte fast ausnahmslos positiv auf seinen Berufswunsch. Sein Vater, ein Maurer, ist so stolz auf seinen Sohn, dass er ihn konsequent mit Beruf und Arbeitsort vorstellt. Für seine Kollegen ist Alain der Experte in Sachen Frauenfragen. Bloss seine Freundin meinte kürzlich etwas bestürzt: «Wenn ich mal schwanger bin, weisst du ja besser Bescheid als ich!»

Almeida empfindet es als grosses Privileg, in einem Frauenuniversum arbeiten zu dürfen. Dazu gehört allerdings auch, dass der Job sehr emotional sei, «von himmelhoch jauchzend bis zum heulenden Elend». Dass er als Mann nicht gebären und sich daher nicht vollumfänglich in eine werdende Mutter hineinversetzen könne, empfindet er nicht als Nachteil: «Man muss nicht selbst ein Kind geboren haben, um diesen Job gut zu machen.» Auch seine Kolleginnen seien längst nicht alle Mütter. «Zudem hat ein Kind nicht nur eine Mutter, sondern auch einen Vater.» Gerade im Kreisssaal seien die Väter zuweilen sehr froh, nicht allein unter zu Frauen sein.

Viel mehr als bloss Putzen

Ebenfalls auf traditionell weibliches Parkett hat sich Rob Bokhoven (53) begeben. Er hat sich Ende der 80er-Jahre für die Dentalhygiene entschieden: «Ich wollte etwas im Gesundheitsbereich machen. Helfen ist etwas Sinnvolles.» Zudem fände er die Arbeit mit Menschen schöner als die mit Maschinen. Dezidiert wehrt sich Bokhoven gegen das gängige Vorurteil, sein Job bestünde bloss aus Putzen: «Wir machen Gesundheitsvorsorge und beseitigen dabei etwa Parodon­titisherde und versuchen, eine individuelle, optimale Mundgesundheit mit dem Patienten zu erreichen.» Die Arbeit sei anspruchsvoll, erfordere viele Fachkenntnisse und reichlich Fingerspitzengefühl.

Der gebürtige Holländer hat seine Ausbildung in den Niederlanden absolviert und arbeitet schon seit mehr als 20 Jahren in einer Zahnarztpraxis in Basel. Von neuen Kunden wird er zuweilen mit «Grüezi Herr Doktor» begrüsst. Um Verwechslungen vorzubeugen, stellt er sich beim Erstkontakt immer gleich als Dentalhygieniker vor.

Bokhoven sieht praktisch nur Vorteile, als Mann in einem typischen Frauenberuf zu arbeiten: «Als Hahn im Korb hatte ich eine grossartige Zeit während der Ausbildung.» Und da Teilzeitarbeit in seinem Fach gang und gäbe sei, habe er seinen mittlerweile erwachsenen Sohn als Kind und Jugendlichen eng begleiten können. Trotzdem meint er: «Hätte ich die nötigen Qualifikationen mitgebracht, wäre ich heute wahrscheinlich Zahnarzt.»

Nur 7 Prozent der Knaben möchten einen geschlechtsuntypischen Beruf erlernen, bei den Mädchen sind es immerhin 19 Prozent. Dies geht aus dem Nationalen Forschungsprogramm «Gleichstellung der Geschlechter» hervor. Als typische Frauendomänen gelten neben Dienstleistungen im Beautybereich auch Tätigkeiten in der Pflege, mit Kindern und im Sozialen. Im Gesundheits- und Sozialwesen etwa sind bloss 10 Prozent der Angestellten männlich. Oft setzen sogenannte Care-Berufe gute schulische Leistungen voraus, sind aber relativ schlecht ­bezahlt – dies dürfte mit ein Grund sein, ­warum typisch weibliche Berufe für Männer wenig attraktiv sind. Ein Beispiel: Schreiner und Dentalhygieniker verdienen gemäss dem Portal Lohnanalyse.ch durchschnittlich einen Jahresbruttolohn von rund 70 000 Franken. Um Dentalhygieniker zu werden, absolviert man während dreier Jahre eine Höhere Fachschule, die nur mit einer Matur, einem Fachmittelschulausweis oder einer abgeschlossenen Lehre zugänglich ist. Schreiner hingegen wird man nach einer vierjährigen Lehre, die man bereits nach der Sekundarschule antreten kann.

Die relativ schlechte Bezahlung in typischen Frauenberufen erklärt sich nicht etwa bloss durch bestimmte Tätigkeiten, die scheinbar weniger wert sind, sondern auch durch die Geschlechterverteilung selbst: Feminisiert sich ein Beruf, sinken die Löhne in der Regel – zu beobachten ist dies etwa bei den Primarlehrern, in der Kommunikationsbranche und bei den Hausärzten.

Mit der Besoldung ist Cornelia Jäggi (57), Präsidentin des Verbands Swiss Dental Hygienists, zwar zufrieden, dennoch wünscht sie sich mehr Männer in ihrem Metier, um mehr Gewicht zu erhalten: «Wir versuchen seit Längerem, eine einheitliche nationale Regelung für die Selbständigkeit von Dentalhygienikern durchzusetzen. Hätten wir mehr Männer, würden unsere Anliegen ernster genommen.» Der Verband hat über 2000 Mitglieder, nur 14 davon sind Männer.

Vom Büro ins Nagelstudio

Wenn Patrick Pilar (47) beim Small Talk gefragt wird, was er beruflich mache, lässt er die Katze nicht gleich aus dem Sack. Er sagt, er sei Handwerker, der in der Kunststoffbranche tätig sei. Oft kommt dann die Gegenfrage, worin seine Arbeit denn genau ­bestehe – wohl auch, weil die Fragenden dabei in belustigt funkelnde Augen blicken und daher ahnen, dass da noch nicht alles erzählt ist.

Patrick Pilar ist Inhaber eines Nagelstudios in Winterthur ZH. Dort modelliert, verlängert, feilt und koloriert er Fingernägel. Doch der ehemalige KV-Angestellte betont: «Ich bin nicht einfach der Nagelonkel.» Das, was er als Naildesigner mache, sei ein Handwerk, das Fachwissen in Chemie, Physik, Statik, Dermatologie und Farbenlehre erfordere.

In der Schweiz gibt es über 2000 Nagelstudios, aber keine anerkannte Lehre, die in diesen Beruf führt. Seit 2011 existiert immerhin ein eidgenössischer Fachausweis, der aus neun Modulen besteht. Viele Naildesigner kommen aus branchenverwandten Berufszweigen, wie etwa dem Hairstyling oder der Kosmetik – und die meisten sind weiblich.

Pionier Pilar hatte seine erste Kundin 1993 nach einem eintägigen Kurs. Inzwischen schüttelt er darüber nur noch den Kopf. Nach zahlreichen Weiterbildungen und mehr als 20 Jahren Erfahrung weiss er heute, welche Gesundheitsrisiken Naildesign­ bei unsachgemässer Handhabung mit sich bringt – für ihn selbst wie auch für seine Kundinnen. Stichworte sind: Dämpfe, Feinstaub, Allergien, Infektionen.

Jahrelang hat sich Pilar im Berufsverband der Schweizer Naildesigner für die Professionalisierung seines Handwerks engagiert: «Eine fundierte Lehre würde nicht nur die Qualität steigern und den Beruf für Männer attraktiv machen, sondern sich auch positiv auf den Geschäftserfolg der ganzen Branche auswirken.» Heute würden viele seiner Kolleginnen zu wenig für ihre Arbeit verlangen – etwa weil sie nicht alle Kostenpunkte miteinberechneten.

Doch was hat Bürolist Pilar überhaupt dazu bewogen, auf Beauty umzusatteln? «Mich haben das Handwerkliche und das Kreative fasziniert.» Zudem biete dieser Job die Möglichkeit, selbständig und nahe am Menschen zu arbeiten. «Im Büro sass ich nur vor dem PC. Ich wollte da weg.»

Patrick Pilar lebt seit neun Jahren in einer Beziehung mit einem Mann. Doch er betont: «Meine Berufswahl hat nichts mit meiner sexuellen Orientierung zu tun.» Als Schwuler sei er vielleicht offener für Zwischenmenschliches. Der Kontakt zu den Kundinnen sei sehr nahe: «Wir halten schliesslich jeweils mindestens eine Stunde Händchen. Dabei erzählen einige viel Persönliches.» Dafür sei sicher nicht jeder Mann gemacht, aber wahrscheinlich auch nicht jede Frau.

Markus Theunert, Generalsekretär des Dachverbands der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, hat noch eine andere Erklärung, warum man in typischen Frauenberufen überdurchschnittlich oft auf Schwule trifft: «Homosexuelle müssen früher lernen, mit dem Bruch überholter Normen umzugehen. Das ist auch eine Chance.» Es sei schade, dass so viele Männer ihr Potenzial nicht nutzten, weil sie an überlieferten Rollenbildern festhielten: «So schöpfen viele ihr Talent nicht aus.»

Alain Almeida, Rob Bokhoven und Patrick Pilar liessen sich nicht von tradierten Rollenbildern beirren und haben sich stattdessen an ihren Interessen und Fähigkeiten orientiert. Sie sind damit aus der Reihe getanzt – und ­bereuen ihren Entscheid bis heute nicht.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Markus Bertschi