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03. Februar 2014

Männer im Kindergarten: Wann wird es heikel?

Mehr Kindergärtner wären für Erziehungsexperten wünschenswert. Doch in einigen Situationen sorgt ihr Einsatz unverändert für Diskussionen: Worauf gilt es für Betroffene sowie Eltern zu achten?

In Europa übertreffen sich Staaten und Regionen mit Aktivitäten, um mehr männliche Angestellte für die Vorschulstufe und erste Grundstufe zu finden. Mehrere Schweizer Kantone, aber auch Deutschland zeigen sich gerade auf Kindergartenstufe sehr aktiv. Der Grund liegt zum einen vielerorts am Mangel an Lehrkräften, noch mehr aber am generellen Mangel männlicher Bezugspersonen für Kindergarten- und Primarschulkinder. Die meisten erreichen die Oberstufe, ohne je einen Mann vor ihrer Gruppe respektive Klasse erlebt zu haben. Und dass sich bei vielen Aufwachsenden auch zu Hause der Vater im Vergleich zur Mutter rar macht, verstärkt die ‚frauenlastige‘ Erziehung zusätzlich.

Viele Pädagoginnen und Psychologen legten in den letzten Jahren grosses Gewicht auf die männliche Präsenz bereits auf Kindergartenstufe. Besonders für Knaben, jedoch auch Mädchen seien nebst weiblichen die männlichen Vorbilder wichtig, mit ihrer oft anderen Art der Motivation und Kommunikation, im Setzen von Leitplanken oder Lösen von Konflikten.
Die Programme zur Anwerbung von Kindergärtnern zeitigten auch bereits vereinzelt Erfolge. Zwei Punkte erweisen sich jedoch als hinderlich: Erstens das noch immer mässig attraktive Image der Grundstufe (oder des Kindergartens) für Männer, selbst wenn sich dies bereits etwas gebessert hat. Zweitens bremst etwas wohl längerfristig Hartnäckigeres: Dass das Umfeld, in erster Linie Eltern, aber auch einige Behörden und Entscheidungsträger, Vorbehalte gegenüber Männern haben, da bei ihnen die Gefahr sexueller Übergriffe oder gar des Missbrauchs grösser sei. Schliesslich kommt es bei Kindern in diesem Alter automatisch viel häufiger zu Körperkontakten als später.

Fachleute sind sich weitgehend einig, dass den statistisch tatsächlich höheren Risiken durch entsprechende Ausbildung und Sensibilisierung der Lehrkräfte und teilweise des Umfelds begegnet werden kann. Dennoch werden (männliche) Kindergärtner noch für lange Zeit unter erhöhter Aufmerksamkeit stehen, sie sollten deshalb im Alltag mit Kleinkindern besonders auf das Verhalten in bestimmten Situationen und an bestimmten Orten achten. Dieselben Situationen erweisen sich im Übrigen auch für die Eltern als wichtig, wenn sie mit dem Kind über den Kindergarten sprechen, beim ersten Verdacht nachfragen oder wenn ihnen vor Ort etwas auffällt:
A. Körperliche Nähe, Umarmungen, Trösten
Alle Momente, in denen es zum Körperkontakt mit den Schützlingen kommt, gelten als potenziell heikel. Ganz wichtig ist es gleichwohl, dass die Kindergärtner nicht jeglichem von den Kindern gesuchten Kontakt ausweichen.
Weint das Kind und möchte getröstet werden, ist Zurückhaltung beim Trocknen der Tränen, einem Streicheln des Kopfs, Naseputzen und dem Anreden aus der Nähe der falsche Weg. In gewissen Situationen gehört auch eine kurze Umarmung, ein Hochheben usw. dazu. Direkte Berührungen der Körperteile mit primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen sind natürlich tabu.
Die vielleicht am ehesten zu befolgende Regel zielt darauf ab, ob ein Körperkontakt vom Kind gewünscht oder gar gesucht wird. Dann ist er zumeist für eine Weile in Ordnung.

B. Mit offenen Türen
Die zweite zentrale Regel geht davon aus, sich möglichst nie allein mit einem Kind in einem geschlossenen Raum aufzuhalten. Bei Krippenangestellten etwa gilt dies schon für ein kurzes Aufs-Bett-Sitzen oder -Liegen zur Erleichterung des Einschlafens, später auch noch für geleistete Hilfe auf dem WC.

Körperkontakt mit dem Kind
Wichtig, aber mitunter heikel: Körperkontakt mit dem Kind. (Bild Christian Flierl)

Zusammengefasst: Für Männer generell viel mehr Distanz zum Kind zu fordern als bei Frauen ist kaum die richtige Lösung. Hingegen die Richtlinien, bei physischer Nähe von den Bedürfnissen der Kleinen und nicht von den eigenen auszugehen; und jene der Transparenz: Jederzeit sollte ein(e) weitere(r) Erwachsene(r) hereinkommen können, ohne auf kompromittierende Situationen zu stossen. Wachsamer als Frauen müssen Männer in diesem Beruf schon sein.
Und für eine Weile auch ausgestattet mit Toleranz gegenüber eventuell strengeren Vorgaben der Gemeinde- und Schulbehörden. Auch wenns in der Grundstufe wohl kaum so konsequente Einschränkungen gibt wie bei den Krippen, wo Männer vielerorts keine Kleinkinder wickeln dürfen.
Zuerst: Interesse und Eignung!
Bei aller Vorsicht und Sensibilisierung für das heikle Thema darf das Wichtigste nicht vergessen gehen: Kindergärtner respektive Grundstufen-Lehrkräfte nehmen eine für die Entwicklung der Kleinen bedeutende Rolle ein. Umso mehr sollte sich jemand für diese Arbeit eignen und grundsätzliches Interesse zeigen. Dazu hier die ‚Softskills‘ als einige der Hauptanforderungen:

- Freude an der Arbeit mit Kindern
- Hohe Sozialkompetenz
- Fähigkeit zur Empathie
- Geduld im Umgang mit Kindern
- Einfühlungsvermögen
- Verantwortungsgefühl
- Konfliktfähigkeit
- Gute Allgemeinbildung
- Ein gewisses Organisationstalent

Autor: Reto Meisser