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08. Dezember 2014

«Männer glauben an Liebesklischees»

Paarberater Christian Thiel räumt mit Irrtümern der Liebe auf und erklärt, warum Männer die wahren Romantiker sind. Übrigens, von Beziehungsarbeit hält der Deutsche nicht viel. Dazu verrät er seine 10 besten Tipps für eine glückliche Beziehung.

Christian Thiel berät Paare und Singles

Christian Thiel, wieso geht ein Paar zum Paartherapeuten?

Meistens, weil ein Paar sich im Alltag aus den Augen verloren hat. Die Partnerschaft wird oft hinten angestellt. Wir pflegen unsere Liebe nicht, wir gehen davon aus, dass sie Bestand hat, egal, wie wir miteinander umgehen. Das legt uns unsere Kultur nahe: Die Liebe ist wie ein Stein, den man finden muss. Wenn man ihn hat, dann hat man ihn. In Wahrheit ist die Liebe aber ein Brot, das man jeden Tag frisch backen muss. Wenn es keine Begegnung mehr gibt, keine Gespräche, kein Interesse am anderen, dann erodiert die Liebe schnell.

Jede zweite Ehe wird geschieden. Macht das noch Hoffnung auf die grosse Liebe?

Mir schon. Das heisst ja im Umkehrschluss, dass jedes zweite Paar freiwillig zusammenbleibt (lacht). Statistiken beweisen, dass Ehepaare länger zusammen sind. In Europa leben wir, was Partnerschaft angeht, auf einer Insel der Glückseligkeit. Ein Grossteil dessen, was in der Liebe schiefgeht, liegt daran, dass die Partnerwahl nicht besonders klug erfolgte. Meistens lernt man durch eine gescheiterte Ehe. Das war bei mir so.

Sie sagen, unsere Vorstellungen von Liebe werden durch Hollywood und TV-Serien verfälscht. Wie sieht es in der Wirklichkeit aus?

Menschen suchen die Liebe, sie fragen sich, wer zu ihnen passt, sie stolpern. Im Fernsehen sehen wir das nicht. Im Film zieht niemand die Schlussfolgerungen aus einer gescheiterten Beziehung, die Leute interessieren sich nur für Äusserlichkeiten: Die verlieben sich ja nur in das Lächeln. Die einzige Ebene, die es in Filmen gibt, ist diejenige der Erotik.

Gibt es die Liebe auf den ersten Blick?

Ich würde da eher von einer erotischen Anziehungskraft sprechen. 10 Prozent Sympathie und 90 Prozent Erotik. Wir wissen binnen Sekunden, ob wir einen Menschen begehrenswert finden oder nicht.

Kann daraus Liebe entstehen?

Klar! Erotik ist eine Grundvoraussetzung für eine langfristig stabile Partnerschaft. Aber nur eine von vielen. Die Zahl der Menschen, die zu mir passen, ist wesentlich geringer als die Zahl derjenigen, die ich erotisch anziehend finde.

Das Verschwinden der Sexualität ist oftmals ein klares Zeichen für eine sterbende Partnerschaft.

Paarberater Christian Thiel
Paarberater Christian Thiel

In Ihrem Buch räumen Sie mit Irrtümern über die Liebe auf. So kommt zum Beispiel raus, dass Männer die wahren Romantiker sind. Wie kommt das?

Männer handeln zwar nicht unbedingt romantisch, aber sie glauben an romantische Liebesklischees wie die ewige Liebe. Sie wählen ihre Partnerinnen wie im Hollywood-Film: Er sieht sie und ist völlig hin und weg – und das wars. Frauen sind wählerischer und fragen sich zum Beispiel: Kann der auch Windeln wechseln? Die Männer haben eher Kriterien wie: Sieht sie gut aus? Ist sie nett zu mir?

Sollte man eher jemanden wählen, der einen ergänzt, oder jemanden, der gleich ist?

Es schadet sicher nicht, sich als unsportliche Person einen sportlichen Partner zu suchen. Wenn wir uns aber charakterlich zu sehr unterscheiden, kann das in einer Partnerschaft schnell kompliziert werden: Jeder sagt dem anderen nur noch, dass er falsch ist. Sind die Gegensätze moderat und ist beiden klar, dass sie voneinander lernen können, funktioniert das gut. Ich zum Beispiel habe durch meine Frau gelernt, ordentlicher zu sein.

Ist ein Altersunterschied ein Problem?

Ja, das fängt schon da an, dass man in der Kindheit von unterschiedlichen Dingen geprägt wurde. Mein Lieblingsbeispiel sind Prinz Charles und Diana. Ihr Altersabstand zum Zeitpunkt der Heirat war grotesk: sie war 20, er 32. In diesem jungen Alter entscheidet man sich selten für den Richtigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Scheidung kommt, ist bei einer 30-jährigen Frau um 70 Prozent geringer als bei einer 20-jährigen Frau.

Ihre Grundthese ist, dass Sexualität und Partnerschaft zusammengehören. Sind Beziehungen ohne Sex wirklich so unglücklich?

In der Liebe gibt es immer Ausnahmen. Bei einem Grossteil der Paare ist das Verschwinden der Sexualität ein klares Zeichen für eine sterbende Partnerschaft.

Was kommt zuerst? Das Problem oder die Flaute im Bett?

Das geht Hand in Hand. Einem negativen Aspekt in einer Beziehung müssen immer fünf positive Aspekte gegenüberstehen. Wenn das nicht eingehalten wird, zeigt sich das meist in der Sexualität. Das wiederum verstärkt die Prob­leme in der Beziehung, es ist also eine Abwärtsspirale. Zärtlichkeit und Sexualität dagegen lösen Bindungshormone aus, das stärkt die Beziehung.

Was Paaren wirklich hilft: jeden Abend 20 Minuten über den Tag zu sprechen.

Sie schreiben, dass Sie von Beziehungsarbeit nichts halten. Wieso?

Ich kann Paaren nur davon abraten, am Ende eines anstrengenden Tages darüber zu diskutieren, was in der Beziehung alles schief läuft. Was hingegen wirklich hilft: 20 Minuten über den Tag sprechen. Jeder erzählt zehn Minuten von sich und seinen Erlebnissen. Die wichtigste Regel hier: keine Kritik, keine klugen Ratschläge. Dazu ein 5-Sekunden-Kuss zur Begrüssung und zur Verabschiedung und möglichst oft eine 7-Sekunden-Umarmung, und alles bleibt im Lot.

Nach der Lektüre Ihres Buchs könnte man denken: Sex, Aufmerksamkeit, das Gespräch und Verständnis verhindern jegliche Beziehungskrisen. Stimmt das so?

Krisen kommen in der besten Beziehung vor. Meistens sind sie verbunden mit gravierenden Lebensereignissen wie Arbeitslosigkeit, Tod oder Krankheit.

Was ist Ihrer Meinung nach der grösste Beziehungskiller?

Durch das Zusammenziehen schenkt man sich oft keine Aufmerksamkeit mehr. Man sitzt nur noch auf dem Sofa und starrt in den Fernseher.

Sprechen wir einmal über die Treue. Sind wir Menschen wirklich für Monogamie gemacht?

Ja, meiner Meinung nach schon. Wir Menschen sind biologisch darauf angewiesen zusammenzubleiben, um Kinder grosszuziehen. Studien haben gezeigt, dass 85 Prozent der Menschen von Gefühlen berichten, wenn sie von Affären sprechen. Die Menschen irren, wenn sie glauben, Gefühle und Sex liessen sich auf Dauer trennen. Je älter wir werden, desto wichtiger wird eine Bindung. Das Leben allein zu bestreiten ist grauenvoll, besonders im Alter.

Nach einer langen Beziehung ist eine Singlephase Gold wert.

Mingles, Menschen die zwar zusammen sind, es aber nicht Beziehung nennen wollen, sind anscheinend ein weit verbreitetes Phänomen. Macht diese Beziehungsform glücklich?

Menschen binden sich dann, wenn sie ein Fundament haben: fester Wohnsitz, Job, Geld. Wer davon spricht, dass sich die Leute heutzutage nicht mehr festlegen möchten, irrt. Es passiert nur später. Heute verbringt man mehr Zeit mit der Ausbildung oder Praktika. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Zeitpunkt der Familiengründung um zwei Jahre nach hinten verschoben.

Sie sind auch Singleberater. Wieso kommen Singles zu Ihnen ins Coaching?

Weil sie aus ihrer letzten Niederlage in der Liebe Schlüsse für das nächste Mal ziehen möchten. Ich erarbeite mit ihnen, von wem sie in Zukunft besser die Finger lassen sollten. Nach einer langen Beziehung ist eine Singlephase Gold wert. Bei Singles lassen sich Verhaltens­muster leichter verändern.

Können Sie in Ihrer eigenen Ehe umsetzen, was Sie Ihren Klienten täglich raten?

Ich bemühe mich. Morgens frage ich mich als Erstes, was ich meiner Frau Gutes tun könnte.

Sie haben zwei Söhne. Halten Sie sich aus deren Liebesleben raus?

Ich spreche mit ihnen zwar über ihre Zukunftsvorstellungen, werde mich aber raushalten, wenn sie ihre ersten Beziehungen haben. Mehr als Zuhören ist nicht drin.

Christian Thiel: «Wieso Frauen immer Sex wollen und Männer immer Kopfschmerzen haben. Die populärsten Irrtümer über Beziehungen und Liebe», Südwest Verlag, Fr. 18.30 bei Ex Libris

Autor: Kai Jünemann, Silja Kornacher