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07. Januar 2013

Mädchen, bewegt euch!

Mädchen bewegen sich weniger als Jungen, das zeigt eine Studie. Vor allem mit der Pubertät sinkt das sportliche Engagement. Das Laureus-Camp für Mädchen gibt Gegensteuer: Hier können die Teenager eine Woche lang eine ganze Reihe von Sportarten ausprobieren.

Gilgia Stürm
Für zwei Lektionen Ballett pro Woche reicht es noch: 
Seit die Schule 
immer mehr Zeit beansprucht, muss Gilgia Stürm in Sachen Tanzen kürzertreten.

Vorlieben, Ziele und Freundschaften: migrosmagazin.ch nennt drei Thesen, worauf es beim Sport für Mädchen ankommt. Was meinen Sie?


Es hat in meiner Klasse mehrere Mädchen, die sich für Sport nicht interessieren», sagt Gilgia Stürm (13) aus Egnach TG. Verstehen kann sie das nicht, sie selbst war immer schon recht sportlich. «Ich habe früher Jazztanz, Flamenco und Ballett gemacht.» Seit die Schule immer mehr Zeit beansprucht, muss sie in Sachen Tanzen etwas kürzertreten. Aber für zwei Lektionen Ballett reicht es noch immer. Auch klettern tut sie gern. Darum hat sich Gilgia für das Laureus-Camp im Sportzentrum Kerenzerberg in Filzbach GL angemeldet.

Das Camp ist speziell auf Mädchen ausgerichtet. Es wurde im Sommer 2012 zum zweitenmal von der Laureus-Stiftung zur Sportförderung angeboten und will Mädchen von zwölf bis 16 Jahren dazu anregen, sich mehr zu bewegen und gemeinsam mit anderen spielerisch alle möglichen Sportarten kennenzulernen. Denn Sport, so sagen Experten, hat nachweisbar einen positiven Einfluss auf die Gesundheit, das Gewicht, das Körper- und Selbstwertgefühl und sogar auf die geistige Leistungsfähigkeit.

Alles Dinge, die auch den Mädchen helfen, sich im Alltag zu behaupten und sich mit sich selbst wohlzufühlen. Hinzu kommt: Regelmässige Bewegung hilft, Stress abzubauen, und hebt die Stimmung. Laut Kinderärzten braucht jedes Kind mindestens 30 Minuten intensive sportliche Betätigung pro Tag. Um das zu erreichen, möchte Laureus gezielt Mädchen ansprechen, das sportlich schwächere Geschlecht sozusagen.

Rahel Bosshard (35), Hauptleiterin des Camps, erklärt das Konzept dahinter: «Neben der sportlichen Betätigung wird im Camp auch viel Gewicht auf die Persönlichkeitsentwicklung sowie Gesundheit und Ernährung gelegt. Pflichtfächer sind daher Wellness, Beziehungen und Selbstverteidigung.» Daneben wurden folgende Sportarten angeboten: Hip-Hop, Bauchtanz, Volleyball, Basketball, Kickboxen, Fussball, Klettern, Zumba, Baseball, Yoga und Tennis. Die Teilnahme am Camp kostete 100 Franken, Erfahrungen musste man keine mitbringen — damit wurde die Hürde für eine Teilnahme bewusst tief gehalten.

Das Sport-Camp steht auch Mädchen mit Behinderung offen

Macht überall mit, wo es geht: Lara Braschler tanzt gern und fährt Ski, im Camp hat sie Fussball und Bauchtanz ausprobiert.
Macht überall mit, wo es geht: Lara Braschler tanzt gern und fährt Ski, im Camp hat sie Fussball und Bauchtanz ausprobiert.

Um eines der Kernanliegen, die Integration und Durchmischung von Mädchen aus der ganzen Deutschschweiz, noch besser umzusetzen, waren dieses Jahr ausdrücklich auch Mädchen mit einer Behinderung eingeladen. «Wir wollten uns noch weiter öffnen und möglichst viele Mädchen ansprechen», sagt Rahel Bossard. Zum Beispiel Lara Braschler (15) aus Horgen ZH. Für die Sekundarschülerin hat Bewegung einen ganz besonderen Stellenwert: Sie wurde mit einer Spina Bifida («offener Rücken») geboren und deswegen schon sehr oft operiert.

Gerade im letzten Winter war sie wieder monatelang im Spital und muss sich nun ihre Beweglichkeit und Kondition mit viel Aufwand zurückerobern. Doch behindern lässt sie sich davon nicht. Sie besucht die öffentliche Schule in Horgen und treibt gern Sport, zum Beispiel Skifahren mit einem speziellen Skischlitten für Behinderte. «Früher war ich im Schwimmen, aber das Problem ist, dass die Kurse für Rollstuhlfahrer meist zu Schulzeiten stattfinden, da viele in Heimen leben.» Also macht sie eben sonst überall mit, wo es geht, tanzt gern und ist im Party-OK ihrer Schule. «Im Camp habe ich Bauchtanz und Fussball ausprobiert. Auch Selbstverteidigung funktioniert gut mit dem Rollstuhl», sagt sie und lacht schelmisch. «Ich habe mich auf jeden Fall gut integriert gefühlt und gehe gern ein zweites Mal.»

Musste Ballett wegen einer Knieverletzung aufgeben: Anicia Spielhofer macht heute am liebsten Zumba, im Lager hat sie auch Kickboxen und Bauchtanz belegt.
Musste Ballett wegen einer Knieverletzung aufgeben: Anicia Spielhofer macht heute am liebsten Zumba, im Lager hat sie auch Kickboxen und Bauchtanz belegt.

Bei Anicia Spielhofer (16) aus Unterägeri ZG hat das Lager nicht nur sportlich etwas bewirkt. Das Zusammenleben auf Zeit mit behinderten Mädchen hat auch ihren Berufswunsch geprägt: «Eigentlich wollte ich Primarlehrerin werden. Nun weiss ich, dass ich mit behinderten Menschen arbeiten möchte.» Nachdem sie zehn Jahre Ballett gemacht hat, musste sie es wegen einer Knieverletzung aufgeben. Im Lager hat sie unter anderem Kickboxen und Bauchtanz belegt, ihre neue Lieblingssportart ist jedoch Zumba. Das ist ein Tanz-FitnessProgramm mit lateinamerikanischen Tanzelementen. «Für mich war Sport schon immer sehr wichtig, und ich fände es gut, wenn mehr Mädchen etwas machen würden», sagt sie. «Letztlich ist es eine Frage der Motivation und des Lebensgefühls.» Einige in ihrer Klasse hätten gar keinen Bezug zu Sport, andere zwar nicht Freude daran, aber wenigstens täten sie es für ihre Figur. «Bei vielen hat es auch mit der Familie zu tun», ist die 16-Jährige überzeugt. «Entweder interessiert sich daheim keiner für Sport, oder es fehlt das Geld.» Deshalb findet sie es wichtig, dass es in den Gemeinden und Schulen Angebote für Leute mit kleinem Budget gibt.

Am schönsten sind Sport und Freundschaft zusammen

Sportbegeisterte Schwestern: Habiibah (links) und Naima Yaqub mögen Sportarten, die man zusammen machen kann.
Sportbegeisterte Schwestern: Habiibah (links) und Naima Yaqub mögen Sportarten, die man zusammen machen kann.

Sehr sportbegeistert sind die Schwestern Naima (16) und Habiibah (12) Yaqub aus Domat-Ems GR. Sie sind zu zweit ins Lager gereist. Ihre Eltern stammen aus Somalia, leben jedoch schon lange in der Schweiz. Sport spielt für die Mädchen eine grosse Rolle, sei das Skifahren, Velofahren, Tanzen oder Schwimmen. Am Lager mochten sie besonders, dass das Angebot speziell für Mädchen war. Habiibah hat vor allem die Selbstverteidigung gefallen. «Dadurch fühle ich mich jetzt sicherer», sagt das quirlige Mädchen, das später gern Kinderkrankenschwester werden möchte. Sie und ihre Schwester haben im Lager viele neue Freundinnen kennengelernt. Und Freunde sind besonders Naima sehr wichtig. Seit sie nebst der Lehre immer weniger Zeit hat, möchte sie mittlerweile auch mal nur mit Freunden abmachen, statt Sport zu treiben. Am schönsten findet sie es jedoch, wenn beides zusammen geht: «Darum gefallen mir auch Sportarten, die man gemeinsam machen kann, wie Zumba oder Fitness.»

So unterschiedlich die Bedürfnisse der Mädchen sind, so vielfältig ist das Sportangebot in den Laureus Camps — die Chancen sind gross, dass jede etwas findet, das ihr so viel Spass macht, dass sie es auch im Alltag weiterführen wird.

Autor: Andrea Fischer Schulthess

Fotograf: Vera Hartmann