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20. Januar 2014

Peru - Reise zum Nabel der Welt

Die Zeit ist reif für eine Reise nach Peru. Der Andenstaat ist politisch stabiler geworden und lockt mit kulturellen und kulinarischen Highlights.

Peruanerinnen in traditioneller Kleidung: bunte Gewänder und Stohhüte
Das Interesse der Touristen stärkt den Stolz der indigenen Bevölkerung auf ihr kulturelles Erbe. (Bild: (Bild: PromPeru)
Trekkingrouten in Peru
Trekkingrouten in Peru.

ZU FUSS NACH MACHU PICCHU
Tipps und Bilder zur Peru-Reise:
Reporterin Andrea Freiermuth wartet mit einer einfacheren und einer komplizierten Trekkingroute zur wichtigsten Kulturstätte auf, aber auch mit geeigneten Übernachtungs- und Restaurants-Angeboten sowie generellen Ratschläge zur Reise. Zum Artikel

Man stelle sich ein Land vor, das weltweit zu den kulinarisch attraktivsten Reisezielen gehört, in dem verschiedene Kulturen archäologische Spuren hinterlassen haben, das gleichzeitig mit Sandstränden, Schneebergen und Dschungelabenteuern aufwartet. Und dessen Bevölkerung ihr Pro-Kopf-Einkommen in der letzten Dekade verdreifachen konnte. Kurz: ein Land, das extrem viel zu bieten hat und sich stark verändert, das ist Peru.

Joachim von Buchwald (42) hat den Andenstaat aus einer speziellen Perspektive kennengelernt. Als Teenager lebte er für einige Zeit in Peru. Vor gut einem Jahr kehrte der Genfer nach Südamerika zurück, um in der Niederlassung einer Schweizer Bank mitzuwirken.

Banker Joachim von Buchwald in Machu Picchu.
Banker Joachim von Buchwald in Machu Picchu.

«Wenn ich vor 25 Jahren erzählte, dass ich in Peru lebte, hörte sich das für die Leute an wie Ruanda oder Kambodscha», erzählt von Buchwald, der in der Hauptstadt Lima in einem grosszügigen Appartement mit Portier und Sicht auf einen Park wohnt. Damals, in den 80er-Jahren, wütete im Land die linksgerichtete Guerillaorganisation Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad). Eine von Gewalt geprägte Zeit. Wirtschaft und Infrastruktur lagen am Boden, und Lebensmittel wie etwa Milch waren in der Hauptstadt kaum erhältlich.

Peru ist reich an Bodenschätzen, die Wirtschaft boomt

Bei seiner Rückkehr 2012 entdeckt Banker von Buchwald ein neues Land: «Die Wirtschaft boomt, ein Hochhaus nach dem anderen schiesst in die Luft, auf den Strassen Limas hört man alle möglichen Sprachen, es gibt riesige Einkaufszentren nach amerikanischem Vorbild und eine kaufkräftige Mittelschicht. Früher alles undenkbar.»

Die Inkastätte Machu Picchu, eingebettet in den Anden (Sicht von oben). (Bild: PromPeru)
Die Inkastadt Machu Picchu, zu der täglich 2500 Besucher pilgern.

Da sich die politische Lage stabilisiert hat, kann das Land sein Potenzial nun endlich ausschöpfen. Peru ist reich an Bodenschätzen wie Silber, Gold und Kupfer. Letzteres erzielt derzeit auf den Rohstoffmärkten Höchstpreise. Zudem ist das Land an der Pazifikküste die Nummer eins in der Produktion von Fischmehl, was unter anderem dem nährstoffreichen Humboldtstrom zu verdanken ist.

Auch der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Bisher war Peru vor allem für seine Inkastätte Machu Picchu bekannt, die als Unesco-Weltkulturerbe klassifiziert ist und als grösste Touristenattraktion Südamerikas gilt: In der Hochsaison von Ende Mai bis Anfang September knipsen hier täglich 2500 Besucher um die Wette. Und wer auf dem Inkatrail wandern will, muss Monate im Voraus buchen.

«Die Leistungen der Inkas sind beeindruckend, und Machu Picchu muss man einfach gesehen haben», sagt von Buchwald. Allerdings würden die Leute etwas verpassen, wenn sie nur deswegen nach Peru kämen. Neben einem Trekking in den Anden sollte man unbedingt auch einen Abstecher ins Amazonasbecken und an die Pazifikküste machen – und natürlich in die Hauptstadt.

Lima in der Nacht.
Eine Metropole: Lima kann mit anderen Weltstädten mithalten. (Bild: PromPeru)
Die Plaza de Armas in der Altstadt von Lima.
Die Plaza de Armas in der Altstadt von Lima, einer der Lieblingsplätze des Genfers Joachim von Buchwald. (Bild: PromPeru)

Lima ist auf den ersten Blick keine Schönheit. Von Mai bis November liegt eine dichte Hochnebeldecke über der 9-Millionen-Metropole. Zuweilen kommt sie laut, chaotisch bis gefährlich daher. Das schreckt viele Touristen ab. Schade, denn die nach Kairo zweitgrösste Wüstenstadt der Welt hat einiges zu bieten. Das historische Zentrum ist von engen Gassen, einladenden Pärken und barocken Kirchen aus der spanischen Kolonialzeit geprägt. Im modernen Stadtteil Miraflores können sich Besucher davon überzeugen, dass Lima mit jeder anderen Weltstadt mithalten kann. Und in Barranco, einst ein Ferienort und lange Zeit das Künstlerviertel der Stadt, lassen sich die angesagtesten Bars abklappern.

Mitten in Lima finden sich Spuren präkolumbianischer Kulturen

In seiner zweiten Heimat schätzt Joachim von Buchwald die allgegenwärtigen Spuren der Geschichte, und die beschränken sich auch in Lima längst nicht auf die Kolonialzeit. Im Geschäftsviertel San Isidro zum Beispiel steht zwischen funkelnden Wolkenkratzern eine präkolumbianische Lehmziegelpyramide. «Wo immer Archäologen zu buddeln beginnen, finden sie neue Schätze», schwärmt der zweifache Familienvater. Das sei aber eigentlich nicht verwunderlich, denn in Peru hätten eben nicht nur die Inkas gewirkt, sondern vor ihnen Völker wie die Chavín, Paracas, Tiwanaku, Moche, Wari oder Chimú.

Christine Appenzeller mit drei einheimischen Kindern.
Christine Appenzeller engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für die indigene Bevölkerung. (Bild: PromPeru)

Auch Christine Appenzeller (56) ist fasziniert von der Vielfalt ihrer Wahlheimat. Die Zürcherin reiste vor 30 Jahren nach Peru, um als Volontärin an einem Entwicklungsprojekt teilzunehmen – mit einem Lehrerdiplom in der Tasche und viel Idealismus im Herzen. Nach einem Jahr bei Terre des hommes entschloss sie sich, in Cusco, dem einstigen Zentrum des Inkareichs, einen Kindergarten aufzubauen. Aus diesem Projekt ist die Stiftung Pukllasunchis mit 132 Mitarbeitern entstanden, die heute mehrere Schulen unterhält, sich in der Lehrerausbildung engagiert und ein zweisprachiges Radioprogramm, in Quechua und Spanisch, betreibt. «Ein Leben reicht nicht, um in Peru alles zu sehen. Deshalb musste ich einfach bleiben», scherzt die Stiftungsleiterin und fügt in ernstem Ton an, dass man in der Entwicklungshilfe nicht nur den anderen helfe, sondern auch sich selbst: «Ich habe hier meine Lebensaufgabe gefunden.» Auf der Terrasse des Lehrerseminars mit herrlichem Blick auf die Altstadt von Cusco und die umliegenden Berge sagt sie: «Auch wenn die Wirtschaft wächst, der neue Reichtum erreicht längst nicht alle Bevölkerungsgruppen.» Ausserdem werde die Natur ausgebeutet, worunter langfristig wieder die arme ländliche Bevölkerung leide. «Damit sich diese Leute wehren können, brauchen sie Selbstvertrauen und Bildung.»500 Jahre ist es her, seit die Spanier die eingeborene Bevölkerung unterworfen haben. Aus den einst stolzen Inkakriegern sind unterwürfige Kleinbauern geworden. In Cusco, was so viel wie Nabel der Welt bedeutet, zeugen nur noch ein paar Grundmauern von der glorreichen Vergangenheit. Die Spanier haben alle Paläste und Tempel zerstört und an ihrer Stelle Kirchen errichtet. Dieser Stachel sitzt immer noch tief.

Für an Symbolik interessierte Kunstliebhaber sind die Gotteshäuser eine Augenweide. Sie sind voller Bilder und Skulpturen einheimischer Künstler, die katholische Motive mit indigenen Elementen ausschmückten. Zwischen Heiligenscheinen und Kreuzen entdeckt man Cocablätter und Maiskolben. Die Muttergottes trägt die Insignien der andinen Erdgöttin Pachamama, und beim Abendmahl kommt ein knusprig gebratenes Meerschweinchen auf den Tisch.Heute steht Cuy, der Festschmaus der Indios, auch in Touristenrestaurants auf der Menükarte. Wer offen ist für kulinarische Experimente, wird begeistert sein. Für alle anderen gibt es genügend andere appetitliche Gerichte. Die peruanische Küche vereint das Beste aus drei Kontinenten. Sie kombiniert asiatische Brattechniken mit Produkten aus dem Amazonasgebiet und Rezepten der iberischen Halbinsel.

Cuy, also gebratenes Meerschweinchen, auf dem Teller mit zwei Kartoffeln.
Cuy, also Meerschweinchen, ist ein traditioneller Leckerbissen der peruanischen Küche. (Bild: Avenue Images)

«Am Beispiel von Cebiche zeigt sich am besten, wie kreativ diese natürlich gewachsene Fusionsküche ist», weiss Feinschmecker Joachim von Buchwald. Die Nationalspeise Perus besteht aus Fisch, Crevetten oder Muscheln, wird mit Koriander, Zwiebeln, Chili und Limettensaft angerichtet und oft von Popcorn, Kochbananenchips und Süsskartoffeln begleitet. Von der japanischen Küche inspiriert, sind die Meeresfrüchte roh. Und trotzdem munden sie irgendwie gegart. Zu verdanken ist dieses kulinarische Wunder den in den Tropen wachsenden Limetten. Ihr Saft bricht die Eiweissmoleküle auf, so wie das auch Hitze täte.

Eine neue Generation von Spitzenköchen setzt Akzente

Während Küstenbewohner von Buchwald fast alles isst, was in Peru auf den Tisch kommt, ist der Speiseplan von Christine Appenzeller etwas eingeschränkt: Sie ist seit rund zehn Jahren Vegetarierin. Eintönig ist ihre Kost trotzdem nicht: «Die Auswahl an eiweisshaltigen Produkten wie Quinua, Kiwicha, Tarwi und Hülsenfrüchten sowie auch Gemüse, Mais und Früchten aller Art ist riesig. Und dazu all die verschiedenen Sorten. Allein bei den Kartoffeln gibt es mehrere Hundert.»

In der Gastronomie ist es ähnlich wie in der Ökonomie: Erst seit Kurzem sind die Peruaner sich ihrer Schätze bewusst. In den letzten Jahren hat eine neue Generation von Spitzenköchen wie der inzwischen weltweit bekannte Gastón Acurio Akzente gesetzt, indem sie traditionelle Gerichte zu gastronomischen Highlights weiterentwickelte. Der Erfolg liess nicht auf sich warten: Im vergangenen Jahr wurde Peru bei den World Travel Awards zum weltweit attraktivsten Reiseziel für Gourmets gewählt, noch vor Frankreich, Italien oder Japan.

Autor: Andrea Freiermuth