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21. Mai 2012

Lustige Eingeborene

Was mich etwas betrübt, ist die Vorstellung, dass ich jetzt irgendwo durchs Internet gondle, mit Shirt, Sonnenbrille und leicht verbranntem Teint … Und wenn ich «gondle» sage, meine ich es: Auf einer dieser doofen Touristengondeln schaukle ich durch Venedig. «In den schmalen Kanälen begegnet man sich von Tourist zu Tourist in der Gondel», notierte einst der gescheite Franzose Jean-Paul Sartre, «und jeder findet den anderen leicht lächerlich.» Schlimmer noch: Sich selbst findet man lächerlich und hofft die ganze Zeit, der Gondoliere möge wenigstens nicht auch noch «O sole mio» zu singen anheben.

«Man gönnt sich Kitsch und Kindlichkeiten.»
«Man gönnt sich Kitsch und Kindlichkeiten.»

Aber das ist ja das Schöne an Familienferien: Man gönnt sich Kitsch und Kindlichkeiten, die man sich sonst versagen würde. Also stieg ich in den Frühjahrsferien, von Hans und Anna Luna gedrängt, zum ersten Mal im Leben in eine «Gondola». Und, hey, ich habe es nicht bereut! Erst vom Boot aus bekommt man das richtige Gefühl für diese verrückte Stadt. Die Freude und Neugierde der Kinder ist sowieso immer ansteckend. Eine Freude, ungetrübt von Skrupeln, wie wir Erwachsenen sie hegen: «Was, wenn mich jetzt jemand kennt?» Der Gondoliere erzählte, er gehe dieser Arbeit seit 48 Jahren und in siebter Generation nach, sprich: Schon sein Ururururgrossvater stakte und manövrierte mit diesem speziellen einen Ruder durch die Wasserstrassen und -gässchen der Stadt, und wenn davon nur die Hälfte stimmt, ist es schon imposant. Wunderschön wars. Nur gondle ich nun halt durchs Netz, denn eine Japanerin, deren Gondel wir kreuzten, hat uns gefilmt, bestimmt noch gleichentags auf Facebook gestellt und unter das Filmchen vermutlich auf Japanisch geschrieben: «Lustige Eingeborene».

Man gönnt sich Kitsch und Kindlichkeiten.

Nicht, dass das Medium als solches mich stressen würde. Ich habe soeben den fünften Elterninformationsabend geschwänzt, der mich vor den Gefahren des Internets warnen wollte — wissend, dass meine Kinder längst besser drauskommen, als ich je drauskommen werde. Sie schützen ihre Privatheit, stellen keine peinlichen Bilder ins Netz, misstrauen Unbekannten. Die Nervosität ist es, die mich skeptisch macht, der Imperativ «Alles ohne Verzug zur gleichen Zeit!», neuerdings «Sofortness» genannt. Den Buben, den ich auf dem Markusplatz an seinem Smartphone hantieren sah und kläffen hörte: «Mama, ich habe keinen Empfang!», den hätte ich ohrfeigen können. Besser gesagt: Ich hätte ihm gern erzählt, dass man es seinen Freunden, als ich vor 36 Jahren zum ersten Mal in Venedig war, erst hinterher erzählte und das Erlebnis nicht zu «sharen» suchte, noch während man es erlebte — man hätte sonst vor lauter Teilen das Erlebnis verpasst.

Hans ist just so alt, wie ich damals war. Wie hätte ich ihm verbieten wollen, Cola-Büchsen mit heimzunehmen (weil die in Italien ein bisschen anders aussehen), wo ich doch genauso souvenirselig war? Mir ist sogar, eine Cola-Flasche von ehedem verstaube noch heute im Haus meiner Mutter vor sich hin. Wie wollte ich den Kindern verargen, dass sie bei Ebbe Muscheln aufsammelten? Nun kommen in ihren Necessaires und Jackentaschen immer neue Muscheln zum Vorschein, und Sand rieselt heraus; Erinnerungen …

Und seit dem Börsengang von Facebook versuchen sehr viele Leute sehr viel Geld zu verdienen, zum Beispiel damit, dass ich sonnenverbrannt durchs World Wide Web gondle. Dabei geht das im Grunde niemanden etwas an. Nämlich.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Bänz Friedli live: 22. Mai, Heerbrugg SG.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli